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Aug 4, 2022 11 tweets 6 min read Read on X
Aufklärung über mentale Gesundheit beinhaltet oft diese Botschaft: "Psychische Störungen denken sich Menschen nicht aus. Sie sind echte Erkrankungen". Ich verstehe diese Idee und ich teile das Anliegen. Aber manche Verkürzungen zu diesem Thema können zu Problemen führen. 1/
Es ist kein Zufall, dass #Psychotherapeut*innen Störungen (engl. disorders) diagnostizieren, Ärzt*innen aber Erkrankungen (engl. diseases). 2/ Image
Es fehlen im deutschen differenzierte Begriffe wie im Englischen: Begriffe wie #condition und #disorder haben eine andere Bedeutung als #disease, #sickness und #illness. Die ICD erscheint (genauso wie das DSM) auf Englisch und wird dann übersetzt ins Deutsche. 3/
Das begriffliche Durcheinander im Deutschen zeigen sich bei der "Psychischen Störung mit Krankheitswert". Wie gesagt: Es ist kein Versehen der @WHO, eben nicht von psychischer "Krankheit" zu sprechen, sondern Absicht. 4/
Der @WHO-Begriff harmoniert aber nicht mit dem deutschen Sozialverwaltungsrecht. Dieses verlangt, dass Menschen in Deutschland nicht nur eine psychische Störung haben, sondern eine "mit Krankheitswert". Sonst interessiert dieser Zustand die Krankenkassen (@GKV_SV) nicht. 5/
Dazu ein Videotipp: Andreas Heinz, Direktor der Klinik für #Psychiatrie und #Psychotherapie @ChariteBerlin 6/
Wer meint, dass psychische Störungen unstrittig - aus sich selbst heraus evident - existieren, verkennt, dass sie in den Revisionen der Klassifikationssysteme (z.B. ICD-11) teils abgeschafft, teils neu erschafft, teils überarbeitet werden. 7/
Selbst wenn man den Krankheitsbegriff ignoriert, muss man beachten: Störungen "gibt" es nicht alle gleich "wirklich" - z.B. gibt es bei der Generalisierten Angststörung eine eher niedrige Interrater-#Reliabilität und diskriminante #Validität (vgl. Untersuchungen zum DIPS). 8/
Die Debatte darüber, was eine "wirkliche" oder "anerkannte" psychische Störung ist (und was nicht), kreiste in Deutschland traditionell um das Thema #Burnout. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es kein Burnout als psychische Störung, in der Lebenswelt von Menschen aber schon. 9/
Im Gesundheitssystem hat man sich auf einen "Kompromiss" geeinigt: Burnout ist ein anerkanntes Problem (Z73 ICD-10), aber keine psychische Störung / Erkrankung (Kapitel F ICD-10). 10/ Image
In keinem anderen Land der Welt gibt es Krankenkassen, die bei diesen "Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung" eine Digitale Gesundheitsanwendung (#DiGA) bezahlen. 11/ diga.bfarm.de/de/verzeichnis…

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