Sebastian Susteck Profile picture
Literaturwissenschaft & -didaktik an der Ruhr-Universität Bochum; Taskforce Nachhaltigkeit d. RUB; Bildung & Deutschunterricht; Klima; @Ssusteck@ruhr.social

May 9, 2020, 10 tweets

Habe Rolf #Hochhuths Kirchen- und #Holocaust-Drama Der #Stellvertreter v. 1963 gelesen und bin beeindruckt, wie gut der oft als misslungen bewertete Text als Lesedrama noch immer funktioniert. Dies gilt v. a., wenn man das Erscheinungsjahr betrachtet, in dem das Stück e. /1

enormer Erfolg war. Ein Dutzend Aufführungen nach der Uraufführung notiert die aufschlussreiche zeitgenössische Rezension v. Johannes #Jacobi. zeit.de/1964/15/warum-… Mit Blick auf 1963 war der Text f. mich instruktiv sowohl f. die sich bildende bundesdeutsche /2

demokratische Öffentlichkeit als auch das Wissen zum #Holocaust, das vorhanden und sagbar war. Größtes poetologisches Problem des Stückes dürfte bei allem dokumentarischen Anspruch sein Festhalten an einer Spielart v. #Schillers Dramenpoetik sein, die vor allem im 5. Akt, der /3

in #Auschwitz spielt, unangenehm auffällt. Obwohl Texte zum #Stellvertreter gerne die enormen Kontroversen um Inszenierungen betonen, ging es überwiegend doch eher friedlich zu, wie #Jacobi aus Berlin, Frankfurt, Bochum, Essen, Düsseldorf, Hamburg berichtet. In Frankfurt wagte /4

sich keine Hand zum Applaus zu rühren. In Bochum beklatschten unterschiedliche Zuschauerparteien unterschiedliche Passagen, vor dem Theater verteilten katholische „junge Leute“ Wochenzeitungen, die andere in einem eigens entzündeten Feuer verbrannten. Interessant an Jacobis /5

Bericht: In Essen hatte man die Inszenierung wohl mit d. Firma #Krupp abgeklärt, deren Zwangsarbeit im Drama e. wichtige Rolle spielt; Szenen, die das Leiden von Juden konkret darstellen, schienen sich insg. bes. zur Streichung anzubieten (womit wohl ein Diplomaten- und /6

Intrigenstück a la #Schiller übrig blieb). Die Inszenierungen konnten den Schlussakt kaum bewältigen, in dem, mit zeittypischem Existenzialismus, ein Pfarrer, der als Märtyrer zu sterben bereit ist, geistreiche Dialoge mit e. #KZ-Arzt über die Existenz Gottes führt. /7

Aus heutiger Sicht wird man bemängeln, dass die eigentlichen Opfer des #Holocaust im Drama zu wenig Beachtung finden. Zugleich ist es m. E. packend & d. Lakonie, mit der hier umfangreich über den Holocaust informiert wird, f. das Jahr 1963 bemerkenswert. Poetologisch ist die /8

Auseinandersetzung mit d. Problemen von Realismus und Verfremdung interessant (die nicht nur #Hochhuth beschäftigte). Zum einen soll es um #Realismus gehen, zum anderen verschiebt sich aufgrund der Grausamkeit der Geschichte alles in Richtung Allegorie, wird der /9

KZ-Arzt (wohl #Mengele nachempfunden) nicht zum Verbrecher, sondern z. faustischen Figur. Das Problem sei d. „höllische[] Zynismus dieser Realität, die in sich ja schon maßlos übersteigerte Wirklichkeit ist.“ – „Dokumentarischer Naturalismus ist kein Stilprinzip mehr.“ //

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