Sebastian Susteck Profile picture
Literaturwissenschaft & -didaktik an der Ruhr-Universität Bochum; Taskforce Nachhaltigkeit d. RUB; Bildung & Deutschunterricht; Klima; @Ssusteck@ruhr.social

Aug 23, 2020, 13 tweets

Weshalb ist das Besichtigen von Schlachthöfen um 1900 en vogue? Thread z. #Fleisch, #Literatur & dem Central-Vieh- & #Schlachthof in Berlin nach Susanne #SchindlerReinisch: #BerlinCentralViehhof (1996) & bes. dem Text v. #DanielaGuhr. (Bilder ebd., hier: Rinderverkaufshalle) /1

Upton #Sinclair beschreibt 1905/06 in #TheJungle die Zuschauergalerien in den #Schlachthöfen Chicagos. Ab dann gehört d. Besuch dort zum Standardprogramm dt. Gäste. Auch den Berliner Vieh- & Schlachthof kann man besichtigen, 1910 kostenlos & ohne Führer, nur e. punktierten /2

Linie folgend. 1929 widmet ihm Alfred #Döblin in #BerlinAlexanderplatz längere Passagen. Sie zeugen von Faszination, zeichnen das Schlachten aber zugl. als obszön, unmoralisch, was durchaus auch in Reportagen aus Chicago der Fall ist. Der Berliner Central-Vieh- & Schlachthof /3

wird 1881 eröffnet, wird dann rasch mehrmals, vor allem 1898 erweitert. Zwei Dinge sind relevant, (1.) #Hygiene & (2.) das Streben nach massenhafter #Fleischproduktion (Bilder: Vor & nach 1898). Der Schlachthof ist Ausdruck der Moderne & „Lehranstalt für die Bewältigung von /4

Massenprozessen“ (#SchindlerReinisch). (1.) #Hygiene: Hintergrund d. Gründung sind u. a. die Seuchenerfahrungen d. 19. Jhds. (#Cholera) & der Eindruck, dass dezentrales Schlachten unkontrollierte Gesundheitsrisiken birgt. Rudolf #Virchow wirbt schon 1864 für e. zentralen /5

Schlachthof i. Berlin, ab 1868 ist es Städten gesetzlich möglich, Schlachter weitgehend zur Arbeit an einem Ort zu verpflichten (Bild). Dass sich nicht schon in den 1860er Jahren etwas tut, liegt womöglich an d. Wahrnehmung des Abgeordnetenhauses, hygienische Mängel bedrohten /6

v. a. Arbeiter & ärmere Bevölkerungsteile. (2.) Massenhafte Fleischproduktion: Es gilt, den Bedarf e. Millionenstadt zu decken. Dass der Schlachthof bald massiv erweitert werden muss, liegt am Bevölkerungswachstum, aber auch zunehmenden #Fleischkonsum: 1900 verbraucht Berlin /7

ca. 160.000 Tonnen/Jahr. Der Vieh- und Schlachthof ist repräsentativer Bau, funktional & modern. Dennoch ist er im Vgl. zur #MeatPackingIndustry i. Chicago fast rückständig: Er stellt nur das Dach f. viele einzelne Fleischer, ist nicht Ort e. Firma. Entspr. ist er nicht /8

als Raum EINES Produktionsprozesses gestaltet, vereint nicht alle Produktionsschritte & nutzt auch das Prinzip der Schwerkraft nicht, das #Sinclair in #TheJungle beschreibt: Das tote Tier wandert von oben nach unten (Bild). Die zentral-dezentrale Organisation zeigt auch /9

#Döblin i. #BerlinAlexanderplatz deutlich. 1926 wird über „Hochbauten“ im Schlachthof & EINEN Produktionsprozess nachgedacht. Durch den Nationalsozialismus kommt es nicht mehr dazu. #Berlin & #Chicago unterscheiden sich aber noch i. anderer Hinsicht: Die (literarische) /10

Faszination der USA erklärt sich durch ihre vermeintlich anarchische #Modernität, Produktion am Fließband, die aber voller Skandale ist. Egon Erwin #Kisch berichtet 1929, wie Führer in den #MeatPacking-Firmen nach #Sinclairs Roman auf d. Umgang mit kritischen Fragen gedrillt /11

seien, während i. Berlin Zuschauer allein durch den #Schlachthof schlendern. In Berlin dagegen herrscht schon um 1900 d. Staat, der u. a. dezidiert hygienische Regulierungsansprüche erhebt. Dennoch fasziniert d. Anblick massenhafter #Fleischproduktion d. Zeitgenossen. //

EDIT: Wie ich weiterer Lektüre v. #SchindlerReinisch entnehme, war das Schlendern durch die Berliner Anlagen nur auf den Viehhof bezogen, nicht den eigentl. Schlachthof - interessant. Dennoch waren i. Berlin anders als i. Chicago i. d. 1880ern hygienische Anliegen zentral.

Share this Scrolly Tale with your friends.

A Scrolly Tale is a new way to read Twitter threads with a more visually immersive experience.
Discover more beautiful Scrolly Tales like this.

Keep scrolling