#pjtagebuch #quartalsabrechnung
Teil2: Warum arbeiten Hausärzt:innen so viel und muss das so sein?

Ein Erklärungsversuch am Beispiel meines Hausarztes L.

THREAD
1/
Vielleicht das wichtigste vorweg für alle jungen Mediziner:innen, die darüber nachdenken aufs Land zu gehen: Muss das so sein? Nein, auf keinen Fall!
Aber ich glaube nachvollziehen zu können, warum es sich so entwickelt hat.
2/
Zuerst ist die Pat.bindung nach über 30 Jahren in der Praxis natürlich riesig. Ich konnte bei allen Patient:innen 20 Minuten freie Anamnese machen und L. wusste trotzdem besser, was los war als ich. Keine Chance 30 Jahre erlebte Anamnese nachzuholen.
3/
Gleichzeitig übrigens auch das größte Risiko in seiner Position. Rechtzeitig hellhörig zu werden, wenn doch etwas neu ist. Wenn etwas kommt, das schonmal abgeklärt wurde, aber nicht mehr ins Muster passt. Er sagt, das sei mit das schwierigste nach 30 Jahren Hausarztpraxis.
4/
Leider weiß jede:r, was passieren kann wenn der Bereitschaftsdienst zu unbekannten Pat. kommt: Im Zweifelsfall Einweisung.
Und dann geht's meistens leider abwärts: stat. Behandlung, Delir, frühzeitige Entlassung, Gangunsicherheit zu Hause, Sturz, Fraktur, Pneumonie, AH/Tod.
5/
Zugegebenermaßen überspitzt, aber gerade bei multimorbiden Pat. sind schlechte Einweisungen eines der größten Gesundheitsrisiken. Geht oft schief, nur selten akut sondern erst etwa 4-8 Wochen danach. Jede:r kennt solche Geschichten, aber man erlebt sie nur in HA-Praxen.
6/
Daher ist es nachvollziehbar, wenn L. versucht jede überflüssige Einweisung zu vermeiden und ich rechne ihm diese Einstellung und Sorge sehr hoch an! Das heißt dann aber leider auch, dass er im Zweifelsfalls derjenige ist, der nachts um 3 angerufen wird.
7/
Dass er derjenige ist, der bei einer Patientin 8 Wochen lang alle 2 Tage zum Hausbesuch fährt (20min Anfahrt!). Der Erfolg ist, dass diese Patientin jetzt am Küchentisch sitzt und mit uns geredet hat. Ich glaube einen KH Aufenthalt hätte sie kaum überlebt.
8/
Ein hoher Preis, aber ich verstehe, warum er bereit ist ihn zu zahlen.
Erst dadurch sieht man, was ambulant ginge, wenn wir das als System wollten. Aktuell sind wir leider auf Eigeninitiative von Hausärzt:innen wie L. angewiesen, denn vergütet wird dieses Engagement nicht.
9/
Es ist übrigens vollkommen legitim, dieses Engagement nicht leisten zu können/wollen. Und genau deswegen brauchen wir eine starke hausärztliche Primärversorgung, ein starke ambulante Pflege und eine Digitalisierung, die die relevanten Informationen immer bereit hat.
10/
Gute Versorgung geht aber auch ohne, dass man sich als HA 60+Std. aufopfert. Dabei ist aber auf eine gewisse Effizienz in den Abläufen angewiesen.
D. (der andere Hausarzt) z.B. Anfang 70 und straffer strukturiert als L. Das ist aber nicht für alle Pat. was.
D. macht alle Hausbesuche mit dem E-bike, geht täglich joggen, schwimmen oder macht anderen Sport. Das geht nur mit einem getakteten Tag. Bei D. ist pünktlich Feierabend und die Sprechstunde zackiger. Die Konsultationen sind kürzer, zu wenig Zeit für Pat. ist trotzdem nie.
12/
Mit guter Zeitplanung lässt sich viel Zeit gewinnen.
Zusätzlich geht mir digitales Arbeiten leichter von der Hand geht als z.B. L.. Wir haben kurz bevor ich in die Praxis kam ein neues PVS bekommen, was den Arbeitsfluss deutlich verlangsamt hat. Das kostet Arbeitszeit.
13/
Insgesamt bin ich sicher, dass man mit guten Praxisabläufen, etwas strafferer Zeitplanung und ausreichend zeitlicher Investition in die Umsetzung und Bedienung digitaler Prozesse eine mindestens vergleichbare Pat.versorgung hinbekäme, ohne 60+ Std. arbeiten zu müssen.
14/
Und falls ihr euch fragt, was L. denn abends nach 18 Uhr noch in der Praxis macht: Befunde lesen, Laborbefunde mitteilen, telefonische Pat.anliegen beantworten, Gutachten schreiben…
15/
Ich hoffe ich konnte ein bisschen zeigen, warum ich es nachvollziehbar finde so viel arbeiten zu wollen, ich mir aber sicher bin, dass niemand das muss. In Teil 3 berichte ich ein bisschen über die Unterschiede zwischen städtischer und ländlicher hausärztlicher Versorgung.
16/16

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Apr 17
#pjtagebuch
Letztes Quartal, dieses Mal #Hausarztpraxis. Also meine finale (Achtung Wortwitz) #Quartalsabrechung!
Weil es viel zu berichten gibt in mehreren Teilen. Heute Teil 1: erste Eindrücke.
1/
Eindrücklichste Erfahrung war die persönliche Aufnahme durch die Familien beider Hausärzte. Da die Praxis für mich nicht täglich erreichbar ist, habe ich bei dem einen gewohnt und bei dem anderen gab's Mittagessen. Mehr geht nicht!
2/
Ist auch anstrengend, da man 24/7 "unter Beobachtung" war. 7 Frühstück, 7:30 bis 13 Sprechstunde, Mittagessen, 15-18 Uhr Sprechstunde, 19 Uhr Abendbrot. Ggf. zusätzlich Hausbesuche. Anstrengend, aber die Erfahrung möchte ich nicht mehr missen!
3/
Read 12 tweets
Apr 5
"Unvergleichbar besser qualifiziert als Hausärzte."
"Versorgung auf Krankenhausniveau"

Da können die doofen Hausärzt:innen dann wohl leider nicht mithalten 🤦🏼‍♂️

@hausaerzteverb @degampraesident @Flying__Doc @Chrissip81 @drmigurr @doc_hsm @barmer_hausarzt @regiopraxis @julejopa ImageImageImage
Sry euch das mitzuteilen @YannicMeyer @nohlderyk, aber die Versorgung übernehmen dann leider "unvergleichbar besser qualifizierte". Vllt doch Anästhesie machen? 🤷🏼‍♂️
Ach und wie finden das eigtl offizielle Organe wie die @kbv4u @KV_Bayerns @kvbw_info @KV_Hessen @KV_RLP bzw. die Kammern @AerztekammerBW @BAEKaktuell @LAEKHpresse?

Irgendwie komische Art über Hausärzt:innen in der Primärversorgung zu sprechen...
Read 4 tweets
Nov 1, 2021
#pjtagebuch
Was lernt man in 3 Monaten Derma-Ambulanz?

Eine Kurzzusammenfassung meines PJ-Quartals in der dermatologischen Ambulanz.

#Thread #Dermatologie #PJ #Dermatipps
Vorweg, bevor das hier jemand allzu ernst/genau nimmt:
Twitter ersetzt keine ärztliche Konsultation. Ich gebe hier meine verkürzte persönliche Erfahrung wieder und kann und will keine Garantie für Qualität und Vollständigkeit meiner Eindrücke geben.
Nennt mich Spießer, aber: Benutzt #Sonnencreme! Immer!
Dachte ja immer, dass das so ein übertriebenes Dermading sei, aber wenn man mal Menschen unter 30 mit Metastasen eines malignen Melanoms in der Klinik hatte, dann wird man bei #Sonnenbrand irgendwie unentspannter.
Read 22 tweets
Oct 30, 2021
Ich bin mir sicher, dass der #Datenschutz besser wird, wenn man bei jedem neuen Vertrag 27 Seiten "#Aufklärung" lesen und unterschreiben muss. Hab das natürlich alles mehrfach durchgelesen und weiß jetzt genau was ich (nicht) darf.

Man, hab ich wieder Bock auf #Krankenhaus.
Ich verzichte z.B. auf den Schutz des #Fernmeldegeheimnisses gemäß §88 Telekommunikationsgesetz. Aha.

#guteaufklärung, so wichtig.
Zusätzlich habe ich gelesen:
- Leitlinie Informationssicherheit
- Richtlinie zum Umgang mit IT-Arbeitsplatzgeräten
- Sicherheitsklassifikation von Dokumenten
- Betriebliche Sicherheitsrichtlinie.
Read 5 tweets
Mar 16, 2021
Spontane Heparin-induzierte Thrombozytopenie.
Was ist das? Und was hat das mit #AstraZeneca zu tun?

THREAD:
Die Heparin-induzierte #Thrombozytopenie ist eine mögliche #Nebenwirkung bei Heparingabe. Bekannt sind vor allem zwei Formen, netterweise Typ 1 und 2 genannt. 1/
Typ 1 ist relativ häufig (10-20%) aber ungefährlich. Hierbei wechselwirkt Heparin direkt mit den Blutplättchen (#Thrombozyten) und es passiert nix, außer, dass sich das die Blutplättchenzahl etwas verringert. Keine #Komplikationen. Man gibt das Heparin sogar einfach weiter. 2/
Typ 2 ist etwas ungemütlicher, dafür auch seltener (0,1-5% je nach Heparin). Hierbei werden Antikörper gegen das Molekül #PF-4 gebildet, das auf den Blutplättchen liegt. Diese verklumpen dadurch und es bilden sich Thromben. Z.B. Sinusvenenthrombosen. 3/
Read 22 tweets

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