„Verheiratete Alevit*innen haben sehr viele Pickel im Gesicht, weil sie nach dem Sex kein islamisches Waschritual vollziehen.“
Es ist manchmal nicht einfach in Deutschland zu leben: Als Migrantin, als Frau und als Alevitin. Verletzungen, Entwürdigungen, #Rassismus und...
...diverse Mechanismen der Unterdrückung prägen die Erinnerungen an meine Kindheit& Jugend. Als im Mai 1993 in #Solingen das Haus der Familie Genç brandte, hatten meine Eltern Angst und schalteten nachts das Licht nicht aus. Ich war damals noch in der Grundschule und verstand...
...nicht wirklich, warum es Menschen gab, die Häuser anzündeten und einen Hass auf Migrant*innen in sich trugen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Gespräche meiner Eltern, die sich fragten ob es nicht besser wäre wieder zurück in die Türkei zu gehen. Sie fühlten sich in...
...Deutschland nicht mehr sicher. Als wenig später, am 02. Juli 1993, das Madimak Hotel in #Sivas brannte und 35 Menschen alevitischen Glaubens bei lebendigem Leibe verbrannten, hatte sich das Thema der Rückkehr erledigt. Sie fühlten sich indem bestätigt, was sie ohnehin...
...schon wussten: Auch in der Türkei waren sie eine Minderheit und nicht sicher. Zu meiner Angst in Deutschland von #Neonazis verbrannt zu werden, kam eine weitere hinzu: Die Angst mich als Alevitin zu bekennen, da ich dachte, dass man mich deswegen angreifen würde.
Diese Angst begleitete mich durch meine ganze Kindheit& Jugend. Wenn ich unter meinen türkischen Freund*innen war, verschwieg ich aus Angst meine alevitische Identität. Auch dann wenn #rassistische Parolen fielen oder falsche Behauptungen aufgestellt wurden.
Das begann sich zu ändern, als ich in der 9. Klasse das Wahlpflichtfach „Türkische Literatur“ belegte. Mein Lehrer, Herr Aymaz, war ein sehr aufgeklärter& kritischer Lehrer, dem es sehr wichtig war seine Schüler*innen zu empowern. Mit der Einführung in die türkische Literatur...
...erklärte uns Herr Aymaz, wie wichtig es für einen Menschen ist, seiner Identität Ausdruck zu verleihen& und diese zu leben, ohne Angst und ohne Scham. Irgendwann kamen wir im Unterricht auch auf das Thema „Minderheiten in der Türkei“ zu sprechen und ich erinnere mich noch...
...sehr gut daran, wie verwundert viele Schüler*innen waren als sie erfuhren, dass es in der Türkei auch Alevit*innen, Christ*innen, Armenier*innen und viele andere Minderheiten gab. In den darauffolgenden Stunden beschäftigten wir uns ein wenig mit Alevit*innen und ihrer...
...Literatur. Als Herr Aymaz uns fragte, ob wir mal in einem Cem-Haus waren oder selbst alevitische Freund*innen hätten, sagte keiner etwas. Ich hatte zwar den Drang mich zu melden, tat es aber dann doch nicht, da ich Angst vor den Reaktionen meiner Mitschüler*innen hatte.
In den nächsten Stunden erwähnte Herr Aymaz den Brandanschlag von #Sivas und fragte ob wir etwas darüber wissen würden. Diesmal meldete ich mich und erzählte alles was ich wusste. Als er mich fragte, woher ich all das wissen würde, outete ich mich als Alevitin.
Ich fühlte mich in dem Augenblick zwar frei, aber war dennoch ängstlich und traute mich nicht meine Mitschüler*innen anzusehen. In dem Moment erwähnte ein anderer Schüler, dass er auch Alevite sei. Unsere Blicke trafen sich und es war ungewohnt merkwürdig.
Herr Aymaz sagte dann einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Alevi olmak ayıp birşey değildir.” (Es ist keine Schande, ein Alevit zu sein.)- Für diejenigen, die das hier lesen mag dieser Satz bedeutungslos sein, für mich jedoch war es empowernd& stärkend zugleich!
Als Jugendliche hat dieser Satz& die Haltung von Herrn Aymaz bei mir sehr viel verändert. Ich wurde selbstbewusster und stärker. Noch heute denke ich an diesen Moment zurück& bin dankbar so einen wunderbaren Lehrer gehabt zu haben.
@berivan_aymaz du hast einen tollen Papa! ♥️
Ist der #Rassismus, den ich mit der Zeit erfahren habe weniger geworden? Nein! - Aber ich habe gelernt damit umzugehen, auch wenn es schwer ist diese Mehrfachdiskriminierung auszuhalten. Und ich habe gemerkt, wie wichtig Empowerment sein kann!
Wenn ich mir heute alevitische Jugendliche ansehe, insbesondere diejenigen, die in den Verbänden& Jugendorganisationen aktiv sind, so erfüllt es mich mit Stolz! Sie tun das, was ich eine lange Zeit nicht konnte: Ohne Angst ihren Glauben& ihre Identität zu leben! 🕊
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