Lars Mecklenburg Profile picture
Grundschullehrer & Entwickler • Bildungsplattform @CodelabBerlin • Grundschul-App @MathelabBerlin • Reflexionen zu Digitalität und Bildung • @pruefungskultur

Sep 21, 2020, 16 tweets

Die Frage, ob Deutschland die Digitalisierung der Schulen verschlafen hat, würde wahrscheinlich einstimmig bejaht. Das Problem steckt in der Frage: Es war kein Verschlafen, sondern ein Ablehnen. Wer verschläft, den genügt es zu wecken. Wer ablehnt, den muss man überzeugen. /1

Diese pedantische Unterscheidung hat konkrete Folgen für die Weichen, die heute beim Schulgipfel im Bundeskanzleramt und auch zukünftig gestellt werden. Anhand der drei "großen Digital-Vorhaben" aus dem Artikel von @JMWiarda will ich dies erläutern. 2/

Die heutige Situation der Digitalisierung lässt sich historisch nicht anders erklären als durch Ablehnung. Bereits 1984 hieß es: “Computer in alle Schulen, alle Schüler an die Computer - dieses Programm wollen die Kultusminister zügig verwirklichen.” 3/ magazin.spiegel.de/EpubDelivery/s…

Nach über 35 "verschleppten" Jahren will oder muss die Bildungspolitik ihre Ansage umsetzen. Personell liegen etliche Jahrgänge an Bildungspolitiker:innen dazwischen. Die Zwischenzeit wurde von Vorurteilen genutzt: Die Ablehnung hat sich gesellschaftlich fest eingenistet. 4/

Der Notfallfernunterricht war hier die Notbremse der Zukunftsverweigerung. Dennoch sollte Digitalisierung nicht nach dem Konzept eines Katastrophenschutzes angelegt werden: Ihr Ziel ist nicht die Ermöglichung von Fernunterricht im Pandemie-Fall. beat.doebe.li/publications/2… 5/

Zu: "1. Deutsches Zentrum für digitale Bildung": Der Nachholbedarf von Jahrzehnten verpasster Digitalisierung benötigt viele Fortbildungsbemühungen. Digitaler Wandel bedeutet aber nicht nur das Upgrade von Kreide auf digitale Tools, sondern ein "Major Release" von Schule. /6

Der gesellschaftliche Wandel zur Digitalität hat grundsätzliche Gewissheiten verschoben. Genau das war auch Anlass für die Ausbildung vieler Ressentiments. Fortbildung bedeutet, sich diese historische Situation bewusst zu machen und zur Gestaltung des Wandels zu befähigen. 7/

Schon die bisherige Nischendigitalisierung (bei der sich einzelne nicht vom Zeitgeist abschrecken ließen) stieß auf erhebliche Widerstände. Gerade bei Eltern. Anderswo sind ganze Projekte daran gescheitert. Fortbildung muss sehr breit gedacht werden. 8/ zocalopublicsquare.org/2019/06/13/how…

Zu "2. Entwicklung Intelligenter tutorieller Systeme". Dies würde die schlimmsten Befürchtungen der Digitalisierungsgegner wahr machen und den positiven Effekt des Notfallfernunterrichts vernichten. Digital und Fernunterricht werden hier unheilvoll konzeptionell verquickt. 9/

Lernen wird über eine Lerntheorie von Effizienz steigender Mensch-Maschine-Interaktion begriffen. Für die Schule ist Digitalisierung aber aus ganz anderen Gründen wertvoll: Sie eröffnet neue Möglichkeiten menschlicher Kommunikation. Hier sind Grundsatzfragen zu klären! /10

Stattdessen fokussiert dieser Punkt eine digitale Technik, die zu Recht oft kritisiert wurde. Eine große Förderung in diesem Bereich ist der Traum der StartUp-Gründerszene, die sich bereits im "innovation council" in staatlicher Nähe positioniert hat. /11 bundesregierung.de/breg-de/bundes…

Zu "3. Zentrale Entwicklung von OER". Dies ist zwar der Alptraum sowohl der traditionellen Schulbuchverlage als auch des kostenpflichtigen, digitalen Bildungsmarkts - aber dennoch der richtige Weg! Hier wird sich die wirkliche Zukunftszugewandtheit des #Schulgipfel|s zeigen. /12

Eine OER-Strategie ist eine klare Priorisierung von Bildung. Der Markt muss sich dem Ziel der Bildung nachordnen und innerhalb dieses Rahmens agieren. Länder wie Norwegen haben dies bereits vorgemacht. Deutschland ist hier auch in Zugzwang: OER ist eine Forderung der UNESCO. /13

Es ist zu bezweifeln, dass die Verankerung einer breiten OER-Initiative bei einer bestehenden Institution wie sodix die Reichweite der politischen Entscheidung gut abbildet. Hier sind die OER-erfahrenen Akteure unbedingt mit ins Boot zu holen. /14

Liebe Frau #Merkel, liebe Frau @EskenSaskia, liebe Frau @AnjaKarliczek, liebe Politiker:innen der #KMK, für ihre Entscheidungen haben Sie derzeit einen Rückenwind, der sich aus einem für alle höchst unerfreulichen Zustand ergeben hat. Nach Jahrzehnten fehlender /15

Mehrheitsfähigkeit können Sie heute vergleichsweise einfach die überfälligen Entscheidungen fällen. Überwinden Sie bitte das Gezerre um eigene Hoheiten. Leben Sie uns vor, worin die Zukunft von Schule bestehen sollte: auch in Uneinigkeit kollaborativ an einem Strang zu ziehen.

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