Es gibt hier in der Bubble Unklarheit darüber, was psychosomatische Krankheit eigentlich ist.
Daher ein Faden. 🧵
[Einschränkung: Ich beziehe mich hier vor allem auf den Teil der Psychosomatik, der sich mit sog. „funktionellen Körperbeschwerden“ beschäftigt.]
Was denkt man, wenn man das Wort „Psychosomatik“ hört? Man hat sofort die Assoziation, dass die Seele krank macht, oder? Logisch und plausibel. Jeder weiß dass Psyche und Körper nicht getrennt zu betrachten sind.
Aber jetzt kommt’s: Warum gilt dann das Ausbrechen einer schweren Erkrankung nach einem belastenden Lebensereignis nicht als psychosomatisches Problem?
Das liegt daran, dass die Lehre der Psychosomatik ganz andere Konzepte hat, als man dem Namen nach vermuten würde.
Die somatoforme Belastungsstörung z.B. ist beschrieben als Krankheitszustand, bei dem die Beschwerden stärker sind als sich die Ärzt*in anhand der Befunde erklären kann und ist damit wohl einzige Diagnose, welche die Intelligenz von Behandler*innen *per Definition* miteinbezieht.
Da dieses Vorgehen wirklich unschön ist, Ärzt*innen können sich zudem häufig nicht einigen, peinlich, wird jetzt in der kommenden Version der Klassifikation der Erkrankungen der WHO (ICD-11) analog der DSM-5 nachgebessert:
Das Kriterium, dass eine Erklärbarkeit der Beschwerden nicht gegeben ist, wird fallengelassen. Zukünftig kann alles als psychosomatisch gelten, wenn das Leiden nur lange genug anhält und ausreichend schwer ist.
Darüber hinaus gilt es als problematisches Verhalten von Betroffenen, wenn sie um Hilfe bitten und nach Linderung suchen*. Ich wiederhole: Körperliche Beschwerden als körperliches Problem zu bewerten, ist per Definition eine psychische Störung.
*Übrigens: Wenn man dann aufgibt, weil es einfach keine Unterstützung vom Gesundheitssystem gibt, gilt man als „hilfevermeidender Typ“ und fällt auch in die Kategorie der Somatisierer.
Das Prinzip, dass v. a. schweres Leiden als psychosomatisches Problem gilt, nicht was die Erkrankung ausgelöst hat, lässt sich am Beispiel der Tako-Tsubo-Kardiomyopathie erläutern. Hier löst Stress eine Wandbewegungsstörung aus, was Symptome eines Herzinfarktes macht.
Nach Laien-Verständnis wäre das die Definition einer psychosomatischen Erkrankung. Tatsächlich gilt diese Interpretation aber nur, wenn sie zu einer anhaltenden Beeinträchtigung der Lebensqualität führt. Also wenn ein ‚Versagen‘ beim Pat. zu beobachten ist.
‚Funktioniert‘ er/sie dagegen und erholt sich wieder, ist auch die Psyche exkulpiert.
Was fällt auf? Von belastenden Ereignissen ist gar nicht die Rede. Es geht nicht darum, wodurch die Krankheit ausgelöst wurde, sondern ein schweres Leiden ist vorhanden und wird entweder aktiv angegangen oder ignoriert. Beides ist unangemessen.
Es handelt sich einfach um eine belastende Erkrankung mit „erheblichen Einschränkungen in der alltäglichen Lebensführung“. Das ist alles. Das kann alles Mögliche sein.
Tatsächlich wird es als Label auf Erkrankungen gepackt, auf die die Medizin keine Lust hat. Denn die richtige Behandlung ist, die Kranken zu ignorieren bzw. ihnen durch schlaue Argumente zu erklären, wie unrealistisch („biologisch belanglos“) ihr Leiden ist.
Um diesen ganzen Wahnsinn genauer zu verstehen, wo sind wir mit #MECFS #LongCovid #PostVacSyndrome da reingeschlittert?, habe ich mir den aktuellen „Uexküll“ (8. Auflage, 2016) gekauft. Das ist DAS Grundlagenwerk zur Psychosomatik.
Um es auf den Punkt zu bringen, hier das dort beschriebene Modell psychosomatischer Beschwerden in Stichworten:
🔹 Pat. bewertet Symptome falsch (es fällt der Begriff „Fantasieraum“)
🔹 Das läuft teils bewusst, teils unbewusst
🔹 Die Beschäftigung mit Symptomen und der Wunsch sie zu verstehen wird im Modell als Angstreaktion interpretiert
🔹 Diese Suche nach einer Logik/Erklärbarkeit von Beschwerden entspräche einer „semiotischen“ Betrachtungsweise von Krankheit (Semiotik = Zeichenlehre)
🔹 Die Symptome erfüllen eine Funktion, die dem Pat. nicht bewusst ist und die der/die Behandler*in herauskitzeln muss
🔹 „Taxonomie leiblicher Phänomene“ ist ein verwendeter Begriff, wobei der „Leib“ im Kontrast zum „Körper“ beschrieben wird (im Grunde soll es heißen:
Den Körper und seine Erkrankungen gibt es, der Leib dagegen ist ein Konstrukt, das Pat. entwickeln, um seelische Probleme in scheinbar körperlichen Beschwerden umzudeuten, Letztere bleiben aber immer „unscharf“)
Konkret wird an den Fallbeispielen im Grunde ME/CFS beschrieben und ins Lächerliche gezogen.
[Anmerkung: Skurriler Weise ist das gesonderte Kapitel zu ME/CFS ist gar nicht so schlecht. Zwar läuft es unter der Rubrik „Müdigkeit“ und wird als typische „Stressreaktion“ geframed,
aber die kanadischen Kriterien sind aufgeführt und Pat. werden im Grunde als überambitionierte Typ A-Persönlichkeiten beschrieben. Das ist natürlich falsch, aber deutlich besser als was man sonst so liest, zumal das Buch 2016 erschienen ist.]
Die Autor*innen sind jedenfalls völlig perplex, wie jemand sich mit seinem eigenen Körper so intensiv beschäftigen kann. Dass jemand, der leidet, Linderung sucht und diese idealerweise über das Verstehen des Problems zu erreichen versucht, gilt als grundfalsch.
Die Angst und Hilflosigkeit, die durch die Zeilen gut nachfühlbar ist, wird projektiv allein dem Pat. zugeschrieben und als unangemessen bewertet.
Ich stelle hier exemplarisch zwei Auszüge ein. Das sind aktuelle Texte, auch wenn sie sich lesen wie vor 50-100 Jahren geschrieben.
Insbesondere die Vermeidung von #PEM (post-exertionelle Malaise) und MCAS-Triggern gilt als inadäquates Verhalten.
Und so sollen Ärzt*innen mit den Unglücklichen, die unter die Kategorie der Somatisierer fallen, idealerweise sprechen. [An meine eine gesunde Leserin (hallo, wie geht’s?): DAS WIRD WIRKLICH SO GEMACHT. Das gilt als KORREKT.]
Man wäre fasziniert von den dysfunktionalen Denkvorgängen und logischen Brüchen, wäre das Entsetzen nicht so groß, wie überzeugend die Medizin dies alles findet. Die Psychosomatik ist eine anerkannte Fachrichtung.
Irgendeine Version von „the absence of evidence equals the evidence of absence” muss man anerkennen, um dem Konzept „funktionelle Körperbeschwerden“ zuzustimmen. Es braucht nicht ganz so verkorkst zu sein wie das Original, damit der Schaden angerichtet ist.
Die Konsequenzen sind katastrophal, schwerkranke Menschen werden auch im 21. Jahrhundert noch ohne adäquate Hilfe ihrem Schicksal überlassen.
Mediziner*innen aller Fachrichtungen sind angehalten, Menschen, die typische postvirale Beschwerden haben, abzuweisen und nicht weiter zu untersuchen. Das würde Menschen nur in ihrem falschen Krankheitsverständnis bestärken und unnötige Kosten verursachen.
Das alles fasst die Gründe zusammen, warum Virolog*innen nicht von Beginn der Pandemie an vor diesen Langzeitfolgen gewarnt haben, sondern nur Betroffene: Die Psychosomatik rät dazu Infektionsfolgen zu verleugnen, alle medizinischen Fachrichtungen folgten bisher.
Nur wenn man diese Historie kennt, kann man fundiert Gegenargumente finden. Daher der vielleicht etwas zu lange Faden. Danke, falls jemand tatsächlich bis zum Ende gelesen hat.
[Die Tage folgen noch ein paar Uexküll-Outtakes. Schaltet mich stumm für eine Weile wenn nötig. Man muss ziemlich im Zen-Modus sein, um das zu lesen.]
Share this Scrolly Tale with your friends.
A Scrolly Tale is a new way to read Twitter threads with a more visually immersive experience.
Discover more beautiful Scrolly Tales like this.
