Frühjahr 2010: Ich bin mit meinem damaligen Freund in einem barrierfreien Zimmer einer Jugendherberge einer deutschen Millionenstadt. Mitten in der Nacht geht der Feueralarm los. Wir verfrachten mich in den Rollstuhl, auf dem Rettungsplan, keine Hinweise für Rollstuhlnutzende 1/8
Wir realisieren auf dem Flur, dass wir wohl im "Behindertenflur" gelandet sind. Um uns herum rennen aufgescheucht, lernbehinderte Teilnehmende einer Reisegruppe herum. Auch auf den Fluren keine Hinweise für mich. Wir versuchen die Rezeption zu erreichen. Vergeblich. 2/8
Wir lassen uns Richtung Treppenhaus mitreißen, stehen vor dem Lift. Es ist nur ein Stockwerk ins EG. Wir checken ob wir Rauch riechen, nein. Keiner kann uns helfen. Der Lift funktioniert noch. Eigentlich darf man Aufzüge im Brandfall nicht benutzen. Wir tun es trotzdem. 3/8
Alles klappt, wir kommen unten an, warten mit der anderen. Nach einer halben Stunde Entwarnung, es war nur ein Jugendlicher, der auf dem Zimmer geraucht und den Feueralarm ausgelöst hat. Wir haben Glück gehabt. 4/8
Seitdem frage ich in jeder Unterkunft nach den Rettungswege und Möglichkeiten für mich im Rollstuhl. Nur sehr selten wissen die Mitarbeitenden auf Anhieb Bescheid und in der Mehrzahl der Gebäude gibt es keine sicheren Rettungskonzepte für mich. 5/8
Um mich auf einen Evacchair oder in Rettungstücher/Matratzen etc. zu verfrachten brauche ich mehrere Leute. Ohne jegliche Köroerspannung sind diese Möglichkeiten sehr riskant. Selten sind Leute vor Ort, die sich damit auskennen oder das regelmäßig mit beh. Menschen üben. 6/8
Ich müsste meinen Rollstuhl zurücklassen ohne den ich weder Sitzen noch irgendetwas bewegen kann. Eine Neubeschaffung dauert mehrere Monate, mit Genehmigung und Anpassung vielleicht sogar ein Jahr. Einen Rollstuhl wie meinen Jann man nirgendwo leihen. 7/8
Im Notfall von fremden, unwissenden Menschen abhängig zu sein, ist kein gutes Konzept. Was funktionieren würde: Rettungssaufzüge, die auch im Brandfall benutztbar sind. Schutzzonem, in denen ich auf die Rettung mit der Feuerwehr warte. Das sind Profis. Die haben das geübt. 8/8
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Sommer 2016: Ich sitze in einer Verhandlung über Barrierefreiheit als plötzlich eine Sirene losgeht. Das Gebäude ist mir fremd. "Das ist bestimmt nur Probealarm, da müsste ich Sie eigentlich an den Sammelpunkt bringen, aber das geht mit Ihnen ja nicht.", sagt der Gastgeber, 1/4
"Die Aufzüge werden ja abgestellt, sobald der Alarm losgeht." Unsicher blicken mich alle an. Wir sind im 4. Stock eines öffentlichen Gebäudes. Der Gastgeber versucht die Hausmeister zu erreichen. Erfolglos. Alle einigen sich darauf, dass das nur ein Probealarm ist. 2/4
Ich frage, was wir denn mit mir im Rollstuhl gemacht hätten, wenn es ernst wäre. Es gibt sechs Aufzüge in Haus. Keiner entspricht den Brandschutzbestimmungen eines Rettungsaufzuges. Keiner weiß, wo ich am besten auf eine Rettung per Leiter warten soll. 3/4
In #Sinzig sind 12 behinderte Menschen nachts zuhause ertrunken. In Gedanken bin ich heute viel bei den Opfern und ihren Familien, aber auch bei einem grundsätzlichen Problem: Rettungswege und Notfallkonzeote sind nicht barrierefrei o. für behinderte M. nicht realistisch. 1/8
Ich rinnere mich an den Brand in einer Behindertenwerkstatt in Neustadt im Jahr 2012. Was passiert ist, ist nicht nur ein Unglück in mitten einer menschengemachten Naturkatastrophe. Was passiert ist weißt uns auf eine Leerstelle hin und sollte uns nachdenklich machen. 2/8
Die Lebenswelt von Menschen mit Behinderungen ist nicht auf Rettung im Katastrophenfall eingestellt. In Einrichtungen existieren oftmals keine Rettungskonzepte, die realistisch funktionieren können. Weder Hilfsmittel, noch Umfeld sind auf solche Ernstfälle eingestellt. 3/8
Ich merke, wie ich innerlich oft abschalte, wenn die Kolleg*innen über Geburtstagsparty, Einladungen usw. sprechen. Denn natürlich sind ihre Wohnungen nicht barrierefrei. Mein schönster Kollegenmomentvwarcdaher, als ein Kollege mich zu seinem runden Geburtstag einlud und 1/4
mir gleich erklärt hat, wie er es schaffen will, dass ich die eine Stufe in sein Haus mit dem Rollstuhl hochkomme. Er fragte mich ob das eine gute Lösung wäre und vor Ort hat es dann wirklich geklappt. Eine Freundin hat jahrelang ihren Geburtstag bei mir gefeiert, damit ich 2/4
dabei sein konnte. Wenn ihr behinderte Mitschüler*innen, Kommiliton*innen, Kolleg*innen oder Freunde habt, fragt was sie brauchen, um dabei zu sein, ob ein Ort oder eine Aktivität zugänglich ist oder nicht. Übergeht niemanden, nur weil es kompliziert werden könnte. 3/4