Wenn Politiker in der #Transformation sagen, die Leute könnten sich nicht auf neue Technologien, Klimafreundlichkeit und neue Lebens- und Wirtschaftsformen einstellen, dann muss ich immer an meinen dieses Jahr mit fast 100 Jahren verstorbenen Opa denken. 1/12
Mein Opa wurde in Pommern während der Zeit nach dem ersten Weltkrieg geboren und lebte auf einem Gutshof ohne Strom und fließend Wasser im Haus. Dort lernte er den Beruf des Hufschmieds, denn - so die Meinung seiner Eltern - "Hufschmiede braucht man immer". 2/12
In seiner Jugend ging er zur Zeit des Nationalsozialismus in die Schule und wurde mit NS-Propaganda im Unterricht erzogen.
Am Ende seiner Jugendzeit musste er in den Krieg. Seine Heimat ging im zweiten Weltkrieg verloren und die Pferde waren tot und ersetzt durch Motoren. 3/12
Er floh nach dem Krieg nach Niederbayern, wo er kaum die Leute mit ihrem starken Dialekt verstand, und verliebte sich in meine Oma.
Weil beide nicht die gleiche Konfession hatten, brauchte es viele Briefwechsel mit dem Bischof, um die Heirat genehmigen zu lassen. 4/12
Weil mein Opa keine Arbeit in Niederbayern fand, wurde er Zeltaufbauer beim Zirkus. Was für uns total spannend klingt, war für ihn ganz schlimm. Denn er hatte in der Schule von den Nazis gelernt, dass fahrendes Volk verabscheuenswürdig sei. 5/12
Irgendwann Ende der 1940er oder Anfang der 50er (ich weiß es nicht genau) schaffte mein Opa seinen Traum zu verwirklichen, und zur Bahn zu wechseln. Das war aus einer Sicht endlich ein seriöser Beruf.
Allerdings musste er dafür nach Stuttgart ziehen. 6/12
In Stuttgart mussten mein Opa und meine Oma wieder neu anfangen. Sie heizten erst mit Kohle, später kamen sie in den Genuss einer Zentralheizung.
Gekocht wurde immer Deutsch - irgendwann wurde Pizza ergänzt und in den 80ern/90ern schaffte es sogar das Gyros auf den Teller. 7/12
Mein Opa zeigte uns Enkeln Weinberge und erklärte Vögel und freute sich über jeden Weg, den wir gegangen sind. Egal ob in eine Festanstellung oder wie bei mir als Unternehmer. Ihm war dabei nur sehr wichtig, dass es doch irgendwo einen festen Schreibtisch für mich gibt. 8/12
Auch mein Coming Out als schwuler Mann hat er mit meiner Oma zusammen mitgemacht. Nach kurzem Schock haben beide ein Jahr lang Zeitungsartikel ausgeschnitten mit Berichten über erfolgreiche schwule Männer und heimlich auf dem Schrank gesammelt. 9/12
Als sie genug davon gesammelt hatten und sich sicher waren, dass man heute wirklich schwul sein kann, trauten meine Oma und er sich, ihren Freunden und Bekannten selbst davon zu erzählen.
Auch der Rest der dann schon hochbetagten Freunde fand das gut und richtig. 10/12
Im Lauf der Jahre wurde mein Opa immer umweltbewusster, achtete auf seinen Energieverbrauch und sprach sogar häufiger vom Klimawandel und dass man dagegen was tun muss.
Auch dass er plötzlich Türken als Nachbarn hatten, brauchte seine Zeit, am Ende war man eng befreundet. 11/12
Und während ich an all das denke, höre ich Leute in der Politik davon reden, dass zu viel Wandel für die Leute nicht verkraftbar sei. Ich kann diese Leier nicht ernst nehmen, wenn ich an meinen Opa denke.
Wir Menschen können Wandel sehr wohl ohne dabei zu verbittern. 12/12
• • •
Missing some Tweet in this thread? You can try to
force a refresh
Gegen einen chronisch lügenden Populisten wie Trump hilft keine sachliche Argumentationsstrategie. Im Kampf gegen derartige Populisten hilft nur, kommunikativen Raum klein zu machen.
Genau darin könnte nun das Momentum der Demokraten liegen. Ein 🧵1/9
Kamala Harris hat ein Momentum. Sie löst im progressiven Lager aktuell ein Gefühl der Erlösung vom erstarrten Duell der beiden alten Männer aus.
Diese Neuigkeit blockiert jetzt für wenige Tage den kommunikativen Raum für Trump. Es geht aktuell nicht um ihn. 2/9
Weil im Gespräch zu sein, Trumps Währung ist, wird er jetzt eine Gerüchte- und Lügenwelle gegen Harris starten. Wenn sie dabei nicht schweren Image-Schaden nehmen will, brauchen die Demokraten eine Strategie, die Agenda zu blockieren mit News, die Trump übertreffen. 3/9
Warum funktioniert die Kommunikation von #Kanzler #Scholz zur #Augenklappe so gut?
- Eine kurze Einführung in die PR-Strategie. 1/9
Oft denken Leute, die Werbung im TV und auf Plakaten wäre schon eine Kampagne. Das aber ist zu kurz gegriffen. Überzeugung entsteht nämlich vor allem in der Anschlusskommunikation und nicht durch ein Bild allein. 2/9
Das heißt konkret: Der Auslöser des Meinungswechsels ist nicht die mediale Botschaft, sondern passiert im Gespräch mit Freunden über die mediale Botschaft.
Das heißt, wer Meinungen ändern will, muss Tischgespräch werden. 3/9
Diejenigen, die Desinformation betreiben, haben (vor allem seit Corona) einen eigenen Kommunikationsstil entwickelt.
Es handelt sich um Wissenschaftssimulation durch massenhafte Pseudo-Belege.
Das funktioniert so: 1/18
Während der Wissenschaftsjournalismus versucht mit neuen Formaten wissenschaftliche Erkenntnisse und Zusammenhänge unterhaltsamer zu erklären und zugänglich zu machen, fahren Desinformanten immer häufiger eine gegenteilige Strategie. 2/18
Threads & Postings mit dem Ziel der Desinformation verlinken mittlerweile auffällig häufig auf „Quellen“.
Ein Desinformationsthread hier auf Twitter hat häufig genug in jedem Einzeltweet einen „Beleg“. 3/18
mit den schwäbischen Landsleuten unter meinen Studierenden habe ich mir überlegt, wie man Euch erklären kann, dass Homöopathie nicht über den Placebo-Effekt hinaus wirkt.
Hier das Ergebnis:
1/5
Wenn Du Deinen Daimler homöopathisch tanken willst, dann musst Du einen Tropfen Benzin in 100.000 Liter Wasser geben, das Ganze schütteln und mehrfach auf den Tisch hauen.
Dann hast Du homöopathischen Sprit potenziert. 2/5
Das tankst Du in Deinen Daimler vor den Augen deines Nachbarn, der Ingenieur beim Daimler ist und dich völlig entsetzt versucht zu informieren, dass das eine ganz, ganz, ganz dumme Idee ist.
Ignoriere ihn, der ist nämlich nur "Schulingenieur"! 3/5
Die Plattform des Bundes zur Auszahlung der 200 Euro an Studierende hat einen Warteraum, in dem man als Studi warten muss, bevor man seinen Code in ein Eingabefeld eingeben darf.
Wie Behörde kann das Internet?
- Die Bundesbildungsministerin: Ja.
Ganz liebe Grüße gehen raus an alle Studierenden:
Wahlplakate über Digitalisierung sind kein Hinweis auf Digitalisierungskompetenz.
Ich gebe zu, ich fand den Warteraum absurd. Aber was ich mit unserem studentischen Mitarbeiter gerade miterleben darf, ist wirklich eine spektakuläre Schrott-Erfahrung mit der Digitalisierung des deutschen Staats.
Mon dieu!
Herzliches Mitleid mit allen Studierenden heute.
Zwei Grafiken aus dem aktuellen ARD-Deutschlandtrend reichen aus, um das gesamte politische Dilemma der #FDP zu erklären und das Verhalten von Wolfgang #Kubicki gleich mit dazu.
Eine politische Analyse als 🧵 1/14
Die FDP verbindet in ihrer eigenen Wählerschaft unvereinbare Gegensätze. Solange sie in der Opposition ist gelingt es ihr gut, kommunikativ diese beiden Gruppen zusammenzuhalten. Tritt sie in eine Regierung ein, fallen die Gegensätze auseinander. 2/14
Das ist kein neuer Trend. Westerwelle gelang es mit dieser Strategie 2009 unvereinbare Gruppen miteinander zu verbinden. Die FDP schaffte 14,6 Prozent aus der Opposition heraus, weil sie sowohl von Business-Eliten als auch vom aufstiegsorientierten Prekariat gewählt wurde. 3/14