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Oct 8 22 tweets 4 min read Read on X
Weil es mir immer wieder solche absurden Behauptungen reinschwemmt, dass Argentinien wegen "50 Jahren Sozialismus" wirtschaftlich so schlecht dasteht.

Hier eine kleine Reise durch die letzten 50 Jahre argentinischer Politik.
Vor 50 Jahren starb Juán Perón, der Begründer der Peronisten (die übrigens KEINE Sozialisten sind - Perón war ein Militär und enger Freund Mussolinis) im Amt.

Es übernahm seine zweite Frau Isabel Martínez de Perón. Sie hat keine gute Nachrede, war schwach und unbeliebt.
Nur 2 Jahre späte putschte sich das Militär an die Macht und leitete die dunkelste Zeit dieser 50 Jahre ein: die faschistische Militärdikatatur in der 30.000 Menschen ermordet und hundertausende gefoltert wurden.
Wirtschaftpolitisch war diese Zeit von neoliberalen Ideen...
...geprägt und viele, den Militärs nahestehende Familien, die heute Oligarchen sind, haben den Grundstein ihres Vermögens in dieser Zeit gelegt. So etwa die Familie des späteren rechtspopulistische Präsident Macri.

Die Diktatur dauerte 1976 bis 84.
Der erste Präsident der neuen Demokratie, Raúl Alfonsín war ein Konservativer. Er wird bis heute sehr geschätzt und hat sich stark für die demokratische Verfassung eingesetzt. Wirtschaftspolitisch waren die UCR, die Konservativen, historisch immer der Gegenpol zu den Peronisten.
1989-99 regierte dann 10 bittere Jahre der neoliberale Carlos Menem, der zwar auf einem Ticket der Peronisten kandidierte, aber eine radikal marktliberale Politik betrieb: Privatisierungen, Rückbau des Sozialstaats, wirtschaftliche Liberalisierung und Rückzug des Staates.
Der anachrco-libertäre Javier Milei bezeichnet Meném gerne als den besten Präsidenten, den Argentinien in den letzten 100 Jahren hatte. Ich denke, die meisten Argentinier sehen das anders. Er hat das Land ruiniert und den Weg für die Staatspleite 2001 aufbereitet.
Nach Menem war die Infrastruktur kaputt, die Bahn zerstört, die öffentliche Bildung beschädigt und das Land dennoch so hoch verschuldet, wie nie zuvor. Das zweite große neoliberale Experiment nach der Militärdiktatur ist so krachend gescheitert, wie das erste.
Zwei weitere Jahre versuchte Eduardo Duhalde (2002-03, ebenfalls konservativ) den Kollaps zu verhindern, doch inbesondere die von Menem verusachte Dollarparität war kaum zu reparieren. 2001 folgte die Staatspleite und das politische Chaos.
Nach dieser Abfolge faschistischer, konservativer und neoliberaler Politik, die das Land in den Abgrund gestürzt hat, folgten 12 Jahre des Peronismus unter den Präsidenten Nestor Kirchner (2003-07) und seiner Frau Christina Fernandez de Kirchner (2007-11).
Die Kirchners, die eine klassisch-peronistische Politik fuhren und massive Sozialprogramme einführten, haben das Land geprägt. Die Armut ging zurück. die Mittelschicht, die nach 2001 quasi ausradiert war, begann wieder zu wachsen. Allerdings auch die Staatsschulden.
Außerdem sind die Kirchners immer wieder mit Korruption aufgefallen. Was sie allerdings kaum von anderen Präsidenten Argentiniens der letzten 50 Jahre unterscheidet. Die Infrastruktur wurde langsam wieder aufgebaut, öffentliche Bildung, Gesundheit und Transport gefördert.
Es bleibt aber der Nachgeschmack, politischer Besetzungen und massiver Freunderlwirtschaft sowie ein ständiges Ringen mit den Staatsschulden.

Aus dieser Kritrik heraus gewann der Rechtspopulist Mauricio Macri (2015-19) die Wahlen und drehte wirder auf eine stark neoliberale...
...Politik. Der Sozialstaat wurde wieder zurückgefahren, die Infrastruktur vernachlässigt, es wurde privatisiert und von unten nach oben umverteilt. Daher wurde Macri auch nicht wiedergewählt. Er hinterließ, trotz brutaler Kürzungen, den höchsten Schuldenstand der Geschichte.
2019 kam mit dem Ökonomen Fernández wieder ein Peronist an die Macht, der sich leider als schwach herausstellte. Das hochverschuldete Land wurde von Corona sehr hart getroffen und die Wirtschaft ging noch weiter den Bach runter. Die Inflation stieg massiv.
Auf diesem Nährbaoden ist 2023 Javier Milei zum Präsidenten geworden, der sich als "Anti-Politiker" präsentierte, in Wahrheit aber einfach ein radikaler Staatsgegner und ultraliberaler Rechtspopulist ist.
Was bleibt also, von der Behauptung "50 Jahre Sozialismus haben Argentinien ruiniert"? Nicht viel.

In diesen 50 Jahren haben die Peronisten genau 19 Jahre regiert.
10 Jahre regierte der neobilerale Carlos Menem
9 Jahre die Konservative UCR
7 Jahre war faschistische Diktatur
und 4 Jahre der Rechtspopulist Macri.

Es steht also in diesen 50 Jahren 31:19 für rechte Wirtschaftspolitik.
Die ganz großen Krisen haben verlässlich Neoliberale ausgelöst: in den 70er/80ern mit zigtausenden Ermordungen und wirtschaftlichem Niedergang, in den 90ern Menem, der die größte Staatspleite verursacht hat und zuletzt Macri, der die größten Schulden der Geschichte hinterließ.
Will ich die Peronisten also von jeglicher Schuld freisprechen? Auf keinen Fall. Weder die Korruption unter den Kirchners war verzeihbar, noch ist es ihnen gelungen, den von den Neoliberalen angerichteten Schaden nachhaltig zu reparieren und die Schulden abzutragen.
Den Menschen (jedenfalls den unteren 80%) ging es dennoch unter den Peronisten immer besser als unter den Neoliberalen.

Wenn man ansieht, wie enorm die Zerstörung aber ist, die derzeit unter Javier Milei stattfindet, wird es etwas ganz Neues brauchen, um das Land danach...
...wieder auf die Beine zu bekommen. Milei wird ein Land hinterlassen, dass schwer verarmt ist, in dem Bildung und Gesundheit Privilegien für Reiche sind, die öffentliche Infrastruktur zerstört ist und Zukunftsinvestitionen ausgeblieben sind.

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Oct 8
🇦🇷 In Argentinien geht es, nach knapp einem Jahr unter Präsident Javier Milei, jetzt Schlag auf Schlag.

Wurden zuletzt die öffentlichen Unis finanziell vernichtet, ist jetzt die Gesundheit dran.

🧵
Zur Erinnerung: bei noch immer rund 240% Inflation hat der Senat für die Unis eine Inflationsanpassung gegenüber des Budgets von 2024 beschlossen. Milei hat das per Veto verhindert. Damit drittelt sich real das Budget der Unis. Unmöglich den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Mehr als eine Million Menschen ist letzte Woche gegen diese Zerstörung der öffentlichen Bildung auf die Straße gegangen. Vergeblich.

Milei will, dass Menschen ohne Vermögen nicht mehr studieren können.

Jetzt ist die Gesundheit dran.
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Oct 4
🇦🇷Was tut sich inzwischen so in Argentinien? Javier Milei ist seit knapp einem Jahr Präsident. Er stellt stellt eine ernste Bedrohung für die Stabilität und den sozialen Frieden in Lateinamerika dar.
Das wird immer unübersehbarer.
Mit seiner radikalen libertären Ideologie und der Verachtung für demokratische Grundrechte könnte er aber auch die ganze die Region destabilisieren. In anderen Ländern Lateinamerikas formiert sich ebensfalls die extreme Rechte.
Mileis Pläne, den US-Dollar als Währung einzuführen, drohen, die argentinische Wirtschaft ins Chaos zu stürzen. Die Armut in Argentinien hat bereits über 52 % erreicht, soziale Sicherungssysteme wurden weitgehen abgeschafft. Ebenso Klima- und Umweltschutz.
Read 17 tweets
Oct 3
🇦🇷 Gestern gingen in Argentinen übrigens über eine Million (!) Menschen landesweit auf die Straße um gegen die massiven Kürzungen der Burdgets für öffentliche Universitäten durch Präsident Javier Milei zu demonstrieren.

Leider vergebens.
Der Senat (wo Milei keine Mehrheit hat), hatte zuvor eine Anpassung der Uni-Budgets an die Inflation beschlossen. Milei hatte angekündigt, gegen diesen Beschluss ein Veto einzulegen. Dmit würden die Budgets der Unis (nominal!) fortgeschrieben.
Auch wenn die Inflationsrate in Argentinien aufgrund eines massiven Konsumeinbruches und steigender Armut zuletzt gesunken ist, liegt sie aktuell noch immer bei extrem hohen 236%. Das Fortscheiben der Budgets bedeutet daher, dass die Budget real gedrittelt werden.
Read 8 tweets
Sep 30
Tag nach der Wahl. Ich versuche mir, als überzeugter Grünwähler, das Ergebnis der Grünen zu erklären.

Die in meinen Augen 5 Jahre extrem erfolgreich regiert haben.

Was ist da passiert? Ein paar Gedanken nach vielen Gesprächen.
🧵
Mein Blick geht nur auf das Wählerpotenzial der Grünen, also Leute, die für die Grünen prinzipiell gewinnbar wären (die anderen sind he unerreichbar). Warum hat von denen ein Großteil gestern nicht die Grünen gewählt?
Dass die Grünen viel geschafft haben, kann man nicht bestreiten: die Emissionen sinken das dritte Jahr in Folge, das Amtsgeheimnis ist abgeschafft, die Valorisierung von Sozialleistungen durchgesetzt, es gibt ein Klimaticket, ein Einwegpfand, CO2-Bepreisung, ...
Read 24 tweets
Sep 9
Ich möchte gerne 3 weitverbreitete falsche Annahmen zur nahenden Wahl in 🇦🇹 widerlegen:
1) die Gefahr einer FPÖ in der Regierung ist am größten, wenn die FPÖ 1. wird.
2) Nur die SPÖ kann FPÖ/ÖVP verhindern
3) die Chancen auf eine Regierungsbeteiligung der Grünen sind minimal.

🧵
1) Die Gefahr einer Regierungsbeteiligung der FPÖ ist besonders hoch, wenn die FPÖ bei den Wahlen erste wird.

Das Gegenteil ist der Fall. Wenn die FPÖ auf Platz 1 landet, muss sie de facto auf das Kanzleramt für Kickl bestehen. Diesbezüglich hat sie sich auch massiv eingegraben.
Genauso eingebraben haben sich die wesentlichen Spitzenvertreter der ÖVP, von Nehammer abwärts, dass sie Kickl keineswegs zum Kanzler machen werden.

De facto würde ein knapper Sieg der FPÖ vor der ÖVP vermutlich die Chancen auf eine Regierungsbeteiligung der FPÖ minimieren.
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Jun 27
🇧🇴Putschversuch in Bolivien. Was ist da los?
Der Versuch der Militärs, Präsident Arce zu stürzen steht in einem größeren Zusammenhang. Da spielt wohl auch das Lithium, das im Süden Boliviens zu finden ist, eine Rolle.

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