Titiat Scriptor Profile picture
Autor und Sozialwissenschaftler. Schreibt hier, was er sonst noch für wichtig hält.
17 Mar
Pay Gap, Care Gap, MINT Gap, Health Gap: Soziale Geschlechterungleichgewichte sind die Regel, nicht die Ausnahme. Welche Gaps sind ok? Wo müssen wir handeln? Unsere Antworten sind geprägt von einem ganz eigenen kognitiven Bias. Ein Thread über die Psychologie von Gender Gaps (1)
(2) Ein Beispiel, um die Sache anschaulich zu machen: Gender Gaps im Arbeitsmarkt. In manchen Berufen sind Frauen unterrepräsentiert (z.B. MINT), in anderen Männer (z.B. soziale Berufe) (Grafik). In der politischen Debatte werden diese Gaps aber ganz anders interpretiert. Warum?
(3) Studien zeigen, dass wir soziale Ungleichheit sehr unterschiedlich wahrnehmen, je nachdem, welche Ursache wir vermuten. Empirische Beobachtungen spielen dabei eine Rolle, ebenso stereotype Weltbilder. Mehrere Studien untersuchen, was die Leute über die Beispiel-Gaps denken.
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22 Feb
Das generische Maskulinum macht Frauen unsichtbar, sagen die einen. Nein, alle sind angesprochen, sagen die anderen.

Welche mentalen Bilder lösen generische Bezeichnungen im Kopf aus? Das ist eine empirische Frage, keine ideologische. Ein Thread über sprachliche Experimente (1)
(2) Zwei Vorbemerkungen:
1. Hier gibt's nur Experimente, keine politische oder linguistische Theorie.
2. Ob und wie viel wir gendern, ist für mich keine Frage der Weltanschauung, sondern von Kosten und Nutzen. Deshalb habe ich in die Daten geschaut. Persönliches Fazit am Ende.
(3) Jetzt zur Sache: Schließt das generische Maskulinum Frauen in unseren Köpfen aus? Antwort: nein, aber. Aber, weil die Daten sehr klar zeigen, dass generische Maskulina auch keineswegs neutral gelesen werden. Wir tendieren offenbar deutlich zu einer männerzentrierten Lesart.
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22 Feb
Was mich an diesem Argument immer ein wenig stört, ist die etwas naive, eindimensionale Definition von "Macht" -- ausgerechnet aus theoretischen Strömungen, die sehr differenziert mit dem Begriff umgehen können.

Man könnte das auch etwas anders darstellen. Kurze Erläuterung:
(2) "Macht" hat Facetten. Ein einfaches Modell (nach Lukes): 1. Macht über Ressourcen und Entscheidungen; 2. Macht über die Agenda, Begriffe und "sagbare" Dinge; 3. Macht über ideologische Grundausrichtungen, Definitionen von richtig und falsch, Interessen u.ä.
(3) Die o.g. Argumente heben stets auf Macht im Sinne von 1. ab und blenden 2. und 3. eher aus. Gerade in diesen Bereichen entfalten identitätspolitische Positionen und Strömungen im Moment aber ganz erhebliche Wirkungen in der Gesellschaft, m.E. mehr als die Gegenpositionen.
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29 Nov 20
Diese Grafik macht gerade die Runde und wird von politisch links und rechts mit den üblichen Perspektiven bearbeitet.

Hier mal eine eher unorthodoxe und politisch vermutlich selbstmörderische Sicht auf das Thema. (1)
(2) Wir wissen aus der Genetik zweifelsfrei, dass sämtliche persönlichen Merkmale des Menschen genetisch mitbestimmt sind. Die "Erblichkeit" aller Merkmale beträgt insgesamt rund 50%. Familie, Schule und andere Umweltfaktoren bestimmen dagegen gerade mal 5%. Der Rest ist Zufall.
(3) So natürlich auch die persönlichen Merkmale, die Bildungserfolg mitbestimmen: Intelligenz, Fleiß usw. Insgesamt errechnen Forscher für schulischen Erfolg in westlichen Ländern eine "Erblichkeit" von 60%. Umweltfaktoren wie Vorurteile, Armut usw. erklären "nur" 20% der Varianz
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28 Nov 20
Falls Ihre Timeline nicht kontrovers genug ist, helfe ich Ihnen gerne mit diesem Thread über Unterschiede zwischen den kognitiven Fähigkeiten von Männern und Frauen aus.

Es gibt natürlich welche, aber nicht so, wie Sie vielleicht denken. Ein Blick in die Forschung (1)
(2) Zunächst: IQ-Tests ergeben bei Männern und Frauen beinahe identische Durchschnittswerte. Was viele Leute nicht wissen: Das ist Absicht. IQ-Tests sind sorgfältig kuratiert, um systematische Ungleichgewichte zu vermeiden. Der Blick auf Mittelwerte verrät uns also wenig (Q1).
(3) Aussagekräftig ist dagegen die Erkenntnis, dass IQ bei Männern variabler verteilt ist (Grafik zur Illustration). Das heißt: In den Extrembereichen der IQ-Verteilung sind Männer häufiger vertreten als Frauen und das Ungleichgewicht wächst, je weiter man an die Ränder geht (Q2)
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20 Oct 20
Am Wochenende wird mal wieder die Uhr umgestellt, wir bekommen eine Stunde Schlaf geschenkt. Na und?, denken Sie jetzt vielleicht, was kann die eine Stunde mehr oder weniger schon ausmachen?

Mehr als Sie denken. Ein Thread über die wahrlich furchteinflößende Schlafforschung (1)
(2) Damit Sie mal ein Gefühl für die Dimensionen bekommen: Eine Studie mit 42.000 Patienten über 3 Jahre zählt an Montagen nach der Sommerzeitumstellung 24% mehr Herzinfarkte als üblich, nach der Umstellung auf Winterzeit dafür 21% weniger. DOI:10.1136/openhrt-2013-000019
(3) Eine Studie aus Spanien ermittelt ein um 30% gesteigertes Risiko für einen tödlichen Autounfall am Tag nach der Sommerzeitumstellung und schätzt, dass die Zeitumstellung auf diese Weise jährlich 5 Spaniern zusätzlich das Leben kostet. DOI:10.1097/EDE.0000000000000865
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15 Oct 20
So einem Tweet ist hier jeder schon begegnet: "Forscher sicher: Gender ist ein soziales Konstrukt."

Diesen Thread schreibe ich, damit Sie das nächste Mal, wenn Sie so einer Behauptung begegnen, mit viel Gewissheit und wissenschaftlicher Autorität sagen können: Bullshit! (1) Image
(2) Eine Vorbemerkung: Die empirische Forschung in Psychologie, Biologie, Soziologie und Neurowissenschaft zu Geschlecht, Sozialisierung und sozialen Rollen ist gut: nuanciert, konstruktiv, hochwertig. Gender ist Teil Biologie, Teil Kultur und niemand weiß genau, wie viel wovon.
(3) Nur in Gender Studies und bei Aktivisten will man davon nichts wissen. Nach der bekannten Feministin Ruth Bleier ist Gender "an arbitrary, ever-changing socially constructed set of attributes that are culture-specific and culturally generated." ISBN:0880481366, S.178
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10 Oct 20
Die UNO kämpft nicht nur gegen Armut und Krieg, sondern neuerdings auch gegen „Manterruption“: wenn Männer Frauen ins Wort fallen.

Bevor wir zum Sondergipfel einladen, sollten wir kurz empirisch klären, ob Männer wirklich solche Sprachrüpel sind. Wollen Sie's wissen? Thread (1)
(2) Antworten finden wir auf dem Territorium der Soziolinguistik und der Sozialpsychologie.

Vermutlich ist niemand überrascht, wenn ich berichte, dass zahlreiche Studien Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Kommunikationsmustern beschreiben.
(3) Dazu gehört, dass Frauen Sprache mehr auf Beziehungsaufbau ausrichten, Männer auf Statuserhalt und Problemlösung. Entgegen dem Vorurteil sind Männer wohl etwas gesprächiger als Frauen. Diese Unterschiede sind aber klein und extrem kontextabhängig. DOI:10.1177/1088868307302221
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7 Oct 20
Ein herzliches Willkommen an die neuen Mitleser.

Ich möchte Ihnen gerne eine kleine Geschichte erzählen, die ich im Beruf erlebt habe und die meine Haltung zu Themen wie Vorurteilen, sozialer Benachteiligung und Chancengerechtigkeit radikal geprägt hat. Ein Thread (1)
(2) Ich habe viele Jahre intensiv mit Jugendlichen gearbeitet, die vom Schicksal ziemlich miese Karten bekommen haben. Die Geschichte handelt von einem dieser Pechvögel. Nennen wir ihn Tom.

Tom war ein typischer Hartz IV-Junge: ca. 18, Hauptschule ohne Abschluss abgebrochen ...
(3) … dann langzeitarbeitslos. Familie ein Alptraum: Vater weg, Stiefvater gewalttätig, Mutter drogensüchtig. Dazu Depressionen, Selbstverletzungen, die falschen Freunde und immer Ärger mit der Polizei.

Tom wollte sein Leben ändern, eine Ausbildung finden. Was Kaufmännisches.
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5 Oct 20
Mädchen sind besser in der Schule als Jungs, liest man immer wieder. Stimmt das? Und wie soll man sich das erklären, wenn Frauen doch strukturell benachteiligt sind? Das hat mich interessiert. Ein paar interessante Ergebnisse aus der Forschung ohne Anspruch auf Ausgewogenheit (1)
(2) Vorneweg: Mädchen sind tatsächlich besser in der Schule. Eine Meta-Analyse über 369 Samples ergibt einen messbaren weiblichen Vorteil in Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften. Der Unterschied ist nicht riesig, aber konsistent und über Zeit stabil. DOI:10.1037/a0036620
(3) Warum? Der erste Verdächtige ist IQ, denn IQ korreliert mehr mit schulischem Erfolg als jeder andere Faktor. Studien zeigen aber deutlich, dass der Notenvorteil für Mädchen stabil bleibt, auch wenn man statistisch IQ als Variable miteinbezieht. DOI:10.1007/s10212-012-0127-4
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20 Sep 20
Mein großes Interesse ist die Schnittstelle von Biologie und Gesellschaft. Was sagen uns Genetik, Evolution und Psychologie über Gerechtigkeit, Chancen und Politik in der offenen Gesellschaft?

Dieser Thread sammelt meine Twitter-Beiträge dazu. Ich freue mich über einen Retweet.
An welchen Stellen Frauen von gesellschaftlichen Vorurteilen profitieren und Männer negativer bewertet werden:

Wie unterschiedliche Interessen von Männern und Frauen politische Forderungen nach Gleichstellung verkomplizieren:

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10 Sep 20
Die Gruppe, die in Deutschland am meisten marginalisiert ist, hat keine Lobby oder Fürsprecher. Es gibt kein politisches Bewusstsein für sie, keine Hilfsprogramme oder Quoten. Einige leugnen sogar ihre bloße Existenz. Tatsächlich gehören ihr Millionen von Menschen an. Thread (1)
(2) In der hyperkomplexen Wissensgesellschaft beeinflusst kein anderer einzelner Faktor Lebenserfolg so sehr wie Intelligenz. In der Psychologie spricht man vom g-Faktor: allgemeine Intelligenz. IQ-Tests erlauben eine annähernde Schätzung individueller kognitiver Fähigkeiten.
(3) In zahllosen Studien korreliert höherer IQ positiv mit Job-Performance, Bildungsniveau, Einkommen, sozialem Status, Gesundheit, Lebenserwartung, sozialer Kompetenz oder Erfolg bei der Partnersuche. IQ entscheidet mit über so ziemlich jeden erstrebenswerten Erfolg im Leben.
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16 Aug 20
Interessensunterschiede zwischen Frauen und Männern. Oder: Was wir von Rhesusaffen mit Spielzeugautos über das Streben nach Geschlechterparität lernen können -- Ein Thread mit Daten

#parität #feminismus #gender #gleichberechtigung #psychologie #gesellschaft #mint (1)
(2) Parität zwischen den Geschlechtern wird zunehmend als Endziel von Gleichberechtigungspolitik gefordert. Im Bundestag, in DAX-Vorständen, in MINT-Berufen: In Schlüsselbereichen sollen Männer und Frauen 50/50 vertreten sein. Dann erst sei Gleichberechtigung wirklich erreicht.
(3) Die Logik der Parität basiert auf einer zentralen, aber meist impliziten These: dass Männer und Frauen dasselbe wollen. Wo keine Parität herrscht, muss folglich Benachteiligung im Spiel sein, die den natürlichen Zustand -- eine 50/50-Verteilung -- künstlich verzerrt.
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6 Aug 20
Wie frauenfeindlich ist unsere Gesellschaft? -- Ein Thread mit Daten #feminismus #patriarchat #misogynie #vorurteile #gleichberechtigung #genderstudies #gesellschaft (1)
(2) Dass wir auch 2020 noch in einem Patriarchat leben, ist eine Kernidee im feministischen Diskurs. Die These ist: Frauen werden auf eine Weise strukturell benachteiligt, die Männer nicht erleben müssen. Gleichberechtigung existiert zwar im Gesetz, nicht aber in der Praxis.
(3) Gender Pay Gap oder Unterrepräsentation von Frauen in Wirtschaft und Politik: Objektive Ungleichverteilungen aus dem deutschen Alltag sind Brot und Butter der Patriarchats-These. Die Kernfrage ist dann: Was bewirkt denn, dass die Welt so ungleiche Ergebnisse produziert?
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