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May 10, 2022, 16 tweets

#SozialeAnsteckung
Chuang
Soziale Ansteckung
und anderes Material zum mikrobiologischen Klassenkampf in China
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von WRKSHP, 2021

[Vorgezogenes viertes Kapitel.]

Der Schatten des Staates ist dunkel und bedeckt

all das unter ihm Liegende. Was eine tiefergehende Lektion in Sachen mikrobiologischer und makroökonomischer Verheerung hätte sein sollen, die notwendigerweise die Produktion um der endlosen Akkumulation willen begleitet, wird damit in ein

stereotypes Drama vom Archetypus "Mensch gegen Gesellschaft" verhüllt, so wie es in den Fächern auf höheren englischen Schulen gelehrt wird, die ganze Tiefe des Aufsatzes eines Teenagers über Orwell in sich tragend. Das Klischee wird nicht nur in den Nachrichten

aufgeführt, sondern auch in der repräsentativsten Gattung des Genres: Dem Seuchen-Tagebuch, das in Sozialen Medien zur Serie wird. Diese Tagebücher traten zuerst in Wuhan inmitten des Chinesischen Lockdown

auf. Sie zirkulierten auf dem grauen Markt* in noch-nicht-verbotenen Postings auf Weibo und WeChat,** wo sie von Freunden diksutiert und (manchmal) auserhalb der Reichweite der Zensoren archiviert wurden. Sobald im Innland verboten, zirkulierten sie ausserhalb des

Landes, oft in Übersetzungen. Die besten waren einfach persönliche Aufzeichnungen, die das Surreale im Detail schilderten, die existenzielle Erfahrung des Lebens im Lockdown, doch die weitverbreitetsten waren diejenigen, die den melodramatischen Konflikt

zwischen der Selbstbekundung des Individuums und dem autoriären Staat hervorhoben. Letztere stellten leicht konsumierbare Klichees her, die die öffentliche Wut vom sozialen und ökonomischen System, das unseren Alltag regiert, ablenkten in Richtung des

politisch erlaubten Brennpunkts: Eine Regierung zu nah und zu fern zugleich.

Mithin die berühmteste und bekannteste Erzählung der jüngsten Seuchenliteratur ist sicherlich das _Wuhan Diary_, eine Sammlung von Beiträgen in Sozialen Medien, verfasst von der Autorin und Preisträgerin Fang Fang während des Lockdowns in Hubei.[3] Da es von

einer bereits wohlbekannten Prominenten mit Millionen Followern auf Weibo geschrieben wurde, erheischte es schnell die Aufmerksamkeit der Auslandspresse. Indessen – die typisch liberalen Untertöne und das Fehlen einer wirklichen politischen Position, abgesehen

vom andauernden Bejammern der Medienzensur und dem Lästern über das undurchsichtige, tödliche Mißmanagement der Regierung in der ersten Etappe der Epidemie, in Rechnung gestellt – passte es zu den ideologischen Vorlieben der außländischen Verlagsindustrie.

[3] Fang Fang ist das Pseudonym der Romanschrifstellerin Wang Fang. Sie erhielt 2010 den Lu Xun Literaturpreis, einen der angesehendsten Ehrungen für Erzählerinnen. Obwohl sie vor allem in China bekannt ist, sind einige ihrer Hauptwerke ins

Englische übersetzt worden. Keines aber hatte den gleichen Erfolg wie die rasante Übersetzung des _Wuhan Diary_ im Jahr 2020.

* Auf nicht autorisierten Vertriebswegen.

** Weibo ist ein Mikroblogging-Dienst Twitter ähnlich, WeChat ist eine Instant-Messaging-App für Smartphones, beide werden für Direkt-Marketing eingesetzt.

Korrekturen: (...) leicht konsumierbare Klischees (...); umlenkten auf den politisch erlaubten Brennpunkt: Eine Regierung zu nah und zu fern zugleich.

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