Der #Prüfthread.
In der Diskussion um die AKW-Laufzeitverlängerung spielen Prüfungen eine große Rolle. Doch kaum einer der Diskussionsteilnehmer weiß, wie AKW eigentlich geprüft werden. Ein Longthread 🧵über Prüfverfahren in unseren Atomkraftwerken.
1/n
Ich habe hunderte von 
Prüfverfahren in AKW beobachtet & protokolliert. Manche dauerten ein paar Minuten, manche ein paar Tage. Das Wichtigste vorab: AKW werden täglich, 
wöchentlich, monatlich, jährlich geprüft. Nicht nur alle 10 Jahre, wie manche meinen.
2/n
Tägliche Überprüfung: mit 
Aufschreibungsgängen, also Kontrollgängen der Schicht, die alle Räume der Anlage abläuft & wichtige Parameter an örtlichen  Leitständen oder Instrumenten protokollieren. Die Reaktorfahrer machen dasselbe mit den Instrumenten auf der Warte. 3/n
Werktäglich finden sogenannte Wiederkehrende Prüfungen (WKPn) statt: das sind vorgeschriebene Prüfungen & Probeläufe der sicherheitsrelevanten 
Systeme. Bei den meisten dieser Sicherheitsysteme ist einmal pro Monat & Redundanz WKP angeordnet.
4/n
Prüfgegenstand können Reaktorschutzsignale sein, Probeläufe von Pumpen oder Notstromdieseln oder Funktionsprüfungen von Armaturen... hier zB👇🏼seht ihr, was von der jährlich beim Ab- und Anfahren stattfindenden WKP der Frischdampf-Sicherheitsventile draußen zu sehen ist.
5/n
Da Sicherheitssysteme, z.B. das Not- & Nachkühlsystem, Zusatzboriersystem uvam. viersträngig aufgebaut 
sind, ist für die monatlichen WKPn jede Woche eine Redundanz bzw. ein Strang oder (elektrisch) 
eine „Scheibe“ dran (bei der Stromversorgung gibt es sogar 8 Scheiben).
6/n
Also steht jede Woche ein 
fetter Prüfordner auf der Warte, der abgearbeitet wird. Darin sind die Prüfanweisungen nach Prüfhandbuch. Jede hat ein Prüfkennzeichen, Ziel- und Ablaufbeschreibung und Referenz auf den entsprechenden Abschnitt im kerntechnischen Regelwerk.
7/n
Außerdem sind Protokollbögen angehängt. Diese Protokolle werden archiviert. Die Prüfung wird meist von der Tagesdienstschicht durchgeführt. In regelmäßigen Abständen muss auch ein externer Sachverständiger dabeisein, meist der TÜV. 8/n
Es gibt WKPn, die in einem größeren Intervall stattfinden, z.B jedes Jahr, alle 2 oder 4 oder 5 Jahre. Viele davon können nur beim Anlagenstillstand stattfinden. ZB wenn man Dampferzeuger-Heizrohre oder Rohrleitungen im Primärkreis oder Notkühlsystem prüft.
9/n
Diesen Systemen muss man mit Wirbelstrom-  & 
Ultraschallprüfungen zu Leibe rücken. Das bedeutet: diese WKPn werden 
während der Jahresrevision des KKW durchgeführt. ZB sind in jedem Jahr 2 von 4 Dampferzeugern dran.
10/n
Die Mütter aller WKPn sind Druckprüfungen des Primärkreislaufs & mehrtägige Leckratenprüfungen des Sicherheitsbehälters (des gasdichten Innen-Containments). Ein extra Team ist nur damit beschäftigt. Solche Großprüfungen werden in viele einzelne Arbeitsaufträge aufgeteilt. 11/n
Und wer denkt, hier würde irgendwas erlassen oder verschleppt, weil kurz 
darauf die Anlage vom Netz geht – nope. Die 
4-jährliche Leckratenprüfung hat im KKW Grohnde zB im April 2021 stattgefunden, obwohl das Kraftwerk sieben Monate später vom Netz ging.
12/n
Und wie steht das nun im Verhältnis zur 10-jährlichen Periodischen Sicherheitsüberprüfung? Diese PSÜ ist ein 
übergeordneter Analyseprozess, kein monatelanger Anlagenstillstand 
mit „Tiefenwartung“ wie #Habeck behauptete. 13/n
Bei der PSÜ werden probabilistische und deterministische Sicherheitsanalysen gemacht, die 
Betriebserfahrungen ausgewertet und entschieden, ob sich Erkenntnisse daraus ableiten lassen, die eine Veränderung an der Anlage oder ihren 
Prozeduren erforderlich machen. 14/n
Die PSÜ findet größtenteils im Verwaltungsgebäude des 
AKW statt. Es gibt ein Referenzjahr, in dem die Analysen gemacht 
werden, dann geht der Vorgang in die Begutachtung beim TÜV und dann zur 
Aufsicht. Der Abschlussbericht liegt dann 3-4 Jahre später vor.
15/n
Hier könnt ihr den Bericht der schleswig-holsteinischen Aufsichtsbehörde zur PSÜ in Brokdorf 2016-2020 einsehen. schleswig-holstein.de/DE/fachinhalte…
16/n
Die PSÜ (hier noch die Info des BMUV) bmuv.de/themen/atomene… darf auch nicht mit der 10-jährlichen „Visite décennale“ in den 🇫🇷französischen KKW verwechselt werden, einer Generalrevision mit langem Anlagenstillstand. 17/n
Das hatte zB @BASE_bund-Chef Wolfram König getan, um dann zu behaupten, Defekte wie die in den Notkühlsystemen von 12 französischen Anlagen könnten ohne PSÜ nicht aufgefunden werden, es sei also gefährlich, die 3 🇩🇪Anlagen, deren PSÜ aussteht, am 
Netz zu lassen. 18/n
Das jedoch stimmt nicht, denn die Untersuchungen an 
Rohrleitungen werden in Deutschland wie oben beschrieben in den Jahresrevisionen 
absolviert, wurden also nie verschleppt oder erlassen.
19/n
In den drei noch laufenden Anlagen (Abschaltdatum 31.12.) hätte die PSÜ 2019 stattfinden müssen. 
AtG § 19 Abs. 2 regelt jedoch, d Anlagen, die binnen 3 Jahren nach PSÜ-Fälligkeit vom Netz gehen, diese nicht mehr durchführen müssen: Ergebnis läge erst nach Stillegung vor.
20/n
Bedeutet: hier wurde nicht gemauschelt und geschoben, sondern nach Gesetz vorgegangen. Käme jetzt aber eine Laufzeitverlängerung, müsste die PSÜ nachgeholt werden. Da sie aber auch vorher immer betriebsbegleitend 
stattfand, d.h. die Anlagen nicht 3 Jahre vom Netz mussten,
21/n
besteht kein Anlass, jetzt zu fordern (wie in bmuv.de/download/verme…), eine Laufzeitverlängerung könne nur nach Abschluss der PSÜ stattfinden.
22/n
Das bestätigt auch ein ehemaliges Mitglied der Reaktorsicherheits-Kommission, der die PSÜ mitentwickelt hat: sie kann betriebsbegleitend in vertretbarer Zeit durchgeführt werden. 23/23
Addendum zu Kontrollgängen: die im Leistungsbetrieb nicht begehbaren Räume werden fernüberwacht.

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Aug 7
In diesem 👇🏼Artikel versuchen drei mit Endlager-Akzeptanzforschung befasste Kollegen, die Atomdebatte im Sinne der Atomgegner zu entscheiden. Mit 5 von 5 falschen oder irreführenden Argumenten. Ich gehe sie mal durch: 1/n
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Das belegt auch die Nachhaltigkeitsbetrachtung, etwa wie sie von der EU-Kommission vorgenommen wurde, unter besonderer Berücksichtigung der Entsorgungsfrage. ec.europa.eu/info/sites/def… 3/n
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Aug 5
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Aug 1
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@BenJami38286220 @dpomondi @BASE_bund @faznet @Die_Gruenen 1) Flutsicherheit: hätte ein 🇩🇪AKW in Fukushima gestanden, hätte die 🇩🇪Genehmigungsbehörde gesagt: „in 10.000-jähriger Betrachtung sind hier 14-Meter-Tsunamis erwartbar. Baut den Flutschutz entsprechend“. Die Anlage wäre nicht überflutet worden.➡️
@BenJami38286220 @dpomondi @BASE_bund @faznet @Die_Gruenen 2) Stromversorgung: wäre die Anlage doch überflutet, hätte die doppelt ausgelegte und zudem flutsicher untergebrachte Notstromversorgung anders als in Fukushima nicht versagt.➡️
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Jul 31
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zeitung.faz.net/fas/wirtschaft… 1/n
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2/n
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Jul 30
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