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Mein längster Thread. Zu #Corona und #kitaoeffnung:
Kinder haften für ihre Eltern!

Am 14.03. sind meine vierjährige Tochter ich aus unserem gemeinsamen Österreich-Urlaub zurückgekommen.
Einen Tag zuvor, am 13.03. hat das @BMG_Bund via Tweet empfohlen, dass alle Österreich-Rückkehrer sich generell in eine 14tägige freiwillige Quarantäne begeben. Das hieß für uns, dass das was jetzt unter Kontaktbeschränkung seit dem 23. März für alle gilt, wir schon zehn Tage …
… eher geniessen konnten. Seit dem heißt es auch Homeoffice für mich und kein Kitabesuch für die Kleine.

Also ein bisschen länger als ein Monat. Und wir machen das beste draus. Die Mama meiner Tochter und ich teilen uns die Betreuungszeit 50:50 auf.
Normalerweise tauschen wir alle 4,5 Tage. Nur jetzt zu Corona-Zeiten haben wir auf 3,5 Tage verkürzt. Aus zwei Gründen: 1. Wir beide können so schneller wieder einmal „ungestört“ arbeiten und 2. Aus allen Nachteilen von getrennten Eltern, erwächst in diesen Zeiten zumindest …
ein entscheidender Vorteil für unsere Tochter: Abwechslung für die Kleine. Unterschiedliche Wohnungen, Umgebungen, Abenteuer, Spielzeuge etc.

Und trotzdem: Es ist hart. Natürlich bin ich in der guten Situation, dass ich von zu Hause arbeiten kann.
Andererseits kann ich das in Wirklichkeit nur zu 50-65% meines normalen Arbeitspensums. Wie so ein Homeoffice-Tag mit einem kleinen Kind aussieht, muss ich hier nicht noch einmal ausführen, das haben so viele Eltern schon getan.
Aber es ist auch eine andere Betreuungssituation als normalerweise. Natürlich will ich, dass meine Tochter die Zeit so unbeschwert wie möglich erlebt und das heißt, ich muss für Abwechslung sorgen. Ich muss meinen normalen Arbeitstag anders organisieren, nämlich um meine Tochter.
Das bedeutet Termine anders legen, Deadlines verschieben, Arbeitszeiten -und Prozesse anpassen etc. pp. Ich kann wirklich von Glück reden, dass wir das in unserer Agentur so gut organisiert bekommen und dass das wirklich gut klappt.
Gleichzeitig habe ich als Arbeitgeber Verantwortung für meine KollegInnen, für unsere Kunden und auch für unsere Finanzen. All das muss nebenbei auch noch laufen und lässt sich natürlich nicht auf die 3,5 Tage beschränken, in denen ich nicht Teilzeit-alleinerziehend bin.
Nach den derzeitigen Plänen werden in Berlin die Kitas den Regelbetrieb erst wieder ab dem 01. August aufnehmen. Also in dreieinhalb Monaten! Und ich habe keine Idee, wie das funktionieren soll. In den letzten Tagen musste ich erkennen, dass ich nicht systemrelevant arbeite …
… und meine Tochter deshalb nicht in die Notfallbetreuung kann. Das mit dem nicht-systemrelevant nehme ich nicht persönlich, ganz sicher sind ganz andere Menschen mit ihrem Schaffen gesellschaftlich relevanter. Aber auch ich trage Verantwortung für meine Firma, …
… für meine KollegInnen und für meine Kunden. Ich kann nur darauf hoffen, dass die Stimmung bei allen daran Beteiligten weiter so bleibt. Aber das Schwierigste daran: Sollte meine Tochter erst wieder am 01.08. in die Kita dürfen, war sie dann insgesamt 4,5Monate nicht mehr dort.
Ihr wichtigstes, weil tägliches soziales Umfeld in ihrem Alter. Ihre FreundInnen, mit denen sie spielt, kommuniziert, lernt, rumalbert, streitet und aufwächst. Nur weil ihre Eltern zufällig nicht die richtigen Jobs haben. Kinder haften für ihre Eltern!
Überall werden versucht Lösungen zu finden: Ab wann fahren Läden wieder hoch, wann die Schulen. Und hey, endlich sind auch die Autohäuser wieder offen! Endlich kann der Deutsche wieder Autos kaufen. Nur für die Kita-Kinder und deren Eltern gibt es das nicht.
Keine kreativen Überlegungen. Keine individuellen Lösungen.
Unsere Kitagruppe hat sechs Kinder. Nicht 30 einer Schulklasse. Sechs. Nicht 80 U-Bahnsitzeplätze in einem Waggon. Sechs. Nicht 25 Wartestühle in einer Arztpraxis. Sechs.
Und keine sieben Autositze eines VW Multivan, den man jetzt ab sofort in einem Autohaus wieder kaufen kann. Nein, sechs. Tut mir leid, ich verstehe die höhere Logik dahinter nicht.

Noch immer wird so getan, als wenn Kita-Kinder eine gesellschaftliche Ausnahme sind.
Und ein Elternteil ja eigentlich zuhause sein sollte, um sich um das Kind zu kümmern. Aber gerade jetzt werden all die Menschen bestraft, die es tatsächlich schaffen, Kind und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Das passiert übrigens immer noch nur unter Bedingungen gut.
Zum Beispiel ein funktionierendes Kitasystem und zu Beginn schon mal überhaupt einen Kita-Platz. Egal. Diese Bedingungen gibt es gerade aber nicht mehr. Aber darauf wird gerade überhaupt nicht eingegangen.
Kita-Kinder und Eltern mit nicht-systemrelevanten Berufen haben jetzt schon auf dem Papier die Aussicht auf die längsten Einschränkungen ohne Lockerung von allen Bevölkerungsgruppen.
Kinder, um die gerungen wird, wie und im welchen Maße sie zur Verbreitung beitragen und Eltern, zuallermeist in einem Alter außerhalb der Risikogruppe und sich der Regeln des Social Distancing bewusst, seit sie vor 5 Jahren aufgehört haben, vor Clubs in Schlangen zu stehen.
Ich kann das nicht witzig aufschreiben. Ich bin nicht wütend. Nicht verzweifelt und klar, andere trifft es noch härter. Ja, aber mich und meine Tochter trifft es im Alltag eben auch hart. Ich habe einfach keine Idee, wie das gehen soll und ich fühle mich ungesehen und übergangen.
Als Elternteil und als Arbeitgeber einfach nicht systemrelevant. Kinder haften für ihre Eltern.
Ergänzend: Fühle ich exakt so. Maßnahmen sind noch keine Strategie. sueddeutsche.de/bildung/corona…
„Kinder brauchen Kinder“. Ein sehr hörenswerter Beitrag vom @dlfkultur: deutschlandfunkkultur.de/sozialethiker-…
—————————
ERGÄNZUNG, Sonntag 19.04., 11Uhr:

Knapp 20h Stunden sind nach meinem Text über die #kitaoeffnung vergangen und anhand vieler eurer Reaktionen, Kommentare, Likes und Shares lässt sich folgendes festhalten:
Dieses Thema treibt viele betroffene Eltern um. Eltern, in Sorge um ihr Kids und deren Entwicklung, ihre eigene Jobs und vollkommen alleingelassen mit den verkündeten Maßnahmen. Was vielen fehlt ist ein Plan, mit dem man eben planen kann. Auf den man sich einstellen kann.
Bei voller Akzeptanz dessen, dass diese Situation eine Herausforderung für alle ist und Opfer von allen einfordert. Aber einfach beschlossene Maßnahmen sind eben weder ein Plan noch eine Strategie. Kitaeltern haben ein wages Datum, mit dem sie hantieren können.
Ohne Begründung des Datums. Ohne Konzept. Ohne Nachvollziehbarkeit.

Aber für diese Situation gibt es einen weiteren viel tiefersitzenden Grund, vollkommen unabhängig von der Corona-Krise: Eltern und Kinder haben nach wie vor eine zu geringe Lobby in Deutschland.
Kinder werden allzuoft als zu versorgende Anhängsel der Eltern betrachtet. Eltern sind nicht organisiert. Sind auch keine Autohersteller, die medienwirksam Masken spenden und ihre Häuser wieder öffnen dürfen.
Sind keine Möbelhersteller, die Studien mitfinanzieren, um dann ihre Häuser wieder öffnen zu können. Die Bedürfnisse von Kindern und betreuenden Eltern hingehen wurden scheinbar als einzige nicht in die politischen Abwägungen der Entscheidungen mit einbezogen.
Das alles sollte sich schnellstens ändern. Sowohl der Organisationsgrad betroffener Eltern und die politische Betrachtung des Themas. Damit alle Bevölkerungsgruppen gleichsam ihren fairen Teil dazu beitragen können, diese anstrengende Phase zu überstehen.
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