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Mar 11 11 tweets 2 min read
Das Kosten-Argument wird in der Debatte über einen Energieboykott immer gewinnen, wenn nicht auch der Nutzen klar dagegen gestellt wird -- die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Putin in der Ukraine nicht gewinnt und der Krieg früher gestoppt wird.
Derzeit scheint die Regierung vor allem die internen Folgen im Blick zu haben -- weitaus weniger die externen Folgen. Damit setzt die Ampelkoalition eine bundesdeutsche Tradition fort, mit der sie ja explizit brechen wollte.
Ohne das Fortbestehen der externen, geopolitischen Stabilität aber sind die Kostenberechnungen für einen Energieboykott längerfristig hinfällig, weil sie von einem unverändert stabilen externen Umfeld ausgehen. Es werden diese Voraussetzungen einfach nicht eingepreist.
Die Kosten, die auf Deutschland zukommen, wenn sich Putin in der Ukraine durchsetzt, sind sehr schwer zu berechnen, aber deshalb können sie nicht einfach ignoriert werden -- im geopolitischen Blindflug.
Jahrzehntelang war das für Deutschland weitgehend möglich, weil a) die USA für das stabile Umfeld gesorgt haben, b) Russland nur in Maßen revisionistisch aufgetreten ist. Damit ist es vorbei.
Das Kosten-Nutzen-Kalkül der Bundesregierung muss sich schleunigst der Zeitenwende anpassen und auch geopolitische Kosten in den Blick nehmen. Diese sind für Deutschland bei der stattfindenden Destabilisierung seiner östlichen Nachbarschaft enorm hoch.
Im Fall eines Sieges Putins in der Ukraine werden diese Kosten enorm steigen, weil Ostmitteleuropa in ganz neuer und anderer Weise sich gegenüber Russland absichern muss, und Deutschland als Zentralmacht sich daran erheblich beteiligen muss; mit erheblichen Risiken.
Wenn hingegen Putins neo-imperiales Projekt in der Ukraine scheitert, dann wird der stabile Rahmen, der seit Ende des Kalten Krieges in Europa herrscht, mit hoher Wahrscheinlichkeit fortbestehen; und die Investitionen Deutschland in Sicherheit halten sich im Rahmen.
Deutschland hat damit ein überragendes strategisches Interesse daran, dass Putin in der Ukraine scheitert. Deshalb muss es alles einsetzen, jenseits des Kriegs-Levels, der sich verbietet, was es vertretbar einsetzen kann, und dazu gehört ein Energieboykott.
Dieser Boykott kann partiell beginnen, dazu gibt es viele Ideen. Aber dieses zentrale Instrument einfach ungenutzt zu lassen ist dem Ernst der Lage nicht angemessen -- und widerspricht dem in der Zeitwende-Rede von Scholz artikulierten neuen geopolitischen Bewusstsein.
Diese Gesamtrechnung muss das Kanzleramt vornehmen. Die Aufgabe des Außenministeriums wäre, die geostrategischen Kosten deutlich zu machen, damit sie auch in die Gesamtrechnung einfließen, statt wie bisher externalisiert werden.

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Mar 13
Man bekommt den Eindruck, es werden jetzt überall Argumente gesammelt, um die Beziehung mit Moskau trotz des russischen Angriffskrieges möglichst unverändert zu lassen.
Das Ganze läuft unter dem Motto "Vernunft", die dann der emotionalen Betroffenheit durch die Bilder aus der Ukraine entgegengestellt wird -- man verstehe das ja, müsse sich aber um die "Interessen" kümmern, heißt es etwa bei Habeck.
Da stellt sich die Frage, was "vernünftig" ist, also im längerfristigen Interesse Deutschlands.
Read 10 tweets
Mar 12
Wenn Schröder seinen Besuch bei Putin als "Friedensmission" verkauft, muss man das nicht kommentarlos als Nachricht übernehmen.
Dass Schröder Putin überreden könnte, war von vornherein aussichtslos. Niemand weiß zudem, ob er das wirklich versucht hat.
Viel wahrscheinlicher sind zwei Zwecke des Besuchs: Für Schröder -- seine Reputation in Deutschland zu retten und seiner Lobby-Tätigkeit für die Energieunternehmen des Kreml einen idealistischen Anstrich zu geben.
Read 6 tweets
Mar 12
Thinking about possible endgames in Ukraine, I see one major problem (among many others): who could guarantee a new status quo between Russia and Ukraine?
Any outcome of the war in Ukraine in which one side is not clearly winning will require some sort of agreement between Ukraine and Russia. There will be a new status quo that has to be guaranteed.
Outsiders will have to play a key role in guaranteeing this new status quo by supporting the far weaker side, Ukraine. Otherwise it's just a replay of Budapest 1994 or Minsk II 2015 which both failed to deliver security to Ukraine.
Read 8 tweets
Mar 11
Deutschland hat zwei Außenpolitiken, eine moralische und eine kommerzielle. Was immer noch fehlt ist die strategische Außenpolitik: klare Ziele bei der Gestaltung der Außenwelt setzen und diese mit entsprechenden Mitteln verfolgen, basierend auf einer Vorstellung der Interessen.
Der Kurzschluss bei Habeck und Baerbock ist gegenwärtig, zu glauben, es gehe um einen Konflikt zwischen Moral (Mitgefühl für Ukraine) und harten Notwendigkeiten (nur ökonomisch definierten Interessen).
Beides ist wichtig, aber ausschlaggebend muss Strategie sein, die längerfristigen Interessen, die sowohl materielle als auch ideelle Aspekte haben. Was für eine Ordnung wollen und brauchen wir in unserer östlichen Nachbarschaft, was können wir dafür tun?
Read 11 tweets
Mar 10
Interesting: "The only Western leader that Mr. Putin took seriously was Germany’s previous chancellor, Angela Merkel. Now she is gone and it’s time for Russia to avenge the humiliations of the 1990s." nytimes.com/2022/03/10/opi…
I was wondering about this too. Merkel and Putin were in constant dialogue. By talking to Merkel, Putin could get a feeling about where the west stood; and maybe she could correct some of his assumptions from time to time.
Talking to Macron or to Scholz probably very different.
Read 4 tweets
Mar 9
In Syria, "it was Russian air power that changed the game. And they wielded their air power in a devastating way, where they were targeting not just rebel positions but markets, hospitals, schools, with, in many cases, huge civilian casualties". newyorker.com/news/q-and-a/r…
"Isis, of course, was quite brutal, but the other jihadi groups that were anti-isis and anti-regime certainly did commit crimes, but I think nothing on the scale that the Syrian regime or the Russians committed. And so the Russian massacres were numerous."
"The UN shared a list of hospitals and clinics in Idlib Province with the Syrian government and the Russians basically in the hopes of getting the Russians to avoid accidentally hitting these places. And, instead, the Russians used this list to target these hospitals."
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