Wie kommt es, dass in Deutschland so viele Menschen die Schattenseiten von Autokratien nicht sehen wollen - oder schlimmer noch - als gegeben hinnehmen? In diesem 🧵 geht es um deutsche Befindlichkeiten: von Lebenslügen über Selbstzensur bis hin zu Selbstvasallisierung /1
Um zu verstehen, wo Deutschland falsch abgebogen ist müssen wir uns mit dem Architekten der Autokratieblindheit beschäftigen: Egon Bahr. Der Berater von Willy Brandt hatte eine sehr eigenwillige Theorie des Wandels, die er 1963 in seiner Tutzinger Rede wie folgt beschrieb: /2
"Das Vertrauen darauf, daß unsere Welt die bessere ist, die im friedlichen Sinn stärkere, die sich durchsetzen wird, macht den Versuch denkbar, sich selbst und die andere Seite zu öffnen und die bisherigen Befreiungsvorstellungen zurückzustellen.” /3
Durch Erhöhung des materiellen Wohlstands in der Zone würde die Unzufriedenheit der Bevölkerung abnehmen, und die Sicherheit des Regimes zunehmen. Eine Lockerung der politischen Kontrolle würde möglich. Die Akte von Helsinki (1975) schien Bahr zunächst Recht zu geben /4
Auch wenn der KSZE-Prozess kurzfristig sogar oppositionelle Kräfte stärkte, blieb Bahrs Grundannahme über die Steuerbarkeit autokratischer Systeme problematisch. Sein blinder Fleck bestand darin, dass er die Resilienz autokratischer Regime unterschätzte /5
Die Sowjetunion liess sich auf die Entspannungspolitik ein, da sie über die Pipeline-Deals harte Westwährung erhielt. Das Ziel war die Konsolidierung ihres Machtbereichs, nicht politischer Wandel. Otto Wolff von Amerongen hat das 1992 unumwunden eingeräumt /6
Und in den 80er Jahren wurde aus Bahrs ursprünglich progressivem Ansatz ‘Anbiederung statt Wandel’, wie die gemeinsame SPD-SED-Erklärung von 1987 ("Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit”) zeigt. Stabilisierung der Beziehung wurde das Ziel /7
Spätere Variationen von Bahrs Ansatz waren “Wandel durch Handel” (Kohl et al) bzw. “Annäherung durch Verflechtung” (Steinmeier). Bahrs Grundannahme wurde zum Dogma. Und bei vielen Zeitgenossen wurde es Teil der professionellen bzw. politischen Identität /8
Diese Identität einiger Zeitgenossen war von Selbstzensur geprägt. Wer in den Ostblock fuhr konnte dort schwerlich politisch heikle Themen ansprechen. Das gleiche galt später für China. Das Ausschliessen von Konfliktthemen wurde als professionelle Notwendigkeit angesehen /9
Diese Selbstzensur im Ausland hatte Auswirkungen auf den Diskurs in Deutschland. Nunmehr galt es, generell Kritik an Autokratien zu vermeiden. Das war nicht mehr reine Taktik, sondern Teil des eigenen Selbstverständnisses als vermeintlich ‘pragmatische Realisten’ /10
Wer Kritik an Autokratien äusserte wurde reflexhaft als naive Moralisierer oder Kriegstreiber diffamiert. Da viele Zeitgenossen die Theorie des Wandels von Bahr unkritisch übernahmen wurde sein Ansatz zu einem sich selbst verstärkenden Konsens. Eine ungeschriebene Norm /11
Dies erklärt auch, warum während der Merkel-Jahre nur viel zu zaghaft Kritik an der einseitigen deutschen Russland-Politik geäussert wurde (Nordstream 2, Minsk I-II nach der Krim-Annektion etc). Dasselbe galt auch für die deutsche Chinapolitik, die in Stein gemeißelt schien /12
Aus heutiger Sicht kann man den Ansatz Bahrs nur als gescheitert betrachten. Autokraten haben schnell durchschaut, dass es sich hier nicht nur um eine Einbahnstraße handelt: deutsche Eliten konnten durch professionelle und monetäre Anreize kooptiert werden /13
Die daraus resultierende Verengung des Meinungskorridors führte zum Verlust der Fähigkeit strategischer Voraussicht. Risikomanagement gegenüber Autokratien wurde als Gefährdung der eigenen Identität wahrgenommen /14
Selbstzensur wurde zu Selbstvasallisierung. Nicht durch äußeren Zwang, sondern durch innere Selbstaufgabe /15
Solche Zeitgenossen begehen weniger bewussten Verrat sondern halten sich für ‘ehrliche Deutsche’: Sie haben sich selbst überzeugt, dass ihre Haltung richtig ist. Die unhinterfragte Grundannahme Egon Bahrs lebt bis heute fort - obwohl sie längst widerlegt ist /16
Ein Zyniker kann entlarvt werden. Das Problem ist vielmehr, dass viele Zeitgenossen die Selbstzensur in ihre Identität eingebaut haben. Die Korrektur erfordert daher nicht nur bessere Information, sondern eine Konfrontation mit dem eigenen Selbstbild /17
Das macht den Ausbruch aus dem Mechanismus so schwer und so selten. Die politische Aufgabe besteht darin, den Diskurskorridor wieder zu öffnen: Nicht durch Moralisierung, sondern durch die nüchterne Benennung der Kosten des Nicht-Handelns /18
Die größte sicherheitspolitische Verwundbarkeit Deutschlands liegt nicht in Moskau oder Peking, sondern in den professionellen Reflexen vieler deutscher Funktionseliten. Ohne eine neue Fehlerkultur werden wir diese selbstverschuldete Unmündigkeit nicht überwinden können /Ende
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Eine neue China-Kommission des Bundestages soll "möglichst im Konsens" prüfen, wie die deutschen Energie- und Rohstoffimporte verbessert werden können und ob Änderungen im Außenwirtschaftsrecht notwendig sind. Aber kann das klappen? Ein kurzer 🧵 /1 bundestag.de/dokumente/text…
Auffällig an der Gesamtzusammensetzung ist, dass der Schwerpunkt deutlich stärker auf Akteuren aus den Bereichen Wirtschafts- und Handelspolitik (BDI, DIHK, IW Köln, IfW Kiel, DIN, DGB) liegt als auf Experten für Sicherheit, Menschenrechte oder Politikwissenschaft /2
Zwar sind auch Wissenschaftsinstitutionen (Leopoldina) und Think Tanks dabei (DGAP, MERICS, SWP, IISS), aber Diaspora-Organisationen wie Freiheit für Hongkong e.V. sucht man vergeblich (die 2024 eine kritische Studie zu ‘De-Risking’ veröffentlicht hat) /3 freiheithk.de/report_towntwi…
Überzeugungstäter, Unterinformierte und China-Experten: diese Dreifaltigkeit hält in Deutschland China-Mythen am Leben, die einem Fakten-Check nicht standhalten. Ein kurzer 🧵zu meiner neuen Serie /1
Beim Thema 🇨🇳 verstricken sich 🇩🇪 Eliten immer wieder in einem Netz aus Profit und Eigennutz. Bei ihren Äußerungen spielen Ideologie, Interessen oder Identitätsfragen häufig eine zentrale Rolle. China nutzt die Naivität, Selbstgefälligkeit und den Egoismus deutscher Eliten aus /2
Trotz unfairer Handelspraktiken und transnationaler Repression wird 🇨🇳 von ihnen weiterhin als verlässlicher #Partner bezeichnet. Die Kosten für unsere Sicherheit, unseren Wohlstand und unsere Freiheit werden ignoriert. Durch Trump II erhält Anti-Amerikanismus weiter Auftrieb /3
Der China-Experte #Sandschneider wettert gegen Wadephul - gleiche Appeasement-Logik wie bei #Mützenich. Fehlschlüsse ohne Ende. Warum diese merkwürdigen China-Debatten? Ein kurzer 🧵/1 thepioneer.de/originals/othe…
Sandschneider benutzt ein falsches Dilemma: "Die Politik muss sich ... entscheiden: zwischen Dialog und Konfrontation." Das ist Quatsch. Es ist kein Entweder-Oder. Die KPCh kritisiert uns ja auch häufig und handelt dennoch mit Europa. Warum sollte das anders herum nicht gehen? /2
"Wer auf Dialog angewiesen ist", behauptet Sandschneider, "sollte diplomatische Affronts vermeiden". Stimmt nicht. China führte jahrelang Wolf-Warrior-Diplomatie. Hat Deutschland daraufhin die Beziehungen abgebrochen? Natürlich nicht. Warum dann vor Peking kuschen? /3
In der 🇩🇪 IB-Forschung besteht eine ungeschriebene Regel, dass man Politikern keine Handlungsnoten vergeben soll. @oertel_janka erwähnte das dankenswerterweise in ihrem jüngsten Buch. Ich finde aber, wir sollten auf Befindlichkeiten von Politikern nicht länger Rücksicht nehmen /1
Selbst wenn wir uns nach Koselleck (1979) bewusst sind, dass die Handlungen von Politikern immer in ihrem "Raum der Erfahrung" und "Horizont der Erwartung verortet sind: Merkel, Steinmeier, Mützenich etc haben sich gravierend geirrt, sind in vielerlei Hinsicht gescheitert /2
Wenn sich deutsche Politiker trotz—oder vielleicht gerade wegen—ihres Scheiterns in der Außenpolitik einen Persilschein ausstellen, dann schaden sie damit der 🇩🇪 politischen Kultur. Das haben wir jetzt sowohl bei #Merkel als auch bei #Steinmeier gesehen /3
Sprache ist verräterisch: »Meinen Glauben an die Diplomatie kann mir so leicht keiner nehmen« sagt der Ex-SPD-Fraktionschef Mützenich im Spiegel-Interview. Handelt es sich hier um Standhaftigkeit oder eine Trotzreaktion? Ein kurzer 🧵mit Reflektionen /1 spiegel.de/politik/deutsc…
Mützenich ist—neben SPD-Politikern wie @Ralf_Stegner —für das langjährige 🇩🇪 Appeasement gegenüber Putins Russland in die Kritik geraten. Insofern kann man sein Spiegel-Interview als den Versuch einer Rechtfertigung lesen. Ein Befreiungsschlag war es nicht, er bleibt sich treu /2
@Ralf_Stegner Lassen Sie mich kurz meinen Bewertungsmaßstab offen legen. Mein Denken zum Thema ist stark durch die Forschung von Robert Jervis geprägt. Er hob die Bedeutung von Glaubenssystemen hervor, um Wahrnehmung und Fehlwahrnehmung in der internationalen Politik zu erklären (1976) /3
In every culture and society, uncomfortable truths lurk that people avoid discussing openly—like pervasive bureaucratic behaviour and opportunistic self-interest. @aiww Ai Weiwei’s sharp critique of 🇩🇪 was foolishly rejected by a major newspaper. A few personal reflections /1
In this post @aiww explains how his column for the prestigious Zeit Magazin was axed. He has critiqued 🇩🇪 in the past. Some contemporaries dismiss his views, pointing out he doesn’t speak German. But his insights cut deeper, exposing truths many avoid /2 hyperallergic.com/1050197/what-i…
@aiww Ai Weiwei’s @aiww critique of 🇩🇪 hits home: Working in Sino-German development cooperation in the early 2000s, I witnessed disturbing pathologies in Germany’s political and organisational culture—the complicity of some German elites in autocratic entanglements shocked me /3