Vor einer Woche lief Abends in der ARD der Film "Oskar, das Schlitzohr und Fanny Supergirl". Ein Film in dem es um Autismus geht.
Ich gebe zu: Ich habe nicht viel erwartet. Zuviel wird mit der Begründung "Das ist Fiktion! " versemmelt. Siehe #EllaSchön. 1/
ardmediathek.de/video/filme-im…
Dementsprechend ging ich skeptisch und eigentlich mit wenig Lust an den Film heran. Nachfolgend ein paar Situationen und Aussagen aus dem Film. Wie er gesamt bei mir angekommen ist dann am Ende.
Opa Oskar ist in Haft, arbeitet auf eine vorzeitige Entlassung wegen guter Führung 2/
hin und braucht eine Meldeadresse. Kurz gefasst: Das Schlitzohr quartiert sich bei seiner Tochter im Bauwagen auf dem Grundstück ein.
Dieser wurde von den Eltern zu einem Rückzugsort für die autistische Fanny eingerichtet.
Natürlich trifft Fanny auf Oskar und damit beginnt 3/
etwas das ich als "Opa geht unorthodox und erfrischend anders an das Thema Autismus heran" bezeichnen würde.
Ein paar ausgewählte Szenen:
Der Opa schaut durch ein Fenster und sieht ein Infoblatt Autismus.
Nachdem er wieder auf Fanny trifft erzählt diese ihm von einem Talent 4/
Wettbewerb und es wird klar das sie selbst denkt sie habe keine Talente.
Fanny trägt übrigens immer ein Superhelden Kostüm.
Der Opa greift das auf, ja hier wird es kurz haarig, und erzählt in einer Anspielung auf Rain Man das ein Kollege von Fanny eine Superbegabung hätte. 5/
Er beschreibt das dieser die Zahl der Zahnstocher mit einem Blick erkennen könne. Und das er es in einer Doku gesehen habe.
Kann man kritisieren, entspricht aber der Realität. Viele verbinden den Film mit Autismus. Den Unterschied zum einfachen replizieren dieses Vorurteils 6/
im Film wird danach klar.
Das Ganze spornt Fanny an und sie probiert es aus. Natürlich erfolglos.
Ergebnis: Fanny ist enttäuscht.
Opa Oskar reagiert so das er mit Fanny ihre persönliche Begabung suchen geht. Die beiden probieren viel aus und man kommt schnell von dem Klischee 7/
der Inselbegabung weg hin zur Suche: Was kann das autistische Mädchen besonders gut?
Mehr zufällig als geplant entdecken die beiden das Fanny ein sehr gutes Gehör und einen guten Geruchssinn hat. Etwas das für Fanny "normal" ist aber keiner in dem bisherigen Streben das Fanny 8/
sich möglichst normal verhält aufgefallen ist. Generell steht das Schlitzohr Oskar in dem Film für die Suche nach positivem und dem "man ist gut so wie man ist". Defizite und "unnormal" sind für ihn kaum existent.
Sehr erfrischend.
Der Film endet mit dem Talentwettbewerb und 9/
Fannys auftritt in dem sie ihren besonderen Geruchssinn zeigen soll.
Man sieht klar das Fanny Angst hat und blockiert ist.
Da springt eine Freundin ein. Und Opa Oskar kommt auf die Bühne und spielt einen Wissenschaftler der erklärt das Fanny Superkräfte hat. Das löst ihre 10/
Blockade und sie begeistert das Publikum.
Das es keine Superkraft ist wird von Fanny selbst später aufgelöst.
Superkraft übrigens nicht wegen Autismus (Das Wort kommt glaube ich sogar nur einmal im Film auf dem Flyer vor) sondern weil sie das Superheldenkostüm trägt. Oskar 11/
spielte in der Schule vorher schon einmal die Rolle des Wissenschaftlers. Er erklärt mit einem Regenwurm letztendlich das jedes Lebewesen seine individuelle Bedingungen und Umwelt braucht. Und dass das für Fanny auch zutrifft.
Sehr kindgerecht und in meinen Augen gut weil 12/
nicht defizitär.
Die negativen Seiten der Umgebung, des Umfeldes und der Menschen wird auch gezeigt. An vielen Szenen sieht man den gesellschaftlichen Druck auf die Mutter das Fanny sich normal verhalten soll. In der Schule wird Fannys Stimming sogar unterbunden.
Ich komme 13/
zu meinem Fazit.
Der Film unterhält. Er schafft es aber trotz Unterhaltung und Fiktion Autismus nachvollziehbar zu zeigen.
Das Menschen auf mediale Bilder reinfallen wie Oskar auf Rain Man.
Das Familien einen massiven Druck erleben. Das Normalität erwartet wird.
Das Mobbing 14/
verbreitet ist und das Stimming oft verboten wird.
Er zeigt aber auch das Autist:innen Stärken haben. Und wenn man sich die Mühe macht die zu finden man viel Gutes bewirken kann.
Und das man einen Film mit einer autistischen Rolle drehen kann ohne das ständig #Autismus 15/
aufploppt und explizit erwähnt wird. Fanny ist einfach wie sie ist.
Ganz im Gegensatz zu anderen Filmen die das Thema totreiten, Klischees noch verstärken und sich mit "Fiktion" und "Unterhaltung" rausreden.
Es lohnt sich den Film zu sehen. Macht Euch ein eigenes Bild.
16/16

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11 Jan
Ergänzend zu dem Thread gestern heute noch ein paar Worte zu der Situation autistischer Aktivist:innen und dem Bereich Selbstvertretung.
Kaum einer kann sich wohl vorstellen wie es bei uns aussieht. Wie auch? Man schaut zu den Aktivist:innen anderer 1/
Behinderungen, sieht deren Erfolge die hart erkämpft sind und schließt daraus auf #Autismus zurück.
Das klappt nicht. Leider. Ich wünschte wir wären auf dem Stand der anderen Aktivist:innen und hätten deren Basis.
Während z. B. in den 70er Jahren sich auch in Deutschland die 2/
sogenannte "Krüppelbewegung" formierte und die Grundsteine für eine Emanzipation behinderter Menschen legte tat sich bei uns nur eines: Eltern gründeten Verbände. Zeitgleich oft mit dem Anspruch das autistische Kinder nicht sprechen bzw nicht für sich sprechen könnten. Ein 3/
Read 15 tweets
11 Jan
Ein Auslöser für diesen Thread war eine Reaktion auf meine aktuelle Kolumne in der @av_magazin.
Ich würde persönlich darauf angesprochen warum wir denn zulassen das man über uns und nicht mit uns redet. Das Nichtautisten #Autismus erklären. Das man uns nicht einbezieht. 1/
Warum wir uns unsichtbar fühlen und warum wir nicht laut werden.
Da wurde mir klar: Das war kein Vorwurf "Ihr müsst nur etwas tun" sondern eine "Unwissenheit" über unsere Lage und Realität.
Viele können sich tatsächlich nicht vorstellen das man 2022 so mit Autist:innen umgeht. 2/
Das der Einfluss historisch gewachsener Strukturen so groß ist und eine "Augenhöhe" darin besteht das wir stumm zum Elfenbeinturm hochschauen.
Das überhaupt Strukturen existieren die ein Interesse daran haben Autist:innen möglichst klein zu halten.
Was für uns Alltag und 3/
Read 4 tweets
10 Jan
Im zweiten Thread heute möchte ich ein wenig über ein strukturelles Problem in Bezug auf #Autismus reden.
Es betrifft die Wissenschaft, Lehre und das Bild von Autismus das auch unter Fachkräften verbreitet wird.
Ich fange mit der Wissenschaft an ohne diese verteufeln zu 1/
wollen. Dennoch habe ich, was die Wissenschaft bei Autismus betrifft, große Probleme. So groß wie ein Elfenbeinturm.
Spätestens seit Leo Kanner und Hans Asperger spielt auch das was wir heute als Autismus bezeichnen eine größere Rolle in Forschung und Wissenschaft. 2/
Das die Forschung, gerade wenn es um die Ursachen von Autismus geht, viele Theorien aufgestellt hat und Jahre später wieder verwerfen musste ist das eine. Das man dafür seit Langem einen autistischen Zoo (oder was was man für Autismus bei Tieren hält) für Erkenntnisse benutzt 3/
Read 26 tweets
10 Jan
Ich schreibe gleich zwei Thread über #Autismus.
Einen eher positiven. Und einen in dem es um das Gefühl des ausgeliefert sein geht.
Thread 2: Das sich immer wieder selbst replizierende und schützende System der Lehre.
Oder: Resignation in Sicht
Read 4 tweets
7 Oct 21
Deutschland. Wir schreiben das Jahr 2021.
Im Auftrag vom @ZDF produziert @DreamtoolEnt eine Filmreihe über eine Asperger Autistin.
In der neusten ausgestrahlten Folge von #EllaSchön wurde das sog. Stimming wie ein roter Faden durch den ganzen Film thematisiert.
Hierbei kam es 1/x
sachlich und dramaturgisch zu groben Fehlern.
Stimming, also die Selbststimmulation von Wahrnehmungskanälen, dient der Wahrnehmungseinschränkung, Beruhigung und dem Stressabbau. Dies ist eine unbewusst(!) ablaufende Körperreaktion die jeder Mensch hat.
Stimming kann auch 2/x
bewusst, dass ich zum Beispiel präventiv gegen Überlastungen, ausgeführt werden und hat dann ähnliche Effekte. Bei Autist:innen ist es häufig zu beobachten da wir aufgrund der verstärkten Wahrnehmung sehr viel Stress und Belastung haben.
Ein Stimming das jeder schon beobachten 3/
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6 Oct 21
#EllaSchön ist ein Paradebeispiel dafür wie Autist:innen #unsichtbar gehalten werden.
Man zeigt ein komplett falsches Bild (bevorzugt defizitär oder leidend) vom Leben als Autist:in.
Erweckt mit Fachvokabular den Eindruck daß das die Realität sei.
Und schon sind wir #Unsichtbar.
Die ganze Zeit die wir dann entweder dafür aufwenden müssen sowas wie #EllaSchön richtig zu stellen oder die Kraft mit den dort gezeigten Fehlinformationen leben zu müssen fehlt.
Sie fehlt um vorwärts zu kommen. An Sichtbarkeit zu arbeiten.
Oder einfach nur um in Frieden zu leben
Ich ahne jetzt schon wie kraftraubend es für Autist:innen und Angehörige sein wird wenn sie Stimming erklären möchten. Und dann hören "Stimming? Ihr Kind ist nicht deswegen in Behandlung oder in der Geschlossenen?"
Das Fachwort Stimming wird von einer Hilfe zum Stigma.
Read 4 tweets

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