Apokalypse: Beobachtung & Beratung Profile picture
Komplexitätsdienstleisterin Germanistik & Gender & Postcolonial, #wisskomm mit Relevanzfragen, Professur @TrierUni, Vorstand @CePoG_UniTrier (FG Gender 20-24)

May 7, 2021, 31 tweets

Der Teaser von ichbinsophiescholl legt nahe, dass die Figur aus ihrem Leben erzählt. Wir sind dabei, wenn sie sagt "Deutschland wird kapitulieren", "es gibt Widerstand in München", "wir werden noch mehr Flugblätter drucken". Das funktioniert im Film, aber doch nicht als Insta?

Wie soll ich mir das vorstellen in der Diktatur? Sie wird nicht sofort denunziert? Der Insta-Acc nicht gesperrt? 10 Monate plaudert sie vor ihren Follower:innen vor sich hin, zeigt den Keller, in dem Flugblätter gedruckt werden - & es passiert nichts? #SophieScholl

Es gab & gibt so viele Vereinnahmungen von Sophie Scholl, gerade auch in jüngster Zeit. Da wünschte ich mir 1 Projekt, das Einblicke ins Leben der Person mit dem Bewusstsein für Rezeption verknüpfte. #SophieScholl

"Dabei nutzt Sophie auf ihrem Kanal @ichbinsophiescholl alle Tools, die Instagram bietet, zeitversetzt in die NS-Diktatur."
"Zeitversetzt" finde ich 1 absolut schräge Formulierung: Welches Bild der NS-Diktatur wird hier vermittelt?#SophieScholl swr.de/unternehmen/ko…

Die Handynutzung ist komplett ahistorisch. Soweit so offensichtlich, aber man muss das sagen, denn: Nach der Verhaftung sind wir nicht mehr dabei, weil ihr dann das Handy abgenommen werde. Das soll dann "historisch korrekt" sein? #SophieScholl

Der Ansatz, den "Digital Natives" Geschichte auf digitalen Plattformen zu vermitteln, ist völlig okay. Darum geht es bei der Kritik aber auch überhaupt nicht, sondern um das Wie. Um über #SophieScholl auf Insta zu erzählen, braucht es keinen Insta-Account in der NS-Zeit!

Okay, wenn das nach Aussage des Regisseurs der einzige Mehrwert ist - "Es gab sie wirklich! Auch in Farbe" -, dann wären die Filme doch ausreichend gewesen. #SophieScholl
br.de/kultur/sophie-…

Und hier das Problem in Kurzform:
"Während im Jahr 1943 Flugblätter für Aufmerksamkeit sorgten, werden politische Forderungen heute über Social-Media-Kanäle geteilt. So kann diskutiert werden, ob Sophies Kampf heute ein anderer gewesen wäre."
kinofenster.de/filme/neuimkin…

Lachen oder weinen? "Sophie" verkündet auf Insta die "Top 3 der verbotenen Bücher", die sie nun lesen wird.

Und was verkündet ihr heute so auf Insta, was verboten ist und was ihr heimlich tun werdet?

"Der Krieg macht männlicher", uff, und als nächstes wieder Schuhputzen-Anleitung posten?

Ein solches Projekt muss einordnen. Wie wichtig das wäre, zeigen gerade auch viele Reaktionen der User*innen.

Hier aus dem Thread von @Herstory_pod der Hinweis auf ein Gespräch zum Projekt Sophie Scholl.

Die Interaktion der User*innen mit den Inhalten & mit "Sophie" - die antwortet! - ist 1 zentrales Problem des Projekts. Das hat u.a. @fabiana_ku hier beschrieben: fabiana-kutsche.com/2021/05/17/eri…

Habe "Sophie" übrigens gefragt, ob sie 1 Antwort, die lautet 'immer noch gibt es Nazis bloß heißen die jetzt Zionisten' - gepostet vor 2 Tagen -, tatsächlich unkommentiert stehen lassen möchte. Schauen wir mal.

Dieser Kommentar wurde nun entfernt. Gut! Andere dagegen nicht, & es wurde bisher auch nicht moderiert, wenn Kritiker*innen angegriffen wurden (war bei mir nicht der Fall, aber ich habe es gesehen).

Wenn man etwas an #IchbinSophieScholl lernen kann, dann, dass das Angebot emotionaler Nähe dankend angenommen, aber Wissen oder Reflexion über die historische Situation dabei als vollständig nebensächlich wahrgenommen werden:

Beispiel: "Sophie" sagt, wie sehr sie Fritz vermisst. Der Krieg trennt sie. Reaktion: 'Die armen Wehrmachtssoldaten, die in den Krieg gezwungen wurden!' Fritz hat die Offizierslaufbahn eingeschlagen & war Berufssoldat. Das Team #IchbinSophieScholl stellt das nicht richtig.

Lob wird dankend angenommen von #IchbinSophieScholl, aber die vielen Projektionen, die Schuldentlastungen befördern, in keiner Weise kommentiert. Es geht ganz viel um die wahre Liebe, die man genießen solle. Und dass sie auf ihr Herz hören soll... Widerstand meets #Schmonzette

#IchbinSophieScholl müsste jetzt überarbeitet werden mit Blick auf die Anschlusskommunikationen, die es ermöglicht & den Umgang damit. Diese Kurskorrektur wäre 1 angemessene & hilfreiche Reaktion für die #Erinnerungskultur!

"Sophie" nahe zu kommen, meint: Kontexte werden ausgeblendet. Historisches Geschehen ist begrenzt auf ihre Briefen & Tagebücher. Daher lädt das Projekt zu geschichtsrevisionistischen Anschlüssen ein. Das hätte man vorhersehen & 1 Kommunikations-Strategie entwickeln müssen.

Hallo, @SWRpresse, gibt es 1 Chance, dass nicht nur wahrgenommen wird, dass viele Menschen das Projekt #IchbinSophieScholl wunderbar finden, sondern auch, warum das so ist? Wie sie darauf reagieren? Welches Bild von NS-Geschichte in den Kommentaren entsteht?#Erinnerungskultur

In diesem Thread gibt es 1 gute Reflexion über den Umgang mit Quellen & davon ausgehend 1 Kritik von #IchbinSophieScholl

Wie es für #IchbinSophieScholl leider weitergehen könnte, wenn keine neue Kommunikationsstrategie gewählt wird, sondern man die Schmonzetten-Begeisterung einfach mitnimmt als Zeichen dafür, dass ' doch gut läuft':

Es laufen wissenschaftliche Begleit-Projekte zu #IchbinSophieScholl. Wie verstehen sie sich? Als stille Beobachter:innen, die nach Abschluss was sagen? Oder als Teil 1 Öffentlichkeit, die gerne möglichst zeitnah vielfältige Expertise hören würde? #wisskomm

Und weiter geht es. Das Team #IchbinSophieScholl moderiert nur ganz zögerlich politische Kommentare. Nicht mal Verharmlosungen der NS-Diktatur (Völkischer Beobachter-Vergleiche mit Medien in der Demokratie) werden gelöscht oder richtiggestellt..

"Man sieht es an den Followerzahlen" etc. "Die Kommentare geben uns Recht" - solche Aussagen hört man von Mitwirkenden des Projekts #IchbinSophieScholl
Das ist schon verstörend.

Dr. Maren Gottschalk findet die "Kritik spannend", weil es zeige, wie ernsthaft Leute das Projekt #IchbinSophieScholl wahrnehmen. Und reklamiert die Kritik am Projekt sogar indirekt für sich, weil das Projekt 'das anstoße'. Ich kann gar nicht sagen, wie absurd ich das finde.

Es werde "klug moderiert", wie die User:innen reagieren, behauptet Maren Gottschalk. Allein dieser Thread hat genügend Beispiele, die das Gegenteil beweisen. Ich bin baff. Zitat aus diesem Gespräch. #IchbinSophieScholl

Hier geht es zu 1 weiteren Artikel mit Selbstauskünften der Beteiligten zu deren Intentionen. Aufschlussreich.

Für die #wisskomm fände ich zentral, den Umgang mit Quellen & die Nicht-Präsentation von Quellen & Material zu reflektieren. Ich stimme dieser Einschätzung zu:

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