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Ich gebe Hass und Hetze keinen Platz. Seit 2005 angeleckt von @trullchen82. Kanakischer Deutscher #Sockentwitter he/him زن زندگی آزادی

Feb 15, 2022, 12 tweets

Ich muss in letzter öfter mal an einen bestimmten #Notarzteinsatz denken, wenn ich mit Masken- oder Impfverweigerern zu tun habe. Die Verweigerung simpler und unbelastender Sicherheitsmaßnahmen aus Trotz gab es schon immer, nur war man sich früher einig, daß es idiotisch ist.

Wir werden zu einer zweispurigen Schnellstraße alarmiert zu einem Verkehrsunfall. Am Funk hören wir schon,daß ein RTW nichtsahnend in eine unübersichtliche Kurve fuhr,und dort den ein paar hundert Meter vor ihm fahrenden LKW sah, der frontal mit einem ihm entgegen kommenden LKW

zusammengeprallt ist. Beide LKW-Fahrer sind in ihren schwer deformierten Kabinen eingeklemmt. Mit uns treffen weitere RTW und die Feuerwehr ein, wir hören den RTH in der Nähe landen. Die Fahrer sind wach und ansprechbar, eine der Kabinen ist dermaßen zerrissen, daß der Fahrer

sowohl schwer eingeklemmt als auch halb draußen in der Luft hängend ist. Aus verlorenen Ladungspaletten hat die RTW-Besatzung eine provisorische Plattform gebaut, damit der ausserhalb des Fzg. hängende Teil des Fahrers abgestützt wird. Ich versorge diesen Fahrer, die RTH-Ärztin

kümmert sich um den anderen Verletzten. Während wir am Patienten arbeiten, stammelt er "Ich war nicht angeschnallt, ich hab ein Attest..." "Das ist jetzt nicht wichtig" sage ich. "Erstmal helfen wir ihnen, der Rest ist jetzt ganz egal." Ich intubiere ihn und lege ihm beidseits

Thoraxdrainagen, um die Atmung zu verbessern. Er bekommt spezielle Medikamente, die in die Blutgerinnung eingreifen und zur Stützung des Blutdrucks. Ich habe hier einen wirklich schwerst verletzten und hoch kritischen Patienten. Ich spreche mit der RTH-Ärztin,mein Patient ist

hochkritisch, er würde von einem schnellen Lufttransport profitieren. Leider ist die RTH-Landestelle so ungünstig gelegen, daß der Transport meines Patienten dorthin sehr umständlich und nur per RTW unter Umfahrung der ganzen Unfallstelle möglich wäre. So bleibt also jeder bei

seinem Patienten. Wir beginnen den Transport, der geprägt ist von ständiger Intervention und Anpassung von Katecholaminen. Nach der Übergabe im Schockraum schaue ich mir ein Unfallfoto an: unglaubliche Zerstörung mit regelrechter Zerreißung des LKW, aber ganz offensichtlich ist

der Umstand, daß der Fahrer nicht angeschnallt war, ursächlich dafür, daß er so hochkritisch und der andere, angeschnallte Fahrer, nur "normal" schwer verletzt wurde. Als wir uns freimelden, startet der ETH an der Unfallstelle. Die Entscheidung, nicht zu tauschen war also doch

richtig. Der Tausch hätte keinen Zeitvorteil gebracht.

Ich habe mich seitdem oft gefragt,was Menschen dazu bringt, solch unsinnige Atteste haben zu wollen, zumal es hier keinen wirklichen medizinischen Grund gab. Vielleicht ist es einfach eine Art, rechthaben zu wollen, dem

System eins auszuwischen, Regeln, die für alle gelten, nicht beachten zu müssen, sich dadurch besonders oder wichtig zu fühlen, wer weiß das schon. Was ich aber weiß, mein Patient hat sein Attest einige Stunden nach Klinikaufnahme mit seinem Leben bezahlt.

RTH,nicht ETH

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