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«The meaning of politics is freedom.» –Hannah Arendt A free Ukraine 🇺🇦 within a sovereign Europe.

Apr 4, 2025, 5 tweets

„Ich lebe lieber in Unfreiheit, als für Freiheit zu sterben“ – Philosophie oder Gerede?

Hier ist zwar kein guter Ort für das Philosophische Quartett. Dennoch hab ich mir die Freiheit einer Kritik dieses kontroversen Satzes von @nymoen_ole genommen. Ein🧵 in 4 Teilen:

1⃣ Nymoen nimmt eine individualistische Perspektive ein, die nur in einem Kontext relativer Autonomie sinnvoll erscheint. Aus philosophischer Sicht schwankt er zwischen pragmatischer Lebensbejahung und einem Verzicht auf das, was den Menschen ausmacht.

Der Satz spiegelt im Grunde diese Haltung wider: lieber eine eingeschränkte Existenz unter einem unterdrückenden Regime, als das Risiko des Todes im Kampf um Selbstbestimmtheit einzugehen.

Doch diese Sichtweise setzt voraus, dass eine Wahl zwischen Unfreiheit und Tod überhaupt besteht – eine Annahme, die in der Realität eines Angriffskrieges oder im Leben unter einem Terrorregime oft illusorisch ist. In ihnen ist Unfreiheit keine Wahl; Tod kein freiwilliges Opfer.

2⃣ Dies führt uns zu einem zentralen Punkt: der fehlenden Wahlfreiheit. Jean-Paul Sartre als Vertreter des Existenzialismus betonte, dass der Mensch zur Freiheit verdammt ist – eine Freiheit, die in der Verantwortung liegt, Entscheidungen zu treffen.

Doch in einem aufgezwungenen Angriffskrieg wird den Opfern diese existenzielle Freiheit genommen. Sie können weder wählen, in Unfreiheit zu leben, noch für Freiheit zu sterben – ihr Schicksal wird von den Aggressoren diktiert. Der Satz verliert hier seine Grundlage, denn er setzt eine Entscheidungssituation voraus, die für viele nicht existiert.

Eine Zivilistin, die durch russischen Raketenterror stirbt oder ein Kind, das nach Russland entführt wird, haben gerade nicht die Möglichkeit, zwischen Unfreiheit und Freiheit zu wählen. Ihre Unfreiheit ist keine bewusste Präferenz, sondern eine aufgezwungene Realität; ihr Tod kein Opfer, sondern eine Tragödie.

3⃣ Damit wird Nymoens Satz zu einem Privileg derer, die in relativer Sicherheit reflektieren können.

Hannah Arendt, die sich intensiv mit der Banalität des Bösen und politischer Freiheit auseinandersetzte, würde vielleicht argumentieren, dass schon die Bereitschaft, Freiheit aufzugeben, um zu überleben, die Grundlage für totalitäre Systeme schafft. Wer Unfreiheit akzeptiert, statt sie zu bekämpfen, trägt indirekt zur Macht der Unterdrücker bei. Arendt würde sicher die Ohnmacht der Opfer anerkennen – jener, die nicht wählen können, sondern zwischen Pest und Cholera gefangen sind.

Freiheit ist somit – entgegen Nymoens fehlerbehafteter Prämisse – kein ausschließlich individuelles, sondern immer auch ein kollektives Gut.

4⃣ Fazit: Eine Gemeinschaft, die sich kollektiv der Unfreiheit ergibt, opfert nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft. Die Opfer eines Angriffskrieges hingegen, die unfreiwillig sterben, werden zu Märtyrern einer Freiheit, die sie selbst nicht erleben können – ein paradoxes Erbe, das die Überlebenden in die Pflicht nimmt.

Genau dieser Verantwortung entzieht sich Nymoen unter dem Anschein einer tiefergehenden, gar philosophischen Reflektion. Bei genauerer Betrachtung lässt sich lediglich eine individuelle Haltung erkennen, die einem hedonistischen Zeitgeist seiner Generation entspringt.

Sie taugt aber nicht zum Prinzip einer universellen Maxime im Kantischen Sinne, da sie an der Realität derer scheitert, denen jede Entscheidung geraubt wurde. Und genau diese Menschen kann und will ich persönlich nicht so leichtfertig aufgeben, wie Nymoen es in letzter Konsequenz tut.

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