Jeff Bergheim 🦤 Profile picture
Nothing in biology makes sense except in the light of evolution. Recherchiere hier nur für ein Buchprojekt. Geduld ist die Kunst, langsam wütend zu werden.

Nov 17, 2020, 22 tweets

#Pandemrix – mRNA-Impfungen
Die #Schweinegrippe von 2009/10 dient oft als Blaupause für die derzeitige Corona-Pandemie. #Corona-Verharmloser argumentieren die #H1N1 wäre ja auch harmlos gewesen.

Nein. War sie nicht, es sind nur die „richtigen“ erkrankt. Die zwar auch schwer, aber relativ wenige starben.

Eine Parallele ist die Notwendigkeit, schnell einen Impfstoff bereitzustellen. 2009 war das gar nicht so kompliziert, denn Influenzaimpfstoffe werden ohnehin jedes Jahr neu aufgelegt und es gibt Mock-up-Impfstoffe, die „leer“ sind und nur mit dem Antigen beladen werden müssen.

Problematisch ist es dann, in kürzester Zeit genügend vom Antigen herzustellen. Deshalb wurde beim #Impfstoff #Pandemrix „gespart“, indem man den Wirkverstärker AS03 zugesetzt hat und deshalb nur ein Viertel des Antigens benötigte wie der Konkurrent Celvapan.

Es gab noch weitere Impfstoffe, aber diese beiden waren die wichtigsten hierzulande und sie haben auch schnell eine Zulassung für diese Pandemie bekommen, wurden verimpft und zeigten auch eine gute Wirkung gegen die Schweinegrippe.

Dennoch gab es von Beginn an Kritik an diesen Impfungen. Insbesondere der Wirkverstärker war #Wodarg & Co ein Dorn im Auge. Und tatsächlich kam es bei Pandemrix zu einer unerwarteten Nebenwirkung, einer Narkolepsie, einer Störung der Schlaf-Wach-Regulation.

Das Schlafverhalten wird u.a. durch das Neuropeptid-Hormon Hypocretin gesteuert. In den Narkolepsie-Patienten fehlten Zellen die den Hypocretin-Rezeptor präsentieren. Offenbar eine Folge einer Autoimmunreaktion. Molekulare Grundlagen: ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/P…

Wahrscheinlich ist eine Strukturähnlichkeit zwischen einer Domäne im verimpften Antigen mit einem Bereich im Hypocretin-Rezeptor verantwortlich. Das Immunsystem entwickelt eine Immunität gegen diese Domäne, greift dann die Rezeptorzellen an und verursacht so die Narkolepsie.

Wie häufig ist diese Krankheit überhaupt? In Deutschland sind ca. 50 von 100.000 Menschen betroffen.

Die Impfgegner sprechen von bis zu „Zehntausenden von Kindern“, die durch die Impfung eine Narkolepsie bekommen haben.

Tatsächlich sind bei 31 Mio verimpften Dosen Pandemrix ca. 1500 Fälle aufgetreten. Das sind knapp fünf Fälle pro 100.000 Impfungen, ein Zehntel des natürlichen Vorkommens.

Auch die natürliche Infektion hat als Komplikation die Narkolepsie und zwar mit großer Sicherheit öfter als die Impfung (mehr Viruskopien!).

Etwas zynisch aber interessant: Hat Pandemrix mehr Narkolepsien verhindert als selbst ausgelöst? Dazu fehlen (mir) die Daten und das wird auch stark davon abhängen wie viele in einer Region an H1N1 erkrankt sind.

Ebenfalls interessant: Hätte man das vorher wissen können? Wohl kaum. Phase III-Studien umfassen zwar zehntausende Teilnehmer, aber die Narkolepsie war eine so seltene Nebenwirkung, dass man sie leider erst im Gebrauch festgestellt hat.

Hatten Wodarg & Co recht? Die hatten so ziemlich alles in Verdacht, insbesondere den Wirkverstärker, aber nicht das Virusfragment selbst. Abgesehen von der sehr seltenen Narkolepsie, kam es auch nicht zu ungewöhnlichen Nebenwirkungen.

Pandemrix war kein guter Impfstoff, jede Nebenwirkung ist eine zu viel. Aber das war auch nicht das Monster, zu dem es gemacht wurde. Was lernen wir daraus für die Coronaimpfung? Vermutlich nicht besonders viel.

Zum einen handelt es bei den Impfstoffen von Moderna und BioNTech um mRNA-Impfstoffe, die anders funktionieren als die klassischen. Zum anderen wird natürlich getestet, auch wenn es schnell gehen muss. Die BioNTech-Studie umfasste 44.000 Teilnehmer.

Man kann nicht einfach sagen, dass was damals so (aber auch nur bei einem von einem halben Dutzend Impfstoffen), das wird jetzt auch so sein. Freuen wir uns einfach, dass wir recht schnell gleiche mehrere Impfungen zur Verfügung haben werden.

Ergänzung: warum eigentlich diese neuen mRNA-Impfstoffe? Ist das nicht gefährlich.
Für die klassische Variante müsste man die Viren kultivieren. Das geht zwar prinzipiell, aber wir benötigen Unmengen davon um alle zu impfen!

Die mRNA lässt sich relativ simpel in großen Mengen molekularbiologisch herstellen und die Produktion des Antigens überlässt man den Zellen selbst.

Die mRNA-Impfung viel genauer und besser beim @Fischblog
scilogs.spektrum.de/fischblog/wie-…

Ergänzung zur Narkolepsie durch H1N1: pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21866560/

Ergänzung:

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