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18 Feb, 26 tweets, 4 min read
Da wir den Großteil der Weltbevölkerung und Teile der Tierwelt zu einem gewaltigen Kulturmedium für SARS-CoV-2-Virus-Evolution gemacht haben, was für Ergebnisse können wir eigentlich erwarten?
Nun, da wir in den meisten Ländern keinen effektiven Lockdown haben, aber Bündel unterschiedlicher Maßnahmen, üben wir einen evolutionären Druck aus, der Mutationen selektiert, also Virus-Varianten einen Vorteil verschafft, die unseren Maßnahmen entgehen können.
Reduzieren wir Kontakte, haben Mutationen einen relativ größeren Vorteil, die ansteckender sind, vor allem in Kombination mit anderen Schutzmaßnahmen. Halten wir Abstand, werden Viren selektiert, die auf größere Entfernung infizieren.
Tragen wir Masken, werden Viren selektiert, die besonders gut Masken umgehen können, etwa durch bessere Schmierübertragung, oder durch höhere Viruskonzentration in der Körperflüssigkeit, so dass in Aerosolen, also sehr kleinen Tröpfchen, auch überall Viruskopien enthalten sind.
Testen und Isolieren wir viel, haben Mutationen einen besonderen Vorteil, die unsere Tests umgehen und weniger Symptome machen, vor allem, wenn wir nur symptomatische Personen testen oder isolieren.
Impfen wir, selektieren wir Viren, die die Immunisierung umgehen, sogenannte "Escape-Mutationen". Und würden wir die Bevölkerung durchinfizieren lassen, würden wir langfristig Mutationen selektieren, die frühere Reinfektion ermöglichen.
Einige der Mutationen hätten auch ohne Selektionsdruck einen Vorteil, etwa, wenn eine Mutation allgemein ansteckender ist und einen höheren R-Wert hat, aber am offensichtlichsten ist der Unterschied, wenn eine Mutation den Unterschied zwischen R < 1 und R > 1 ausmacht.
In dem Fall ist es so, dass die eine Variante abnimmt und sich nur die andere ausbreitet - was wir derzeit mit #B117 haben. Lässt man es laufen, finden alle Varianten genug neue Wirte, um sich zu verbreiten, und gerade am Anfang ist es oft Zufall, welche Variante sich ausbreitet.
Funktional ist es so, dass durch Mutationen, die die Stabilität der Hülle oder der Spikes erhöhen, das Virus länger außerhalb des Körpers ansteckend bleiben kann, temperaturstabiler ist und auf Oberflächen länger infektiös bleibt.
Mutationen am Spike-Protein können die Fähigkeit des Virus verbessern, an Zellen anzudocken und so die Ansteckungswahrscheinlichkeit erhöhen, wenn eine Kopie in den Körper gelangt ist und man so weniger Viruskopien einatmen muss, um sich zu infizieren.
Dann kann sich der RNA-Kopiermechanismus dahingehend verändern, das schneller oder genauer kopiert wird und sich Infektionsausbreitung und Mutationsrate verändern. Weiter sind Mutationen möglich, die durch mehr Defensinresistenz die Menge an Viruskopien auf Schleimhäuten erhöhen.
Dann kann es noch zu Mutationen an den Genen kommen, mit deren Hilfe das Virus das Immunsystem austrickst. SARS-CoV-2 hat, wie viele Viren, ein paar Tricks auf Lager, um dem Immunsystem zu entgehen, aber es gibt wohl eine Besonderheit:
Während andere Viren sich sowohl vor der angeborenen wie auch der erworbenen Immunantwort zu schützen versuchen, bringt Sars-Cov2 nur Gene mit, die das Interferonsystem des angeborenen Immunsystems durcheinanderbringen, nicht aber die Markierung von Zellen als "infiziert" für...
... die erworbene Immunantwort. Die aber braucht Tage, um Wirkung zu entfalten. Zieht diese Armee der erworbenen Immunantwort schließlich ins Feld, findet sie gewaltige Zahlen infizierter Zellen vor und veranstaltet ein Massaker. Das nennt sich dann "schwerer Verlauf".
Der SARS-CoV-2-Virus scheint ein ziemlich gieriger Gast zu sein: Er füllt die Zelle wohl mit bis zu 60% eigener RNA und zweigt den Großteil des Produktionsapparats für eigene Zwecke ab. Dennoch gelingt ihm die Manipulation des Interferonsystem nicht zu hundert Prozent.
Bei leichten Verläufen dürfte es so sein, dass die Manipulation des Interferonsystem schlecht bis gar nicht klappt und das Virus einfach vom angeborenen Immunsystem ausgelöscht wird, bevor das erworbene Immunsystem überhaupt ins Spiel kommt.
Umgekeht gibt es gute Hinweise darauf, dass schwere Verläufe mit genetischen, alters- oder krankheitsbedingten Störungen im Interferonsystem einhergehen und in diesen Fällen frühe Gabe von Interferonen Verläufe lindert.
Mutationen an diesen Genen, mit denen das Virus mit dem Immunsystem rumtrickst, dürften Krankheitsverläufe und Sterblichkeit beeinflussen, und zwar in jede Richtung - einen Selektionsdruck gibt hier aber nur dann, wenn wir auf erhöhte Schädlichkeit des Virus deutlich reagieren.
Das Corona-Virus mutiert ständig im Körper, aber die meisten Mutationen sind Sackgassen, weil sie das Virus schwächen, aber im Durchschnitt alle 2 Wochen, also nach 3-4 Übertragungen, findet sich eine Mutation, die das Virus zumindest nicht "schlechter" macht.
Diese Mutation ist dann die, die weitergegeben wird, bringt aber selten Vorteile für den Virus mit sich. Anfänglich, also in den ersten 6-9 Monaten der Pandemie ging man noch davon aus, das SARS-CoV-2 hochoptimiert ist und es unwahrscheinlich ist, dass es sich "verbessert".
Spätestens seit Dezember 2020 wissen wir von der #B117 Variante, die es geschafft hat, durch Verbesserungen am Spike-Protein deutlich ansteckender und leider auch tödlicher zu werden.
Der wissenschaftliche Konsens hatte das zwar nie ausgeschlossen, aber für unwahrscheinlich gehalten. Nachdem wir aber nun in zunehmend kürzeren Zeitabständen mit neuen "verbesserten" Virusvarianten konfrontiert sind, glaube ich, das wir uns darauf einstellen sollten, dass das ...
... Virus uns noch mit einem breiteren Spektrum an Mutationen auf Trab halten wird, als wir derzeit glauben, jedenfalls, wenn wir so weitermachen mit wöchentlichen Neuinfektionen in den Millionen. Dabei kommen derzeit nämlich jede Woche 1/2-1 Mio. neue Mutationen in die Welt.
Hinzu kommt, dass Corona-Viren quasi Sex haben, immer, wenn sie sich treffen. Wird jemand von zwei Strängen zugleich infiziert, tauschen sie munter Gene untereinander aus und haben gemeinsame Kinder. Wer also die Zahlen steigen lässt, gibt dem Virus auch mehr Gelegenheit zum Sex.
Zu den Leistungen der westlichen Welt gehört jetzt, ein chinesisches Virus so deutlich verbessert zu haben, dass es nun China bedroht. Hoffe, ich behalte Unrecht, aber was Mutationen betrifft könnten Probleme eintreten, die nicht nur unwahrscheinlich, sondern unvorstellbar sind.
Kein Grund zur Panik, würde ich jetzt gerne sagen, aber ich fürchte, im nächsten halben Jahr gibt es wenig Grund, hoffnungsvoll zu sein. Ja, die Impfstoffe kommen früher und sind besser als im Sommer erwartet, so lange es global nicht im Griff ist, sind auch wir nicht sicher.

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18 Feb
Das Corona-Virus ist in einer sehr prekären Situation. Außerhalb des Körpers zerfällt es nach Stunden, ja oft Minuten oder Sekunden, und im Körper wird es gnadenlos vom Immunsystem attackiert und nach einigen Tagen vernichtet
Um zu existieren, braucht es immer wieder neue Wirte, und zwar innerhalb eines Zeitfensters von wenigen Tagen, höchstens zwei Wochen, dann ist es zu spät, dann ist der Verfolgungsdruck durchs Immunsystem unüberwindlich.
Um einen neuen Wirt zu infizieren, muss es erst aus Zelle, in der es geboren wurde, in eine Körperflüssigkeit gelangen. Dann muss es Glück haben und in einer Ecke des des Körpers sein, wo die Flüssigkeit von einem Luftstrom...
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17 Feb
Ich würde ja dringend Qualifizierungsmaßnahmen für die Mitarbeiter des Gesundheitsamts empfehlen. Laut RKI-Definition ist es nur dann Kategorie 2, wenn die Kinder auch Masken getragen hätten. Siehe Anhang 2 hier: rki.de/DE/Content/Inf…
Hinzu kommt auch noch, dass generell die Einstufungsregeln für Kontakte, bei denen Masken getragen werden, doch sehr zu wünschen übrig lassen. Masken bieten nur einen Schutzfaktor, der zwischen 1,1 und 100 und mehr liegen kann, je nachdem, welche Masken von wem getragen werden.
Trägt nur der „Empfänger“ einen MNS, ist das Risko nur um 10% reduziert. Trägt der Infizierte einen MNS, sind es um die 90%, also Faktor 10. Tragen beide MNS, kann es bis zu Faktor 30 sein. FFP2 nur beim Empfänger beim Empfänger bringt Faktor 10, FFP 3 Faktor 40, in Verbindung...
Read 12 tweets
16 Feb
Habe in meiner Timeline zurückgeblättert, um zu sehen, wann ich überzeugt war, dass die Covid aus dem Ruder läuft. Denke, es war dieser Tweet vom 20. Sept. Die 7-Tages-Inzidenz lag bei 14,5/100.000. 7-Tage-R war bei 1,15 bzw. 28% Zuwachs in einer Woche.
Davor hatte ich zwar mehrfach wegen der Anstiege gewarnt auch dazu gesagt, dass die absoluten Zahlen so aussehen, daß man sich dringend schützen sollte, aber auch, dass die Inzidenz noch im Rahmen liegt. "Hoffnungslos aber nicht ernst" war noch mein Kommentar 3 Tage vorher.
Ab dem 20. September aber war mir klar und hätte auch allen Profis klar sein müssen, dass die Zahlen nicht mehr von allein sinken werden und die neue Welle ohne Maßnahmen nicht aufzuhalten ist.
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15 Feb
Weil die Frage aufkam, was ein *richtiger* Lockdown so bewirken kann: Ja, ich weiß, China, aber die sind nun mal der Benchmark für Lockdowns: 7-Tage-R < 0,4 und 94% Reduktion der 7-Tage-Inzidenz innerhalb zwei Wochen auf 6%, in der Zeit vom 28.2.2020 bis 11.3.2020.
In den 30 Tagen nach dem Peak am 13.2.2020, der 21 Tage nach dem Wuhan-Lockdown kam, hat China seine 7-Tage-Inzidenz auf 1/219tel gesenkt. Das ist so, als hätten wir die unsere 7-Tage-Inzidenz von 218,02 am 23.12. bis zum 22.1. auf unter 1/100.000 gesenkt.
Eigentlich hätten wir aber nur kleine 1-2 wöchige Lockdowns gebraucht, 1 bis maximal 3, wenn wir im August damit angefangen hätten, und die Inzidenz wäre nie über 20 gestiegen und nur kurz über 10, und 50.000 Leute hätten überlebt. Hätte, hätte, Fahrradkette.
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14 Feb
Diese Tabelle zeigt die Inzidenzentwicklung während der ersten Welle, besondere Tage sind farblich markiert. In der letzten Spalte die 7-Tage-Inzidenz. Bitte beachtet, bei welchen Inzidenzen wir in der 1. Welle in den Lockdown gegangen sind und bei welchen wir lockerten.
Die 2. Welle braucht 2 Bilder. Schaut euch an, wann die Inzidenz so hoch war wie zum Zeitpunkt des 1. Lockdowns und wie sie danach nie wieder darunter gefallen ist. Wie die 7, die 10, die 20 und 50 überschritten wurden, ohne Reaktion der Politik - außer dem Kanzlerpodcast bei 47.
Die Lockdown-Entscheidung kam bei Inzidenz 107, ein "Lockdown light" begann bei Inzidenz 133, war aber unzureichend, so dass bei Inzidenz 197 noch mal verschärft wurde und Weihnachten mit Inzidenz 218 der Höhepunkt erreicht war. Nach 3 Wochen wurde bei 176 noch mal verschärft.
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13 Feb
Passend zu den Beobachtungen, die ich hier geschildert habe, habe ich auf pavelmayer.de/covid/risks 4 Prognosespalten eingefügt. Zum einen, wie die Inzidenz in 4 und 8 Wochen bei gleichem Trend aussehen würde, zum anderen, wann Lockerungen möglich wären.
Ih weiß, dass es unwahrscheinlich ist, dass der Trend bzw. R-Wert so lange gleich bleibt, aber als Anhaltspunkt finde ich es dennoch sehr hilfreich. Die Zielwerte für die Inzidenzen von 7/100.000 für kleine Lockerungen und 3/100.000 orientieren an den Zahlen der 1. Welle.
In der ersten Welle haben wir bei bundesweiter Inzidenz von 9/100.000 die ersten Lockerungen vorgenommen, Schulen, Geschäfte und Restaurantsvorsichtig geöffnet. Bei einer Inzidenz von 3/100.000 fielen Reise- und Kontraktbeschränkungen und Spielplätze, Kultureinrichtungen und ...
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