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Apr 25, 2022, 17 tweets

#SozialeAnsteckung
Chuang
Soziale Ansteckung
und anderes Material zum mikrobiologischen Klassenkampf in China
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von WRKSHP, 2021

[Vorgezogenes viertes Kapitel.]

Siehe: threadreaderapp.com/thread/1508022…

[Anm. d. Übers.: Die Anfänge des Kapitels sind bildreich und komplex formuliert und wirken deutsch sperrig und literarisch.]

Stattdessen wird der Konflikt auf die basalere Unterlage [das Substratum] der Biologie umgestellt, wo es dann

weniger auf die Ethik und die Konsequenzen revolutionären Blutvergießens ankommt. In solchen Phantasien wird die Klasse nicht überwunden, bloß in einer großen enthemmten Gewalt entfesselt, befreit von

der unwissenden Hand der Seuche selber, eine wenig verhüllte Metapher überbordender Vergeltung. Das Genre ist nihilistisch und apokalyptisch, jedoch auch außergewöhnlich politisch – als ob diese verzweifelten,

hoffnungsvollen, zornigen, über ganz Hongkong verteilt gekritzelten Slogans 2019 nur Monate vor der Pandemie sich selbst aus dem Beton erhoben hätten und ins Blut gekrochen wären: "Wenn wir brennen, brennt ihr mit uns", "Lieber Asche als Staub".

[Anm. d. Übers.: Wir haben den unbeholfenen Duktus in der weiteren Übersetzung zunächst ff. beibehalten. Er eröffnet auf diese Weise die Schwierigkeiten

metaphernreicher Schreibsprache und das Fakt der Übersetzung überhaupt.]
Doch die verbreitete kulturelle Strömung ist konservativ, bestimmt von der Erkenntnis der Katastrophe, unfähig, seine Ursache zu umreißen. In ihrer reaktionärsten Form manifestiert sie zum puren

Ersatz: Zehntausende, für die Politik nichts als eine endlose Paranoia darstellt, leugnen offen die Existenz des Virus, in dem sie allein eine Entschuldigung für die Überzogenheit des Staates sehen. Andere nehmen eine ähnlich reaktionäre, jedoch entgegengesetzte Haltung

ein. Sie verstärken energisch die Mythen, welche Staaten für ihre Zwecke herstellen, indem auf den relativen Erfolg ostasiatischer Regierungen verwiesen wird, die die Seuche unter Kontrolle bekamen (wobei

deren Fehler, welche die Pandemie begünstigten, für gewöhnlich ignoriert werden).[2] Ob es das Sich-Versammeln um den Staat oder die Sammlungsbewegung gegen ihn ist, sie stellen den prägnanten Ausdruck eines beinahe universalen

Ansatzes der Frage der Pandemie gegenüber dar, rangierend vom Parteipropagandisten bis zum paranoiden Anti-Maskenträger und von da bis zum Philosophen der Elitehochschule. Der thematische Kern ist dieser: Die Seuche ist nicht nicht die Seuche, sie ist

stattdessen einfach eine Tatsache des sich totalisierenden Staates. Der Staat agiert hier in der Art eines finalen Grenzbereichs der Ideologie.* An dieser Schwelle lautet die Regel, von der Seuche zu sprechen, ohne von ihren Ursprüngen zu sprechen, von der

Gesellschaft zu sprechen, ohne vom Sozialen zu sprechen und von der Pandemie zu sprechen als einer rein administrativen Angelegenheit, die von denen bestimmt wird, die am Ruder sind. Kurz, der allgemeinste Allgemeinplatz, von der Pandmie zu

sprechen ist heute der, sie garnicht zu diskutieren und staatdessen über den Staat zu diskutieren.

[2] Dies trifft nicht nur auf China, sondern beispielsweise auch auf Südkorea zu.

*Anm. d. Übers.: Oder anders: "Der Staat agiert wie eine letzte Schwelle von Ideologie." Ein schwierig zu interpretierender Satz. Nimmt frau bspw. eine marxistische Staatstheorie wie von Nicos Poulantzas zur

Hand, dann wäre _Staat_ zuerst ein Kampffeld um den gesellschaftlichen Reichtum, das nicht nur, aber eben auch ideologisches ist.

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