Susanne Wosnitzka 🧃 Profile picture
M. A. musicologist: pro women composers | current researches German newspapers 18th/19th century with feminist treasures | research associate @archivfraumusik

Sep 30, 2020, 16 tweets

#translationday
Heute haben die Übersetzer:innen ihren Tag! Man kann Worte, aber auch #Musik übersetzen. Es gibt Gebärdendolmis für Musik. Ich meine aber eine andere Art der ‚Übersetzung‘ von Musik. Musikinstrumentenbauer:innen sind zum Beispiel
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ebenfalls Übersetzer:innen. Denn diese schaffen etwas, um die Musik, die in einem Menschen klingt und der:die Musik auf Papier oder digital notiert hat, auch zum Klingen zu bringen. Durch Musikinstrumente oder die Stimme werden aus „geschlechtslosen Punkten und Strichen auf
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liniertem Papier“ (Zitat Ethel Smyth) hörbare Musik. Musik wird dadurch ‚hinausübersetzt‘. Im 17. & 18. Jh. durchlebte besonders das (Kiel)Clavier (‚Leiseinstrument‘ – man kann die Lautstärke auf Tastendruck nicht ändern, da eine Saite durch einen eingebauten Federkiel
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nur angerissen, aber nicht angeschlagen wird) eine immense Wandlung hin zum Pianoforte/Fortepiano (das eben leise UND laut auf Tastendruck/Hammerschlag gespielt werden kann) bis zu unserem heute bekannten modernen Klavier mit Stahlrahmen. Als Piano (er)kennt man das Klavier
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bis heute weltweit. Eine dieser ‚Übersetzerinnen‘ war die gebürtige #Augsburg|erin Nannette Streicher, die ihr Handwerk schon von klein an in der Werkstatt ihres berühmten Vaters Johann Andreas Stein gelernt hat. Sie war so gut, dass sie noch vor 1800 nach #Wien zog, um
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dort eine eigene Firma aufzuziehen – mitsamt einem Konzertsaal, in den rund 300 Leute gingen und in dem sich vor allem junge aufkommende Pianist:innen produzieren konnten (nicht mehr erhalten). Ihre Claviere waren auch deshalb so begehrt, weil sie es mit ihrer
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Meisterinnenschaft geschafft hatte, besonders die innere Klangwelt von #Beethoven nach außen tragen. Heute kauft man sich neue Klaviere im Musikhandel. Diese kommen i.d.R. vorgefertigt aus der Fabrik, an bestimmten Klangprinzipien bereits ausgerichtet. Man spielt sie dann
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über einen (langen) Zeitraum ein. Es liegen einem nicht alle Fabrikate gleich gut. Früher war das anders: Da gingen so Leute wie Beethoven auch zum:zur Instrumentenmacher:in ihrer Wahl (wobei Nannette so ziemlich die einzige bekannte dieser Zeit war) und versuchten schon
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vorher klarzumachen, welchen Klang sie gerne hätten. Anhand dieser Vorstellungen und Austesterei konnten Clavierbauer:innen dann entsprechend loslegen. Um 1800 wurden z. B. gerne auch noch kleine Trommeln oder Tamburine eingebaut, die man mit Kniehebeln zuschalten konnte,
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um z. B. – dank Napoleons Feldzügen – ‚modisch‘ gewordenen Schlachtenlärm mit darzustellen. Nannettes Instrumente sind heute über die ganze Welt verstreut. Am bayerischen Ammersee gibt es das Greifenberger Institut für Musikinstrumentenkunde. Dort werden historische
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Claviere 1:1 bis auf den hundertstel Millimeter nachgebaut; dadurch können auch Klangbilder der Zeit rekonstruiert werden. Dort gibt es – in Kooperation mit einer anderen nahegelegenen Sammlung – Claviere aus so gut wie jedem Jahrzehnt, sodass eine Entwicklung dieses
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Instruments dort besonders gut nachzusehen ist. Auf einer Unterseite des Greifenberger Instituts findet ihr auch eine hervorragende Geschichte dieser Instrumente mit Klangbeispielen: greifenberger-institut.de/dt/wissenswert… Nannette Streicher übersetzte nicht nur Musik, sondern auch
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Gedrucktes: So übertrug sie die sog. Schädellehren von Franz Joseph Gall (1758–1828), der damals als reisende Sensation mit Gruselfaktor in ganz Europa unterwegs war, aus dem Französischen ins Deutsche. Eine wahrhaft
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vielfach begabte Frau, Unternehmerin und kennenswerte Übersetzerin! Das Ganze findet ihr in Langfassung auf meiner Website, geschrieben zu Nannettes schändlich vergessenem 250. Geburtstag 2019 🎂
susanne-wosnitzka.de/nannette-strei…
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@threader_app pls unroll 🧶
Text available in English via @Donne_UK:
donne365.blogspot.com/2020/01/music-… 👏

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