#longcovid & #mecfs werden nach wie vor häufig von ÄrztInnen nicht ernst genommen oder fehl gedeudet & gern als somatoform/ psychosomatisch eingeordnet
Warum ist das eigentlich so?
Ein 🧵 mit Erklärungsansatz.
Spoiler: Der ICD-10 Katalog könnte dabei eine wichtige Rolle spielen.
1. LC-typische Symptome wie zB Tachykardie, Dyspnoe, Fatigue, thorakale Enge, Flush, flüchtige/ spontane Schmerzen/ Brennen etc. sind recht unspezifisch und kaum objektivierbar oder einem Organ konkret zuzuordnen. Standarddiagnostik bleibt häufig (aber nicht immer!) ohne Befund.
2. Die Schlussfolgerung der KollegInnen: „Wo ich nichts sehe, da ist eben auch nichts“, ist soweit an sich erstmal nachvollziehbar. Bei unauffälliger „organischer“ Diagnostik (zB LuFu), kann eben auch keine organische Diagnose (zB Asthma) gestellt werden.
3. Warum aber häufig die Entscheidung, eine „funktionelle Störung“ oder „psychische Ursache“ zu diagnostizieren?
IdR übrigens ganz ohne spezifische Abklärung diesbezüglich, die dann ggf. wirklich FÜR diese Diagnose und nicht nur GEGEN eine andere sprechen würde.
4. Dazu habe ich mir die Beschreibung der entsprech. ICD-10 Diagnosen näher angeschaut. Sehr aufschlussreich, denn:
An sich liest sich das tatsächlich häufig wie die typische #longcovid-Symptomatik - mit einigen gravierenden Unterschieden und einer Sache die dabei klar wird:
5. Wer an einer seltenen oder nicht gut untersuchten Krankheit (mit fehlender spezif. Diagnostik) leidet, landet fast unweigerlich in dieser Schublade.
Die Option, dass evtl. einfach die entsprechende Diagnostik fehlt um die Krankheit zu erfassen, scheint es gar nicht zu geben.
6. Das Vorhandensein vieler einschränkender Symptome, jedoch ohne Befund, würde wohl spätestens bei längerer Arbeitsunfähigkeit bei den meisten von uns zu gr. Leidensdruck und zu der verzweifelten Bitte um mehr Diagnostik und adäquate Therapie führen. Erfüllt ist damit die F45.-
7. Beschreibt der Patient „Symptome, die Organe/ Systeme betreffen, die primär vegetativ innerviert werden“ folgt gerne und häufig die Diagnose F45.3-
Störung im Bereich des VNS = Somatoforme autonome Funktionsstörung, also seelisch-psychischen Ursprungs?
8. Nein. Ganz so leicht ist es zum Glück nicht. Eigentlich müssen dafür sämtliche Punkte erfüllt sein, auch die Dauer von > 2 J. Aber: Sollte dem nicht so sein, schafft die F45.1 Abhilfe
Also ja, so leicht machen es sich viele KollegeInnen und so leicht wird es ihnen gemacht.
9. Frage: Ist denn eine „Störung des VNS“ idR psych. bedingt?
Ja, die Psyche wirkt sich stark auf unser VNS aus, zB Herzrasen bei Panik oder Flush bei Scham.
Aber im Umkehrschluss davon auszugehen, jedes vegetative Symptom sei psychisch bedingt, ist grundlegend falsch. Also:
10. Nein. Inzwischen ist auch eine Vielzahl an neurologischen Erkrankung das VNS betreffend (wie z.B. POTS, CRPS,...) bekannt. Zur Zeit meines Studiums war man sehr überzeugt, dies sei „psychisch-neurotisch“, irgendwie eingebildet, jedenfalls ohne organische Beteiligung.
11. Inzwischen weiß man es - theoretisch - besser und man weiß auch: Wir wissen noch viel zu wenig über das VNS (im Ggteil zum ZNS & PNS) und es gibt kaum geeignete Diagnostik und noch zu wenig Forschung, um hier voran zu kommen.
12. Und so stellt sich doch die Frage:
Wie kann man Symptome, die die Störung eines Organsystems betreffen, über das man zu wenig weiß und das man nicht gut untersuchen kann, einfach der Psyche und damit einer F-Diagnose zuordnen?
Macht man es sich da nicht zu einfach?
13. Sehr beliebt als Diagnose scheint auch die Neurasthenie zu sein. Beschreibt der Patient eine #fatigue-Symptomatik oder das Leitsymptom von #mecfs, die PEM, landet er schnell bei der F48.0 - wie sonst idR auch, ganz ohne psych. Beteiligung oder seelisch belastendes Ereignis.
14. Und dann wäre da natürlich noch die allseits beliebte depressive Episode (F32.-) die sich von vornherein disqualifiziert, da die Symptome kaum übereinstimmen. Nein, die Betroffenen sind nicht müde, antriebs- & lustlos: Sie wollen, aber sie können nicht.
15. An dieser Stelle sei erwähnt:
Es gibt sie, die organischen Befunde. Es finden sich AK gg GPC-Rez. (Relevanz in VNS, Gefäßregulation, 🫁&🫀), Mikrothromben in Kapillaren mit Hypämie & Hypoxie sämtlicher Organe, die von der Symptomatik betroffen sind,…
Wer suchet, der findet.
15. Wie häufig wird eine psychische Belastung völlig zu unrecht als Ursache für Beschwerden herangezogen und eine neurogene, immunologische oder endokrinologische Störung dabei völlig übersehen?
Wie häufig werden diese Diagnosen überhaupt „zu recht“ gestellt?
16. Mir erscheinen die Definitionen des ICD-Katalogs in diesem Bereich völlig obsolet und dringend überarbeitungswürdig!
#FunFact: Der Diagnose folgt nur selten ein Therapieangebot, das ja dann, liegt die Diagnose vor, wichtig und sinnvoll wäre.
🤔
psychisch ≠ eingebildet
17. Das alles ist ein bisschen, als würde man Straftäter, die Mangels an Beweisen nicht verurteilt werden können, in die Psychiatrie einweisen - anstatt sie freizusprechen, oder eben nach weiteren Beweisen zu suchen.
#LongCovid #mecfs
18. Ich bitte also alle KollegInnen, sich besser zu informieren und offen zu bleiben, für (noch) Unbekanntes.
@dg_mecfs bietet so viele wertvolle Informationen an!
💚
F-Diagnosen sollten wohl überlegt sein und dann auch ein Th.-Angebot nach sich ziehen.
Danke @kbv4u für diesen Leitfaden mit sämtlichen #longcovid assoziierten Codes inkl. Codier-Bsp.
Liebe KollegInnen - nutzt das auch!
😊
@dg_mecfs @LongDeutschland @LangzeitC @LongCovidCH @longcovidAT @LongCovidKids
kbv.de/html/54367.php…
👆🏻
Leitfaden der #kbv zur Codierung von #fatigue und #pem
@MECFS_Stuttgart @MECFS_Freiburg @MECFS_Portal
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