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Ok, bisher hatte ich Geduld, aber so langsam frage ich mich, was die Gesundheitsämter und Epidemiologen gerade eigentlich machen. Es folgt ein überfälliger Rant. Wie und wo haben sich vor 14 Tagen die 2000-3000 Leute angesteckt, die wir gerade zählen?
Zu Hause, auf der Arbeit, im ÖPNV, beim Einkaufen, beim Joggen? Das wäre Aufgabe der Gesundheitsämter, solche Informationen zu erheben und zusammenzutragen, aber ich kann keine dahingehenden Bestrebungen erkennen.
Wochen wurden aus meiner Sicht verschwendet, ohne das Berichtswesen substantiell zu verbessern. Stattdessen haben wir fragwürdige Berechnungen des Reproduktionsfaktors und noch fragwürdigere Interpretationen seiner Entwicklung.
Sowohl in den R-Berechnungen von RKi wie auch Helmholtz sind die rhythmischen, wöchentlichen Schwankungen mit blossem Auge zu erkennen, ohne dass das bisher von den Institutionen kommentiert wurde. Stattdessen wird von Anstiegen von R fabuliert, die nur teilweise real sind.
Wo bleiben Antworten auf die Frage, wo sich die Leute trotz Lockdown noch immer anstecken? Wie können wir über Lockerungen, wenn wir offenbar keine Ahnung haben, was die Hauptinfektionssituationen sind?
Wie wollen wir die Lockerungen managen, wenn wir nach wie vor kein zeitnahes Berichtswesen haben? Statt über Apps zu fabulieren und zu streiten, hätte man längst die Datenerhebung und -verarbeitung der Gesundheitsämter verbessern können.
Einige Bundesländer sind da besser als andere, aber wir wissen noch immer nicht tagesaktuell, wie viele getestet werden, behandelt werden oder gesundet sind. Stattdessen kriegen wir Schätzungen. Das wäre eigentlich das Mindeste. Andere Staaten kriegen das deutlich besser hin.
Ja, es gibt inzwischen das DIVI-Zentralregister, aber erst seit der Meldepflicht vor einigen Tagen melden 95% statt 50-60% der Kliniken ihre Zahlen. Die betreffen aber nur Intensivbetten, wir haben keine Ahnung, wie viele normale Betten mit Covid-Patienten belegt sind.
Vielleicht bin ich zu streng mit meiner Kritik, aber ist es zu viel verlangt in nunmehr 6-8 Wochen Prozesse anzupassen und einzuführen, die bessere, aktuellere Daten liefern, wo das Geld dafür gerade keine Rolle spielen dürfte?
Obwohl ich allgemein mit den Aktionen der Regierenden bisher recht zufrieden war, vermisse ich inzwischen substantiellen Fortschritt bei organisatorischen Antwort und Ausrichtung des Staates, das Infektionsgeschehen besser zu erfassen und zu verstehen.
Selbt zu der simple Frage, ob sich an Wochenenden mehr oder weniger Leute infizieren gibt es keine offiziellen Aussagen, obwohl ich selbst mit meinen bescheidenen Mitteln Hinweise darauf finde, dass sich Mo-Mi. 30-50% mehr Leute infizieren könnten als Fr-So.
Und wenn das alles nur Artefakte des Erhebungsprozesses sind, was sie IMO nur teilweise sind, warum zum Teufel haben wir die Datenerhebung nich soweit verbessert, dass die Daten es hergeben?
Seit Jahrzehnten schaffen es Konzerne, täglich einen konsolidierten Blick auf den Cashflow tausender global verteilter Fillialen zu haben. Warum können wir nicht abends sehen, wie viele Leute das Gesundheitsamt auf dem Schirm hat? Stationär aufgenommen oder isoliert wurden?
Ich vermute den Grund in einem mangelnden Gestaltungsspielraum in den Ämtern und mangelnde Kompetenz und Gestaltungswillen bei der Führung, verbunden mit Verkennen der Wichtigkeit guter aktueller Zahlen.
Einer Pandemie mit 4 Tagen Generationszeit kann man nicht intelligent und gezielt begegnen, wenn man erst drei Wochen später halbwegs sicher Trends erkennen kann.
Der Lockdown-Holzhammer, der 99,9% Prozent Gesunde unter Halbquarantäne stellt, ist eine verzweifelte Antwort auf ein Versagen der Gesundsämter, die Epidemie gezielt zu bekämpfen.
Dafür habe ich gewisses Verständnis, auch wenn seit Jahrzehnten hinreichend vor einer solchen Situation gewarnt wurde, aber wie wollen wir die Situation im zweiten Anlauf in den Griff kriegen, wenn aus dem ersten Versagen keine radikalen Konsequenzen gezogen werden?
Wie sieht es aus dem Aufbau von schlagkräftigen Teams, die gezielt Infektionscluster tracken und bekämpfen? Einer durchgängen Besetzung von Ämtern auch am Wochenende? Meldungen von Laboren ans RKI in Minuten, nachdem ein Testergebnis vorliegt?
Ja, das geht mit den aktuellen Prozessen nicht, aber warum nicht parallel neue Prozess aufbauen? Das geht nicht vom einen Tag auf den, aber es sind jetzt Wochen ins Land gegangen ohne sichtbare Fortschritte bei der Fähigkeit, Infektionen zu messen und zu tracken?
Liebe Regierende, bitte begreift, dass unsere Zahlen und Daten erbärmlich sind und nicht von allein besser werden, und statt von Apps zu fabulieren solltet ihr erst mal die Datenerhebung durch die Gesundheitsämter auf die Reihe kriegen. Covid19 ist schließlich meldepflichtig.
Bezeichnend ist auch, dass vor der DIVI-Meldepflicht über ein Drittel der Kliniken keine täglichen Meldungen ihrer Intensivbettenstatus hinbekommen haben, obwohl es im Interesse der Kliniken war, das zu tun.
Meiner Meinung nach braucht es bundeseinheitliche Standards für die Datenerhebung bei den Gesundheitsämtern. Finde es absolut inakzeptabel, dass Ämter z.T. eine Woche später melden, als sie könnten. Das ist uberträglich und muss aufhören.
Bin ich zu ungnädig und ungeduldig?Mache ich es mir zu einfach von meiner Position an Spielfeldrand aus? Ja, ich weiß, das Politik mühsam und Verwaltung schwierig ist und wir alle gerade intellektuell mit der Situation überfordert sind, aber das kann so nicht bleiben.
Noch mal zusammengefasst: Die Corona-Datenerhebung ist noch immer schlecht, und ohne gute Daten wird die Aufhebung von Maßnahmen zum Glückspiel mit der Gesundheit der Bevölkerung. Bitte macht eure Hausaufgaben, liebe Regierende in Bund und Ländern und sorgt für bessere Daten.
Und liebe Epidemiologen, könntet ihr bitte was zu den wöchentlichen Schwankungen sagen und den Situationen, wo sich täglich Tausende anstecken trotz des Lockdowns? Das kann doch nicht so schwierig sein, zumindest ungefähre Größenordnungen zu ermitteln.
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