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Untiefen – Das Stadtmagazin gegen Hamburg.

Nov 9, 2022, 17 tweets

Heute jähren sich zum 84. Mal die #Novemberpogrome. Wir erinnern aus diesem Anlass an Käthe und Adolf Maass (hier auf ihrem Hochzeitsfoto von 1911), die am 1942 nach #Theresienstadt deportiert, von dort 1944 weiter nach #Auschwitz verschleppt und dort ermordert wurden. Ein🧵.

Adolf Maass, geb. am 9.10.1875, war Kaufmann und Jurist. Nach seinem Abitur trat er als Lehrling in das Bremer Stammhaus der Spedition Kühne + Nagel ein. 1902 wurde er von Firmengründer August Kühne zum Aufbau einer neuen Niederlassung nach Hamburg entsandt.

Unter Maass’ Leitung wuchs die Hamburger Zweigstelle rasant. 1910 wurde er Teilhaber, 1928 wurde ihm ein Anteil von 45% am Unternehmen zugesprochen. Damit war er der größte Anteilseigner von Kühne + Nagel.

1932 starb August Kühne. Seine beiden Söhne Alfred und Werner Kühne übernahmen das Unternehmen. Wie Henning Bleyl mit Bezug auf Archivdokumente berichtet, setzten die beiden Brüder von Beginn an alles daran, Adolf Maass aus seinem Unternehmen zu drängen. (Foto: Adolf Maass, 1929)

Unter dem fragwürdigen Vorwand, er habe Verpflichtungen des Gesellschaftsvertrags nicht erfüllt, wurde seine Beteiligung am Unternehmen auf 33% gesenkt. Im April 1933 wurde Maass dann endgültig aus dem Unternehmen gedrängt. Er musste einen „Knebelvertrag unterschreiben.

Darin verzichtete er auf sämtliche Rechte an Kühne + Nagel und weiteren Firmen. Zudem wurden ihm firmeninterne Schulden angelastet. Am 1. Mai 1933, neun Tage nach Maass’ Ausscheiden, wurden Alfred und Werner Kühne in die NSDAP aufgenommen.

Unter Leitung von A. und W. Kühne war K+N maßgeblich an der sogenannten ‚M-Aktion‘ beteiligt. Das Unternehmen transportierte Möbel deportierter und geflohener Juden nach Deutschland und errang dabei ein „Quasi-Monopolstellung“. Auf diese Weise profitierte es massiv von der Shoah.

Käthe Maas, geb. Elsbach, war die Tochter eines Kleidungsfabrikanten aus Herford. Ihr Mann Adolf Maass war nach 1933 u.a. im Aufsichtsrat der Elsbach AG seines Schwiegervaters in Herford. Foto aus: zellentrakt.de/downloads/elsb…

Die antisemitische Gesetzgebung des NS machte die Berufsausübung immer schwerer. Maass' Vermögen wurde gesperrt, seine Einkünfte musste er an den NS-Staat abführen. Nach den #Novemberpogrome|n 1938 wurde Adolf Maass verhaftet und verbrachte mehrere Wochen im KZ #Sachsenhausen.

Der Plan, auszuwandern, zerschlug sich durch den Kriegsbeginn. Im Sommer 1941 wurde das Haus der Familie Maass in der Blumenstraße 37 in Hamburg ‚arisiert‘. Aus dem „Judenhaus“ in der Bogenstraße 25 wurden sie dann am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Am 15. Mai 1944 wurden Adolf und Käthe Mass von Theresienstadt weiter nach Auschwitz deportiert. Dort wurden sie ermordet.

Das Ehepaar Maass hatte drei Kinder. Alle drei konnten fliehen und entrannen so der Vernichtung. Sie erhielten weder vom deutschen Staat noch von K+N jemals finanzielle Entschädigung. K+N hingegen stieg in der Nachkriegszeit schnell zum größten deutschen Speditionsunternehmen auf

Der K+N-Firmenerbe Klaus-Michael Kühne ist auf dieser Grundlage zu einem der reichsten Menschen der Welt geworden (manager-magazin.de/unternehmen/kl…). Mit großen Beteiligungen u.a. an Hapag-Lloyd und der Lufthansa sichert er sich Einfluss im internationalen Logistikwettbewerb.

Zur NS-Vergangenheit von K+N schweigt er sich aus. Wird er doch einmal auf Adolf Maass angesprochen, behauptet er, dieser habe die Firma von sich aus verlassen. Besonders zynisch: Dass die Nachkommen keine Entschädigung beantragt haben, zieht Kühne als Beleg dafür heran.

In #Hamburg erinnert fast nichts an Adolf und Käthe Maass. 2006 wurden 2 Stolpersteine vor der Blumenstraße 37 eingeweiht. Käthe Maass’ Name auf dem Stolperstein ist falsch geschrieben. Ein treffendes Bild für die Indifferenz, mit der man hier Opfern der ‚Arisierungen‘ begegnet.

In Bremen entsteht jetzt ein Mahnmal, das an die Beteiligung von K+N am systematischen Raub jüdischen Eigentums erinnert und der Opfer der ‚Arisierung‘ gedenkt. Auch in Hamburg ist es Zeit, dieser Geschichte zu gedenken und den Opfern Gehör und Anerkennung zu verschaffen.

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