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Sep 11, 2024 23 tweets 7 min read Read on X
Wo steht das Bündnis Wagenknecht programmatisch?🧵
Ist es die neue sozialdemokratische Volkspartei?
Sind es sozialistische Revolutionäre?
Oder ist es nur eine Vorfront-Organisation des Kreml?

Eine Durchsicht der Wahlprogramme in 3 Bundesländern gibt interessante Einsichten:
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Die Landtags-Wahlprogramme für BB, SN und TH unterscheiden sich in Umfang und Gliederung stark, enthalten dabei in einigen Abschnitten gleiche oder ähnliche Textbausteine.
Dabei fallen inhaltliche Unterschiede und Widersprüche auf, wenn man sich das “Eingemachte” anschaut.
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Kapitel werden mit länglichen Lamentos über den schlechten Zustand des Landes begonnen, die teilweise mehr als die Hälfte des Gesamttextes ausmachen.
Hier ist die Rede von Katastrophen, Blamagen etc.
Der Staat wird als bevormundend und bürgerfremd beschrieben.
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Darauf folgen in der Regel sehr allgemeine abstrakte Beschreibungen eines erwünschten Idealzustands, z.B.
Bessere Bildung
mehr Gerechtigkeit
mehr Frieden
Pünktliche Züge
auskömmliche Landwirtschaft
Bessere Versorgung im ländlichen Raum.

Punkte die jede Partei unterschreibt.
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Der Textanteil, der konkrete politische Forderungen oder sogar Lösungsansätze für die beanstandeten Mängeln bzw. zum Erreichen der gewünschten Idealvorstellungen beinhaltet,
beträgt nur etwa 30 % der Wahlprogramms.
Und diese Forderungen kann man in 2 Gruppen teilen:
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Etwa 25 % aller politischen Forderungen beziehen sich auf Bundespolitik, können also in Bundesländern gar nicht umgesetzt werden.
Hier geht es um wesentliche Änderungen z.B. des Steuer-, Justiz-, Sozial- , Asyl-, Einwanderungsrechts und der Bündnis- und Außenpolitik.
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Diese teilweise utopischen + populistischen Forderungen werden garniert mit einer Vielzahl von etwa 160, teilweise kleinteiligen landesspezifischen Forderungen, die ein möglichst breites Spektrum ansprechen sollen.
Für jede gesellschaftliche Gruppe ist darin etwas zu finden.
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Hier beispielhaft Forderungen von BSW, die unterschiedliche Kernklientel anspricht:
Bürokratieabbau für Unternehmen (FDP)
Ausbau EE und Regionale Landwirtschaft (Grüne)
Höherer Mindestlohn (SPD)
Einwanderungsstopp (AfD)
Abbau von Regelungen für die Landwirtschaft (CDU/CSU)

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Dabei werden Widersprüche zwischen Forderungen in Kauf genommen.
Auf der einen Seite wird der bevormundende Staat, insbesondere durch die Grünen beklagt,
auf der anderen Seite wimmelt es beim BSW z.B. im Bildungsbereich nur so von geplanten Verboten und Pflichten.
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Während in den Kopftexten viel von “Zerstörtem Vertrauen in den Staat” gesprochen wird, scheint das Vertrauen des BSW in die Kompetenz der Lehrkräfte nicht groß zu sein.
Nebenbemerkung:
Wo die Wagenknechtler gendern also verbieten,
wird im Wahlprogramm der LINKEN gegendert_
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Ein Thema, mit dem das BSW wohl Unternehmerschaft und Mittelstand ansprechen will, ist Bürokratieabbau.

Er wird in allen(!) Verwaltungs- und Politikfeldern thematisiert.
Alles soll dereguliert und entschlackt werden, effizienter werden, Vorschriften auf den Prüfstand.
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Und wie soll die Entbürokratisierung laut BSW erfolgen?

Zum einen durch umfassende Prüfungen.
Alles soll auf den Prüfstand kommen.

Dazu sollen neuer Gremien, Expertenräte & Kommissionen eingerichtet werden.
Man könnte fragen: Soll hier Klientel versorgt werden?
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Warum so viele Prüfaufträge, wenn in der BSW viele erfahrene Kommunal- und Landespolitiker und Politikerinnen sitzen, die seit Jahren politisch Verantwortung tragen?

Warum vermeidet man zu vielem konkrete Aussagen?
Sollen Themen absichtlich offen gehalten werden?
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Zum anderen setzt das BSW auf “direkte Demokratie”, allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
In Thüringen sollen Plebiszite per Verfassungsänderung eine stärkere Rolle auf allen Ebenen von Politik und Verwaltung bekommen.
Dazu soll das Finanztabu fallen.
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Das heißt:
Wenn Aktivisten ein bestimmtes Quorum an Bürgern
-das weit unter der Mehrheit liegen kann-
mobilisieren können, könnten per Volksabstimmung an Parlament und Regierung vorbei die Ausgabe staatlicher Gelder oder der Stopp beschlossener Gesetze durchgesetzt werden.
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Wer glaubt, “Direkte Demokratie” sei demokratischer als die “Parteien-Demokratie”,
schaue sich die Ergebnisse von Brexit und diverse Entscheidungen in der Schweiz an, z.B. das rechtswidrige “Moschee-Verbot”, die von emotional mobilisierten Minderheiten herbeigeführt wurden.
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Interessant die mehrfache Verwendung von “dog whistle”-Schlagworten aus dem Alt-Right/ Querdenker-Millieu.
- Keine Bargeld-Abschaffung
- Corona-Untersuchungsausschuss
-Diskriminierung der Impfgegner
-WHO-Pandemievertrag
-grün-autoritärer Politikstil
-Meinungsdiktatur im ÖRR
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Außerdem interessant:
Die umfassenden konkreten Forderungen des BSW für landwirtschaftliche Betriebe.
Selten wird es so konkret wie hier.
Wünsche des Bauernverbandes werden 1:1 ins Parteiprogramm übernommen.
Entsteht hier eine populistische Konkurrenz für CSU/ Freie Wähler?
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Im Vergleich dazu fallen die Vorschläge des BSW in der Sozialpolitik abseits bundespolitischer Forderungen auf der jeweiligen Landesebene weniger konkret aus:

Tarifbindung z.B. wird abstrakt gefordert-
doch nur für Brandenburg gibt es eine konkrete, kleinteilige Idee dazu.
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Die Parteiprogramme des BSW wirken wie bunte Pralinenschachteln: Die jeder Klientel, von rechts bis links, von grün bis liberal etwas süßes bieten.

Wenig ist konkret - und das dann oft nur bundespolitisch erreichbar.
Sie unterscheiden sich deutlich von dem der Linkspartei.
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Neben den außenpolitischen Themen (“Frieden”) scheint man auf Stimmenfang mit populären Themen zu gehen, auf das jeweilige Bundesland abgestimmt:
In Sachsen werden Studentenwohnungen gefordert, in Brandenburg Schutz des Grundwassers.

Unspezifisch, aber am Puls der Wähler.
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Hier wurde den BSW-Kadern auf Landesebene offensichtlich eine gewisse thematische Beinfreiheit gegeben.
Die wichtigen (bundespolitischen) Themen sind aber zentral vorgegeben und stehen jeweils prominent am Anfang der Programme.
->Partei-Strukturen analysiert @spartyflyboy
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@spartyflyboy Im 2. Thread werde ich die zentralen bundespolitischen Themen des BSW
“Frieden mit Russland”
“Migrations-Stopp” und
Finanzpolitik
genauer anschauen und die Frage diskutieren,
wofür und für wen es diese “Gemischtladen-” Partei im politischen Spektrum überhaupt gebraucht hat.
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Feb 13
Ist Trumps Klimapolitik "konservativ"? 🧵

Umwelt- und Klimapolitik waren in den 1980ern kein “linkes” Thema.
Trump greift heute Strukturen an, die seine republikanischen Vorgänger aufgebaut hatten.
Gleichzeitig läuft sein Angriff auf ein Fundament der Demokratie: Wahrheit.
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Klimaforschung wurde 1977 von US-Ölkonzernen finanziert.
Wer Bohrplattformen baut, braucht valide Schätzungen, wie hoch der Meeresspiegel steigen wird.

Dann versuchten sie, ihr Wissen über fatale Folgen menschengemachten Klimawandels zu vertuschen.
2/14
scientificamerican.com/article/exxon-…
1989 setzte die Regierung George H. W. Bush das Global Change Research Program USGCRP auf.
In dem 15 US-Behörden, darunter die NASA, menschengemachte globale Umweltveränderungen erforschen und
in “Assessments” Handlungsempfehlungen entwickeln sollten.
3/14
en.wikipedia.org/wiki/U.S._Glob…
Read 14 tweets
Feb 12
"Entzaubert" sich Trump selbst? 🧵

Wir wissen, dass 1933 die Hoffnung von Zentrums-Politikern, Hitler würde sich -wenn er an der Macht ist- selbst entzaubern, ein fataler Fehler war.

Aber könnte eine solche Strategie bei Trump aufgehen?
Weil er zu viele Schwächen zeigt?
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Trump gelingt es im Unterschied zu den Nazis 1933 nicht, das heterogene rechte Lager aus
-libertären Cryptobros
-identitären Faschisten
-Evangelikalen und
-Establishment-Gegnern
auf gemeinsame Ziele einzuschwören, dass die Widersprüche in deren Interessen überdeckt würden.
2/13
Während sich Hitler als Asket ohne ökonomische oder sexuelle Interessen inszenierte, dem es nur um Volk & Vaterland gehe,
bereichert sich Trump von Tag 1 an in unverhüllter Gier.
Seine Verbündeten verlieren dabei das Vertrauen, ob er überhaupt ihre Interessen vertreten will.
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Read 13 tweets
Feb 6
Karte der deutschen ÄNGSTE🧵

Will man deutsche Politik verstehen, sollte man auf the GERMAN ANGST schauen.
Dabei stellt sich die Frage, wie weit Politiker und Medien bestimmte ÄNGSTE befördert und damit die Handlungsfähigkeit der Politik, z.B. gegen Russland, unterminieren.
1/10 Quelle: https://www.ipsos.com/sites/default/files/documents/2025-12/Germany%20Report%20-%20What%20Worries%20the%20World%20Dec%2025.pdf
Bis 2022 war die dominante Angst in Deutschland die vor dem sozialen Abstieg und wachsender Ungerechtigkeit.

Ab 2015 kamen Ängste vor Migranten und steigender Kriminalität dazu, die aber abebbten.

Mit der Pandemie ab 2020 stieg die Angst vor Inflation.
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Bezeichnend:
Für eine Mehrheit in Deutschland war nur kurz, im Frühjahr 2022, Angst vor Krieg die dominierende Sorge.
Als klar wurde, dass der Krieg ein “Problem anderer Leute”, nämlich der Ukrainer war, dominierten Sorgen vor Inflation durch den Wegfall russischer Rohstoffe
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Read 10 tweets
Feb 3
Zivilverteidigung im US-Bürgerkrieg

In den USA zeigen Nachbarschafts-Initiativen gewaltfreie Strategien zum Widerstand gegen die übergriffige Staatsmacht.
Der hybride Bürgerkrieg auf den Straßen und im digitalen Raum hat begonnen,
ein Kampf mit digitalen und letalen Waffen:
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Die Frage, wann dieser 2. US-Bürgerkrieg begann, werden Historiker anhand unterschiedlicher Definitionen für Krieg diskutieren.
Wir sollten verstehen, wie er geführt wird. Weil er nicht der letzte seiner Art sein wird.
Wie wird gekämpft?
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Wenn Trump 3000 ICE-Agenten in einen Bundesstaat mit recht niedrigem Anteil an “illegalen” Migranten und sinkender Kriminalität schickt,
geht es nicht um Migration oder Kriminalitätsbekämpfung.
Die Bewohner verstehen es als einen Angriff, der sie terrorisieren soll.
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Read 16 tweets
Jan 30
Der fliegende Pinguin🧵

Eine Geschichte über Identitäts- und Sinnsuche der Gen Z,
Social Media Hypes,
Far-Right Angriffe und
Kampf um Deutung und kulturelle Souveränität.

Worum gehts?
Gestern hatte Außenminister Wadephul auf Instagram ein video gepostet, das viral ging.
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Schnell fiel Usern auf, dass eine Coverversion des Disko-Schlagers L’Amour Toujour verwendet wurde.

Ein Lied, zu dem ab 2023 besoffene Nazis mehrfach “Deutschland den Deutschen, Ausländer raus”
gegrölt hatten, weshalb es bei einigen Großevents nicht mehr gespielt wird.
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Was hatte die Social-Media-Admins von Wadephul also geritten, diesen Song zu verwenden? - könnte man empört fragen.

Die Antwort darauf ist überraschend positiv und gibt interessante Einblicke in Social Media-Phänomene und wie man sie nutzen kann, um Raum zurück zu gewinnen.
3/12
Read 12 tweets
Jan 29
Streng vertraulich🧵
Wir sollten genauer hinschauen beim WELT-Wirtschaftsgipfel, veranstaltet vom Springer-Konzern, einem inoffiziellen Unterstützer von Merz’ Wahlkampagne 2025.
Warum treffen sich hohe Regierungsvertreter und ein General mit CEOs in einem so dubiosen Rahmen?
1/12
Der Springer-Konzern ist nach Ausstieg von KKR&CPP 2025 zu 95% im Besitz der Milliardäre Friede Springer und Mathias Döpfner.
Beide verfolgen erkennbar die Strategie, ihre Medien für starke politische Einflussnahme einzusetzen.
In Koalition mit far-right Partnern in den USA.
2/12 Image
Döpfner verstieß schon 2021 gegen die Compliance-Regelungen des eigenen Hauses,
als er seinem damaligen BILD-Chefredakteur und heutigen NiUS-Chef Julian Reichert eine parteipolitische Kampagne zugunsten der FDP anordnete:
“Please stärke die FDP”.
3/12
lto.de/recht/hintergr…
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