Wonderous Keulpaka  🇺🇦 ✡️ #NAFO Profile picture
Jan 20 11 tweets 2 min read Read on X
Zur Causa "Jens Winter", früher antideutsche Szene, jetzt mit völkischem Vokabular bei Nius.

Ein Thread, der auch die Dichotomie Links-Rechts etwas relativiert und aufzeigt, warum die Grenzen mitunter fließend sind.

(Anlass war sein gestriger Tweet)
👇 Image
1/
Der interessante Punkt an Jens Winter ist eben nicht der einzelne Tweet, sondern der Weg dorthin.
Jemand, der lange aus einem antideutschen Milieu kam, schreibt plötzlich bei Nius - und benutzt prompt Vokabular, das eindeutig ethnisch aufgeladen ist.
2/
"Bevölkerungsgruppen", "Weiße", "Fortpflanzung", "die Deutschen":
Das sind keine zufälligen Begriffe. Das ist ein Denken in Kollektiven, Biologie, Demografie. Unabhängig davon, wie der Autor sich selbst politisch verortet
3/
Mit Blick auf die Biografie von Winter wirkt wie ein Bruch, ist aber eher eine Drift. Antideutsch zu sein bedeutete nie automatisch, pluralistisch oder liberal zu denken. Der Kern war immer Feindschaft: gegen Nation, gegen "Deutschland", gegen bestimmte Formen von Identität.
4/
Als sich große Teile der Linken in Richtung Postkolonialismus, Identitätspolitik und Migration bewegten, kam es zum offenen Bruch innerhalb der Linken. Ab da war "die Linke" der Hauptgegner - nicht mehr Nationalismus als solcher.
5/
Und genau hier kippt etwas:
Wenn Politik nur noch als Lagerkampf verstanden wird, werden Kategorien plötzlich akzeptabel, solange sie "gegen die Richtigen" gerichtet sind. Ethnisierung wird nicht mehr grundsätzlich abgelehnt, sondern selektiv eingesetzt.
6/
Das erklärt, warum jemand wie Winter nicht plötzlich "rechts geworden" ist, aber trotzdem rhetorisch dort landet.
Die Logik ist nicht konservativ, sondern antagonistisch: Freund oder Feind. Dazwischen gibt es nichts mehr.
7/
Warum also Nius? (Jetzt wird es interessant)

Weil Nius kein geschlossenes ideologisches Projekt ist. Es ist ein Auffangbecken. Entscheidend ist nicht, wo jemand herkommt, sondern ob er bereit ist, Institutionen, Medien und den liberalen Konsens frontal anzugreifen.
8/
Bei Nius sammeln sich dann sehr unterschiedliche Biografien:
Enttäuschte Linke, ehemalige Antideutsche, Kulturkämpfer, Rechte. Was sie eint, ist kein Programm - sondern der Wille zur Eskalation und Delegitimierung. Reichelt sammelt, wo er kann. Die Konkurrenz ist groß.
9/
Das führt zu einem weiteren Verschwimmen von Szenegrenzen. Und zwar nicht aus Versehen, sondern systematisch. Die neue Trennlinie verläuft nicht mehr zwischen links und rechts, sondern zwischen pluralistisch und binär, zwischen ambivalent und absolut.
10/
Der Fall Jens Winter zeigt das aus meiner Sicht ziemlich klar: Man kann den Nationalismus der anderen verachten - und trotzdem selbst in völkische Kategorien rutschen, wenn man Politik nur noch als Kampf gegen einen imaginierten Feind betreibt.

• • •

Missing some Tweet in this thread? You can try to force a refresh
 

Keep Current with Wonderous Keulpaka  🇺🇦 ✡️ #NAFO

Wonderous Keulpaka  🇺🇦 ✡️ #NAFO Profile picture

Stay in touch and get notified when new unrolls are available from this author!

Read all threads

This Thread may be Removed Anytime!

PDF

Twitter may remove this content at anytime! Save it as PDF for later use!

Try unrolling a thread yourself!

how to unroll video
  1. Follow @ThreadReaderApp to mention us!

  2. From a Twitter thread mention us with a keyword "unroll"
@threadreaderapp unroll

Practice here first or read more on our help page!

More from @DrHOSP1

Jan 21
1/
Gestern habe ich über die Hintergründe von Jens Winter geschrieben, über seinen Szenenwechsel, frühere antideutsche Sozialisation und seine heutigen identitären Deutungen. Vor diesem Hintergrund lohnt ein Blick auf einen weiteren Text, weil er eine wiederkehrende Methode zeigt Image
2/
Der Artikel setzt zunächst eine belegbare Tatsache als Anker. Stefan Wisniewski, verurteilter RAF-Täter, wohnt im selben Haus wie eine weitere Person. Dieser harte Fakt ist überprüfbar. Er schafft Vertrauen und bildet den Boden, auf dem die Deutung aufbaut.
3/
Dann passiert der entscheidende Schritt. Der zweite Bewohner wird als "Vordenker der Vulkangruppe" bezeichnet. Genau hier wird der harte Fakt semantisch geöffnet. Vordenker ist kein definierter Status, keine Mitgliedschaft, keine Funktion, sondern ein Deutungslabel.
Read 11 tweets
Jan 17
1/8
Wer Vius/NIUS verstehen will, sollte aufhören, es wie ein normales Medienunternehmen zu betrachten. Die zentrale Kategorie ist nicht Wirtschaftlichkeit, sondern politischer Zweck: Einfluss, Agenda-Setting und die Stärkung rechtspopulistischer Kräfte im deutschsprachigen Raum.
2/8
Unter dieser Prämisse sind die massiven Verluste (Bilanz 2023) kein Betriebsunfall. Sie sind der kalkulierte Preis für politische Kommunikation. Vergleichbar mit Wahlkampfbudgets, Vorfeldorganisationen oder strategischer PR - nicht mit Startups, die auf Profitabilität zielen.
3/8
Die oft gestellte Frage "Warum verbrennt man so viel Geld?" greift deshalb zu kurz. Die relevante Frage lautet: Wie viel Diskursverschiebung, Reaktionszwang und Normalisierung bestimmter Narrative lässt sich pro investiertem Euro erzeugen?
Read 8 tweets
Jan 11
Der #ÖRRBlog gibt sich als kritischer Beobachter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Reichweitenstark, meinungsstark, scheinbar journalistisch. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn bei Struktur, Agenda und Netzwerken häufen sich Widersprüche. 👇
1/
Der #ÖRRBlog inszeniert sich als Watchblog. Faktisch betreibt er aber dauerhafte politische Kampagnen gegen den ÖRR. Das beinhaltet selektive Skandalisierung, klare Narrative und kaum symmetrische Medienkritik. Mit Journalismus hat das nichts zu tun.
2/
Zentraler Punkt, den man beleuchten muss: die Kooperation mit der Denkfabrik #R21.
R21 ist politisch klar positioniert, als gemeinnützig anerkannt und staatlich gefördert. Gleichzeitig dient der ÖRRBlog als reichweitenstarker Verstärker exakt dieser politischen Linien.
Read 14 tweets
Jan 10
Wir stehen vor einem systemischen Paradox: Presse- und Meinungsfreiheit sind unverzichtbar. Gleichzeitig untergraben soziale Medien durch Hass, Desinformation und Propaganda genau die Demokratie, die diese Freiheiten schützt. Das Problem ist strukturell, nicht moralisch. 👇 1/8
Meinungsfreiheit schützt das Sagen, nicht die algorithm. Verstärkung. Das Grundproblem ist Reichweite: Ein Post erreicht heute Millionen, ohne journalistische Verantwortung, redaktionelle Kontrolle oder Kontext. Freiheitsrechte wurden nie für diese Machtverhältnisse gebaut. 2/8
Die falsche Debatte lautet deshalb: Zensur oder Nichts-tun. Das ist eine Sackgasse. Die richtige Frage ist: Wie regulieren wir Wirkung, ohne Inhalte zu verbieten? Demokratie scheitert nicht an Meinungen, sondern an einer ungebremsten Massenwirkung. 3/8
Read 8 tweets
Jan 4
Das aktuelle US-Auftreten ist kein Ausrutscher, sondern knüpft radikal und ideologisch an alte Denkmuster an. Hier mal ein kurzer historischer Abriss darüber, wie aus "The Americas" eine US-Einflusssphäre wurde - und warum das Trump/Vance-Regime daran anknüpft. 👇🧵
Um das heutige Verhalten der USA zu verstehen, muss man zurückgehen. Seit dem 19. Jahrhundert existiert die Vorstellung, dass der amerikanische Doppelkontinent einen besonderen politischen Raum bildet, getrennt von Europa, aber nicht gleichberechtigt organisiert. 1/7
Diese Idee wurde unter dem Begriff "The Americas" gefasst. Gemeint war nie ein gemeinsames Projekt, sondern eine Einflusssphäre: Europa sollte draußen bleiben, die USA die ordnende Macht sein. 2/7
Read 9 tweets
Jan 2
Was ich bezüglich Kulturkampf auf einer soziologischen Ebene schon länger beobachte, ist keine zufällige Eskalation, sondern eine gezielt genutzte Radikalisierungsdynamik. Sie wirkt wechselseitig, aber sie ist nicht symmetrisch entstanden. 👇 Ein Thread 1/9
Die neurechte Bewegung radikalisiert sich nicht "aus Versehen". Sie nutzt linke Identitätspolitik strategisch als Feindbild, überzeichnet sie und framed sich selbst als legitimen Widerstand gegen eine angebliche moralische oder kulturelle Zwangsherrschaft. 2/9
Dabei geht es weniger um reale linke Macht, sondern um Mobilisierung. Einzelne Diskurse, Begriffe oder Aktivismen werden aus dem Kontext gelöst und zur Bedrohung hochgezogen. Die eigene Radikalität erscheint so nicht als Wahl, sondern als Notwehr. 3/9
Read 10 tweets

Did Thread Reader help you today?

Support us! We are indie developers!


This site is made by just two indie developers on a laptop doing marketing, support and development! Read more about the story.

Become a Premium Member ($3/month or $30/year) and get exclusive features!

Become Premium

Don't want to be a Premium member but still want to support us?

Make a small donation by buying us coffee ($5) or help with server cost ($10)

Donate via Paypal

Or Donate anonymously using crypto!

Ethereum

0xfe58350B80634f60Fa6Dc149a72b4DFbc17D341E copy

Bitcoin

3ATGMxNzCUFzxpMCHL5sWSt4DVtS8UqXpi copy

Thank you for your support!

Follow Us!

:(