Nach zwei wundervollen Wochen ist heute mein Blockpraktikum in einer hessischen Landarztpraxis zu Ende gegangen. Ein kleiner Erfahrungsbericht:
(Spoiler: Es hat mich mehr begeistert, als mir lieb ist. 🙈)
Seit über zehn Jahren brenne ich für die Notfall- und Intensivmedizin und habe immer felsenfest behauptet „ich werde Anästhesist“.
Und dann dieses Blockpraktikum Allgemeinmed. in der Hausarztpraxis - wie langweilig. Die machen ja nichts...
Am ersten Tag war ich total überrascht von der Stimmung - ich war schon in so vielen Settings, aber so warmherzig wurde ich selten empfangen. Und der Arzt, dem ich zugeteilt war, hatte ein so tolles Verhältnis zu den Patienten! Was war denn da los?
Sicherlich ist Hausarzt auf dem Dorf nochmal deutlich anders, als in der Stadt. Aber allein, dass die Stimmung während der Konsultation so locker sein KANN, hat mich beeindruckt. Fast jeder kannte den „Herrn Dokta“ und vertraut ihm auch ohne goldenes Stethoskop.
Und auch auf mich haben sich alle gleich eingelassen, obwohl ich doch erst Student bin. Vielleicht fällt das in der gemütlichen Praxis einfach leichter, als im gruseligen Krankenhaus, aber ich fand das sehr angenehm und konnte mich in lockerer Atmosphäre ausprobieren.
Dann gab es da keine steile Hierarchie, die einem im Nacken sitzt, der Umgang mit Fehlern war ungewohnt positiv und ich habe vieles wiedergefunden und anwenden dürfen, was ich im Studium oder daneben (kennen)gelernt habe.
Und etwa in der Mitte der Zeit fiel mit auf: Das Arbeiten fühlt sich ja so an, wie ich es aus meinem Sanitätszelt im Ehrenamt gewohnt bin! Und das ist doch das, was mir an der Medizin Spaß gemacht hat und was ich mir von einem Arbeitsplatz wünschen würde... 😳
Ich kann Menschen mit unendlich unterschiedlichen Problemen helfen, indem ich zuhöre, zu verstehen versuche, auf gefährliche oder von mir nicht beherrschbare Krankheiten hin untersuche, berate, erkläre, Sicherheit vermittle, kurz: patientenzentrierte Medizin mache.
Endlich kann ich verstehen, warum das vorher für mich so unspektakuläre Fach so fitte, vermeintlich doch zu angeseheneren Fächern geeignete Mediziner:innen wie @SchwesterFD und @_pieps anzieht.
Hier kann man als Generalist ein richtig guter Arzt sein und etwas bewegen!
Dummerweise hat das nun meinen festen Lebensentwurf ins Wanken gebracht. Ich kann ja schlecht der größte Notfallmediziner aller Zeiten mit dem Faible für Großschadenslagen und Hausarzt gleichzeitig werden. 🤔
Also werde ich mir wohl die Option „als Landarzt glücklich werden, eine gesunde Work-Life-Balance und Psychohygiene mit der Befriedigung guter Patientenversorgung in Eigenverantwortung, nebenher vllt etwas Notarzt fahren“ in einer Famulatur nochmal genauer anschauen müssen.
Ggf. suche ich mir dann nach dem Studium erstmal etwas Action in Klinik, ZNA und Anästhesie, mache dabei den FA Allgemeinmed. und halte mir die Landarzt-Nummer als Exit-Strategie offen.
Als Allgemeinmediziner kann man ja erstmal gut (prä)klinische Notfall- und Akutmed. machen.
Aber verflucht - ich habe immer gesagt „durch so ein Praktikum oder eine Pflichtfamulatur kommt doch keiner auf die Idee, jetzt Landarzt werden zu wollen!“
Und jetzt ausgerechnet ich...

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29 Mar
Ich habe mit mir gehadert, aber um die Wut und Ohnmacht zu verarbeiten, die mich nach gewissen tweets und posts in sozialen Medien heute erfasst haben, muss ich mal etwas zum Thema Triage und COVID-19 loswerden:
Weltweit haben Mediziner gerade Angst wie selten zuvor. Angst vor dem Mangel an Ressourcen, der auf sie zukommt und Angst vor den Entscheidungen, die sie dann treffen müssen. Niemand freut sich darauf. Aber ihr Anspruch ist es, möglichst vielen möglichst gut zu helfen.
Das kann aber bedeuten, nicht mehr zu versuchen, jedem alles zu bieten, was sonst üblich wäre, weil dann niemand genug abbekommt. Eine so einfache, wie unschöne Rechnung. Wir kennen das schon lange aus der Kriegs- oder Katastrophenmedizin.
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