40 Prozent der Frauen geben an, Sexismus in ihrem Alltag nicht so schlimm zu finden. Wie kommt es dazu?

Thread:

1/
Gemäss Studie „Sexismus im Alltag“ (2020) gibt es einen Schutzmechanismus, sich von Übergriffen und Angriffen auf die sexuelle Selbstbestimmtheit und Würde nicht betreffen zu lassen. Der Mechanismus besteht darin, sexistischen Übergriffen Harmlosigkeit zuzuschreiben
2/
Frauen beschreiben, dass sie in übergriffigen Situationen zwar besser offensiv auf Kommentare oder Angriffe reagieren sollten, aber oft darauf verzichten, weil sie zu überrascht sind, sich dem Angreifer oder der Männergruppe körperlich unterlegen und ohnmächtig fühlen
3/
v a fürchten Frauen, dass sich durch eine aktive abwehrende Reaktion die Situation verlängert u verschärft. Insofern besteht die Strategie im Weitergehen, Ignorieren, Ausblenden, Verdrängen, aber auch in der Bagatellisierung der Situation, um nicht Opfer zu sein.
4/
Ferner sind Frauen so regelmäßig Belästigung ausgesetzt & erleben durch Rollenzuschreibungen in Erwerbs-& Familienarbeit permanent subkutanen Sexismus, dass viele dieser „soften“ Sexismus-Spielarten gar nicht mehr als empörend & abwertend empfunden werden, sondern als normal
5/
Die Studie macht seitens Frauen eine Unterschätzung der Realität zum Selbstschutz aus. Dazu geben etwa die Gruppengespräche mit Frauen belastbare Belege:
6/
So zeigt sich, wie beiläufig v.a. jüngere Frauen alltägl Sexismus hinnehmen: Fast alle sind überrascht v d Frage, ob sie schon sexist. Fotos/Videos zugeschickt bekamen, ihre Antwort: Klar, selbstverständlich, schon oft! Alle, die ich kenne. Das ist normal, das geht jeder so!
7/
Ebenso bekannt sind für viele Frauen Situationen, in denen sie von Männern allzu lang angestarrt & unangenehm von Blicken verfolgt werden, dass auf ihre Beine oder den Busen gestarrt wird, dass im vollbesetzten ÖV Verkehrsmittel ein Mann sich an sie drängt und Ähnliches.
8/
All das ist für einen erheblichen Teil der Frauen so alltäglich, dass sie dies gar nicht spontan mit dem Attribut „sexistisch“ versehen,sondern erst beim Gespräch darüber. Die Alltäglichkeit solcher Erfahrungen erzeugt Gewöhnung, nimmt die Überraschung & lässt abstumpfen
9/
Wenn sich Frauen stets aufregen & verletzt fühlen würden, wäre für manche jeder Tag 1 Tag d Verwundung. Davor schützen sie sich durch Ausblendung. Die selektive Unempfindlichkeit aus Selbstschutz etabliert aber auch bestimmte Formen des Sexismus als normal und akzeptabel.
10/
Dagegen bedarf es eine gesellschaftliche Re-Sensibilisierung dafür, dass auch alltägliche, weniger offensive Eingriffe in die Geschlechterwürde Verletzungen sind, die nachhaltig Spuren hinterlassen

Zusammengestellt aus d Studie "Sexismus im Alltag" 2020 bmfsfj.de/blob/141246/6e…

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13 Dec
Gemäss Milieuforschung lehnen Männer in höheren Führungspositionen die #MeToo-Bewegung am meisten ab. Ferner haben sie im Vgl zu anderen die grösste Abwehr gegenüber der gesellschaftlichen Relevanz des Themas Sexismus.

Thread zur Studie „Sexismus im Alltag“ (2020): 1/
Die befragten Männer sind in Führungspositionen, haben 1 akademische Ausbildung in Betriebswirtschaft,Medizin,Jura, Chemie, Ingenieurswissenschaft usw. & verstehen sich als Leistungselite. Ausgeprägt sind Erfolgsethik, Machbarkeitsdenken, Exklusivitätsansprüche & Distinktion 2/
Männer aus diesem Milieu glauben, aufgrund ihrer hohen Bildung den eigentlichen Kern d Sexismusdebatte zu kennen & entlarvt zu haben. Die Befragten betonen, dass sie selbst progressiv, liberal und modern sind und gerade daher Sexismusdebatten ablehnen. 3/
Read 10 tweets
25 Nov
#TagGegenGewaltanFrauen

Warum geht Gewalt gegen Frauen nicht zurück? Warum nimmt Frauenhass teilweise sogar zu?

Ein Aspekt ist:

Im traditionellen Rollenverständnis schulden Frauen der Gesellschaft, der Familie, den Männern Aufmerksamkeit, Liebe, Fürsorge und Sex. 1/
nun entsprechen Frauen diesen Rollen immer weniger, besonders Fürsorge ist ein Gut, das im Zuge neoliberaler Verhältnisse knapp geworden ist: Wenn auch Frauen ihre Kräfte der Erwerbswelt zur Verfügung stellen (müssen), 2/
wenn Frauen ihre traditionellen Plätze verlassen und nicht mehr selbstverständlich als Sozialpuffer fungieren, wenn sie nicht mehr selbstverständlich dafür sorgen, dass Männer und Kinder sich von der anstrengenden Welt erholen können. 3/
Read 5 tweets
27 Oct
Laut Studie sehen Frauen Covid-19 eher als ernstes Gesundheitsrisiko als Männer. Ferner ist d Bereitschaft von Männern, Gesundheitsregeln einzuhalten geringer. Ich habe darüber gesprochen, was das mit Männlichkeitsvorstellungen zu tun haben könnte:
ze.tt/darum-nehmen-m…
Verletzlichkeit u Schwäche werden v Männern stark ausgeblendet,das könnte einer d Gründe sein,warum sie das Risiko niedriger einschätzen.Für viele Männer ist Krankheit ein Problem,weil sie Krankheit mit Schwäche gleichsetzen – das passt nicht in ihr Selbstbild d Unverwundbarkeit
Männer neigen zudem eher dazu,sich selbst als die besseren Experten zu fühlen.Besserwissen ist eine verbreitete männliche Strategie gegen Ohnmacht. In D haben wir momentan gefühlt eine Million selbst ernannte Virologen, die etwa C. Drosten als vollkommen unfähig betrachten
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27 Oct
1 "Die acht reichsten Männer d Welt haben gleich viel Vermögen wie die 3,9 Milliarden Ärmsten.2,1 % d Schweizer*innen besitzen so viel wie d übrigen 97,9 %.Riesige Anteile d Reichtums fliessen in spekulative Finanzmärkte statt für drängende gesellsch. Aufgaben verfügbar zu sein
2 Wir brauchen deshalb eine massive Rückverteilung des Reichtums von oben nach unten, vom globalen Norden in den globalen Süden und zugunsten der Frauen, zum Beispiel mit Reichtums- und Finanztransaktions-Steuern, aber auch mit guter Arbeit und fairen Löhnen für alle.
3 Als unmittelbare Reaktion auf die aktuellen Corona-Krisen braucht es in der Schweiz eine Solidaritätssteuer von mindestens drei Prozent auf hohen Finanzvermögen während mindestens zehn Jahren, was jährlich geschätzte Einnahmen von dreissig Milliarden Franken ergibt.
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26 Aug
Catcalling, heute gerade wieder erlebt, Thread:

1) Männer glauben, dass es für Frauen ein Kompliment ist, wenn sie ihnen hinterher pfeifen, oder schlimmer: auf den Hintern klapsen, denn hey: 'ICH habe diesen Hintern, diese Frau für toll befunden, das MUSS Frauen schmeicheln'
2) (das sind Aussagen von Männern, die befragt wurden, warum sie wo etwas tun). Ferner sagen diese Männer: „Die Frauen lächeln und freuen sich, wenn ich das mache!“
3) Die Überzeugung ist: 'MEINE Bewertung ist so wichtig und gefragt, dass ich sie nicht nur kundtun muss, sondern die Frau mir dafür auch ein Lächeln schuldet, Aufmerksamkeit. Tatsächlich wird oft aggressiv reagiert, wenn frau NICHT reagiert. Dann wird sie als Bitch beschimpft.
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2 Jun
1) Trump läutet mit seiner Ankündigung, „die Antifa“ zu „Terroristen“ zu erklären jene Verschiebung v der inhaltlichen zur Formfrage ein. Dieses Angebot wird von zahlreichen Weissen aufgenommen, die jetzt beherzt unterstreichen, Gewalt zu verurteilen.
2) Die Formfrage wird zum Mittel, erneut NICHT über rassistische Strukturen, Privilegien u Gewalt zu sprechen. Mit dem Fokus auf „die Gewalt d Proteste“ wird suggeriert, wir lebten normalerweise in einer politischen Ordnung und Gesellschaft, die neutral und gewaltlos ist.
3) Auf diese Weise erscheinen „die Proteste“ als der eigentliche Gewalteinbruch. Wenn Antifaschismus Terror ist, sind rassistische Strukturen und Gewalt rational.
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