Deutschland hat zwei Außenpolitiken, eine moralische und eine kommerzielle. Was immer noch fehlt ist die strategische Außenpolitik: klare Ziele bei der Gestaltung der Außenwelt setzen und diese mit entsprechenden Mitteln verfolgen, basierend auf einer Vorstellung der Interessen.
Der Kurzschluss bei Habeck und Baerbock ist gegenwärtig, zu glauben, es gehe um einen Konflikt zwischen Moral (Mitgefühl für Ukraine) und harten Notwendigkeiten (nur ökonomisch definierten Interessen).
Beides ist wichtig, aber ausschlaggebend muss Strategie sein, die längerfristigen Interessen, die sowohl materielle als auch ideelle Aspekte haben. Was für eine Ordnung wollen und brauchen wir in unserer östlichen Nachbarschaft, was können wir dafür tun?
Die Ampel-Regierung zeigt gegenwärtig kaum Initiative in Bezug auf Russlands Angriffs- und Eroberungskrieg, sie scheint wieder, nach dem kurzen Moment der Zeitenwende-Rede, in den passiven Abwehrmodus geraten zu sein -- damit beschäftigt, zu erklären, was nicht geht.
Man macht insgesamt ordentlich mit, blockiert aber, wo es schmerzhaft werden könnte -- statt mit eigenen Initiativen voranzugehen und andere mitzunehmen.
In der größten Krise Europas seit Jahrzehnten, in die Deutschland durch seine engste Verbindung mit Ostmitteleuropa wie auch durch seine Schlüsselrolle in Bezug auf Russlandpolitik enorm involviert ist, ist das viel zu wenig.
So könnte, ja müsste man Ideen entwickeln, wie die Energieverbindung mit Russland als Instrument intelligent eingesetzt werden kann, statt pauschal abzuwehren. Und in Bezug auf Ukraines EU-Anbindung hätte man in Versailles ebenfalls Ideen zur Vertiefung auf den Tisch legen sollen
Berlin hat gegenwärtig das Glück, dass ein intelligentes und kompetentes Team Biden alle Fäden in der Hand hält und die westliche Antwort exzellent managt. Insofern fällt die eigene Schwäche nicht so auf und auch nicht so sehr ins Gewicht -- Washington denkt für Berlin mit.
Und auch in Brüssel macht von der Leyen einen exzellenten Job, was die Sanktionen angeht.
Anders gesagt: die Einbettung in die transatlantische Partnerschaft und die EU ersetzt derzeit die eigene strategische Außen- und Sicherheitspolitik -- wie so oft in der Geschichte der Bundesrepublik.
Dass das aber kein Dauerzustand sein kann, ist klar. Deutschland ist viel zu groß und wichtig, um sich aufs unauffällige Mitschwimmen zurückzuziehen. Und die Ordnung ist viel zu fragil, als dass dies künftig reichen würde.
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Man bekommt den Eindruck, es werden jetzt überall Argumente gesammelt, um die Beziehung mit Moskau trotz des russischen Angriffskrieges möglichst unverändert zu lassen.
Das Ganze läuft unter dem Motto "Vernunft", die dann der emotionalen Betroffenheit durch die Bilder aus der Ukraine entgegengestellt wird -- man verstehe das ja, müsse sich aber um die "Interessen" kümmern, heißt es etwa bei Habeck.
Da stellt sich die Frage, was "vernünftig" ist, also im längerfristigen Interesse Deutschlands.
Wenn Schröder seinen Besuch bei Putin als "Friedensmission" verkauft, muss man das nicht kommentarlos als Nachricht übernehmen.
Dass Schröder Putin überreden könnte, war von vornherein aussichtslos. Niemand weiß zudem, ob er das wirklich versucht hat.
Viel wahrscheinlicher sind zwei Zwecke des Besuchs: Für Schröder -- seine Reputation in Deutschland zu retten und seiner Lobby-Tätigkeit für die Energieunternehmen des Kreml einen idealistischen Anstrich zu geben.
Thinking about possible endgames in Ukraine, I see one major problem (among many others): who could guarantee a new status quo between Russia and Ukraine?
Any outcome of the war in Ukraine in which one side is not clearly winning will require some sort of agreement between Ukraine and Russia. There will be a new status quo that has to be guaranteed.
Outsiders will have to play a key role in guaranteeing this new status quo by supporting the far weaker side, Ukraine. Otherwise it's just a replay of Budapest 1994 or Minsk II 2015 which both failed to deliver security to Ukraine.
Das Kosten-Argument wird in der Debatte über einen Energieboykott immer gewinnen, wenn nicht auch der Nutzen klar dagegen gestellt wird -- die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Putin in der Ukraine nicht gewinnt und der Krieg früher gestoppt wird.
Derzeit scheint die Regierung vor allem die internen Folgen im Blick zu haben -- weitaus weniger die externen Folgen. Damit setzt die Ampelkoalition eine bundesdeutsche Tradition fort, mit der sie ja explizit brechen wollte.
Ohne das Fortbestehen der externen, geopolitischen Stabilität aber sind die Kostenberechnungen für einen Energieboykott längerfristig hinfällig, weil sie von einem unverändert stabilen externen Umfeld ausgehen. Es werden diese Voraussetzungen einfach nicht eingepreist.
Interesting: "The only Western leader that Mr. Putin took seriously was Germany’s previous chancellor, Angela Merkel. Now she is gone and it’s time for Russia to avenge the humiliations of the 1990s." nytimes.com/2022/03/10/opi…
I was wondering about this too. Merkel and Putin were in constant dialogue. By talking to Merkel, Putin could get a feeling about where the west stood; and maybe she could correct some of his assumptions from time to time.
Talking to Macron or to Scholz probably very different.
In Syria, "it was Russian air power that changed the game. And they wielded their air power in a devastating way, where they were targeting not just rebel positions but markets, hospitals, schools, with, in many cases, huge civilian casualties". newyorker.com/news/q-and-a/r…
"Isis, of course, was quite brutal, but the other jihadi groups that were anti-isis and anti-regime certainly did commit crimes, but I think nothing on the scale that the Syrian regime or the Russians committed. And so the Russian massacres were numerous."
"The UN shared a list of hospitals and clinics in Idlib Province with the Syrian government and the Russians basically in the hopes of getting the Russians to avoid accidentally hitting these places. And, instead, the Russians used this list to target these hospitals."