Ich hab ihn gerne gehoert, finde ihn auch hoerenswert, aber ich gebe auch zu, dass ich diese Podcaststimmen von Lars und Ijoma und deren Interaktion liebe. Von daher...
Aber zur Sache.
Ich bin ja politisch vermutlich @IjomaMangold deutlich naeher, aber in diesem Podcast hat er den meisten Mist erzaehlt. Leider begegnet das einem oft bei Fellowliberalen, eine gewisse Wissenschaftsferne, hier zur Oekonomik. Wuerde das gerne aendern.
Ijoma sagt zum Beispiel, der Warenkorb, mit dem die Statistiker (ach ja, er sagt auch mal, der werde politisch festgelegt, was natuerlich nicht der Fall ist) die Inflation messen, sei "kontingent". Was er vermutlich meint ist, dass es dort viel Willkuer gebe.
In einem bestimmten Sinne hat Ijoma sogar Recht. Aber die Tatsache, dass der Warenkorb zur Inflationsmessung nicht seinem persoenlichen Warenkorb entspreche, hat damit wenig zu tun. Uebrigens ist Heterogeneitaet von Inflation aufgrund von Heterogeneitaet von Warenkoerben ein sehr
spannendes Forschungsthema! Aber zurueck zum Thema: der Warenkorb wird natuerlich nicht kontingent gewaehlt, sondern nach dem Ausgabeschema eines repraesentativen/durchschnittlichen Haushaltes.
Woher wissen die Statistiker, was der so kauft? Naja, dazu gibt es wiederum Erhebungen , die die Konsumstruktur von Haushalten erfassen, in Deutschland die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe. Aendern sich die Daten dort, aendert sich auch der
Warenkorb. Der Warenkorb ist also nicht wirklich kontingent (natuerlich kann es Messfehler usw geben).
Was schon eher etwas der Willkuer der geldpolitischen Instanz unterliegt sind zwei andere Aspekte, von denen Ijoma einen auch kritisch anspricht:
1) Welcher Preisindex wird genau zur offiziellen, geldpolitisch relevanten Inflationsmessung herangezogen. Ist es der Konsumentenpreisindex, oder der Konsumdeflator (zwei unterschiedliche statistische Konzepte). Nimmt man Nahrungsmittel- und Energiepreise mit rein oder nicht?
2) Wie interpretiert man Preisstabilitaet? Ist das Nullprozent Inflation? Unter 2%? Im Durchschnitt 2%?
Ijoma hat Recht, dass es in beiden Aspekten in der Vergangenheit Aenderungen gab.
Er unterstellt etwas, dass diese Aenderungen willkuerlich waren. In Wahrheit gab es hier einfach wissenschaftlichen Fortschritt. ZB haben wir ueber die Zeit gelernt, dass die Inflationsmessung systematisch Inflation ueberschaetzt, so in etwa um 2% herum.
Wir haben inzwischen auch das Nullzinsproblem besser verstanden und warum man deshalb lieber etwas weiter weg sein will von der Nullinflationsrate im Durchschnitt. Hier geht es um Puffer fuer die Geldpolitik. Und so gibt es fuer alle scheinbar willkuerlichen Aenderungen
in der Geldpolitik wissenschaftliche Begruendungen. Die sollte man zumindest zur Kenntnis nehmen. Und nicht einfach sagen, die Geldpolitik habe 2% eingefuehrt, weil das einfacher zu erreichen sei. Wie "einfach" das war, haben wir ja vor der Pandemie gesehen...
2) Ijomas Definition der Inflation als Preissteigerungen WEGEN ausgeweiteter Geldmenge ist eine sehr idiosynkratische, die er in der Tat aus der Cryptobubble hat, die sie wiederum aus der Austrian Economics School uebernommen hat.
Letztere ist aber wiederum in der Oekonomik heutzutage ein absolutes Randphaenomen. Sollte man wissen. Hinzu kommt, dass auch voellig unklar ist, warum eine solche Definition sinnvoll waere. Was wenn Inflation durch ueberbordende Staatsausgaben und Staatsschulden ausgeloest
wuerde, ist sie dann nicht gefaehrlich? Warum die Verknuepfung mit der Geldmenge, deren Relation zur Inflation eher schwach ist in den Daten.
3) Ijoma (Lars auch) sorgt sich um die verteilungspolitischen Wirkungen von Niedrigzinspolitik. Die gibt es. Aber die sind eben nicht so einfach, wie von beiden sugerriert. Ja, Niedrigzinsen helfen Vermoegensbesitzern.
Auf der anderen Seite: Inflation hilft Schuldnern. Und vor allem: die Zentralbank setzt die Zinsen ja nicht aus Jux niedrig, sondern weil sie eine Rezession/Deflation verhindern will. Ob den Armen mit dem Verlust des Arbeitsplatzes mehr geholfen wird?
Die Verteilungswirkungen der Geldpolitik sind also hochkomplex, und durchaus auch empirisch noch unklar (das ist ein aktuelles Forschungsfeld sowohl theoretisch als auch empirisch). Ijoma macht es sich da viel zu einfach.
4) Ijoma begeht noch einen dogmenhistorischen Fehler, wenn er sagt: die Neoklassik finde Deflation gefaehrlich. Er meint damit vermutlich einfach "heutiger Mainstream", der aber eben gerade nicht mehr neoklassisch im dogmenhistorischen Sinne ist.
Milton Friedman war zB sehr fuer eine kleine Deflation, weil fuer ihn der optimale Nominalzins 0 sein sollte, was bei einem positiven gleichgewichtigen Realzins Deflation erfordert. Und in der Tat: in einer Welt voellig flexibler Preise will man dass Preise sofort nach unten
anpassen koennen. Aber leben wir in einer solchen? Und wenn nicht, dann ist eben Deflation wegen einer Attentismusspirale gefaehrlich.
5) Zur sogenannten Vermoegenspreisinflation. Auch hier wird zumindest angedeutet, dass die in die offizielle Inflationsmessung hineingehoere, und dass die Oekonomen/Statistiker etwas betruegen wuerden, wenn das nicht der Fall ist. Aber auch hier gibt es natuerlich gute Gruende
dafuer was gemacht wird (die natuerlich immer revidierbar sind). Grob gesprochen sollten aus theoretischen Gruenden die Preise der Gueter in die geldpolitische relevante Inflation eingehen, die den Konsumenten finalen Nutzen stiften. Deshalb sind da zB die Preise von Maschinen
nicht mit drin, sondern nur die Preise der dann mit den Maschinen hergestellten Gueter. Jetzt kann man aber sagen: Aktien stiften Nutzen! Hm - wohl kaum, die meisten Menschen essen ihre Aktien ja nicht, sondern kaufen sich halt irgendwann mal was damit. Und was sie sich dann
kaufen, ist ja schon im Warenkorb mit drin. Aktienpreise gehoeren da also gar nicht mit rein.
Kommen wir zu Haeuserpreisen. Ein Haus stiftet finalen Nutzen, das muss doch offensichtlich mit rein.
Falsch! Bei langlebigen Guetern (Haeuser sind da nur die groesste und relevanteste Kategorie) sollte man zwischen dem Kaufpreis und dem Wert des ueber die Zeit durch die Benutzung des Gutes gezogenen Leistungen unterscheiden.
Zwischen den beiden gibt es theoretische und empirische Beziehungen, sie sind aber konzeptionell verschieden. Bei Mietimmobilien ist es ganz einfach: da nimmt man die Mieten an zur Bewertung dieses Serviceflows und die sind ja auch mit im Warenkorb.
Ijoma versucht dann zu argumentieren, dass es aber doch einen Unterschied mache, ob man miete oder ein Haus besitze, worauf die Antwort der Oekonomen ist: am Ende kommt es auf diesen Serviceflow an. Nicht auf die Besitzverhaeltnisse.
Nun koennte man durchaus argumentieren, dass das falsch ist, und dass Besitz selber Wert hat, etwas durch Kollateralisierungsmoeglichkeiten, die faktisch anderen Konsum fuer Nichthausbesitzer teurer machen. In diese Richtung muesste man argumentieren, wenn man was aendern will.
Nun ist es in der Tat ein Problem, wie man diesen Service Flow, den Hausbesitzer haben, bewertet. In den USA macht man das (ueber oertliche Vergleichsmieten, etc.), weswegen ich nicht verstehe, wie Ijoma behaupten kann,
wir in den USA wuerden die Haeuserpreise vernachlaessigen bei der Inflationsmessung. In Europa hat man bis vor kurzem gesagt: das ist statistisch zu komplex, wir lassen es. Und das ist auch kein unsinniges Argument. Denn mit einer konzeptionell zwar korrekten, aber in der Praxis
nur mit grossen Messfehlern gemessenen Inflation ist uns ja vielleicht auch nicht geholfen. Allerdings hat die EZB hier zumindest soweit ihre Meinung geaendert, dass sie jetzt ueberprueft, ob und wie man diese Luecke in der Inflationsmessung schliessen soll.
Uebrigens: die Studien, die ich gesehen habe, kommen zu dem Ergebnis, dass es wohl keinen grossen Unterschied fuer die gemessene Inflation im Euroraum gemacht haette.
6) Letzter Punkt: Ijoma hat mit seinem Schlusspunkt absolut Recht. Das wichtigste Kapital des Zentralbankers ist das Vertrauen, das er geniesst. Und das ist schwierig und muehselig nur aufzubauen, aber leicht zu verspielen. Es gibt hier also klare Asymmetrien, die gute
Geldpolitik beruecksichtigen muss, weswegen ich auch die aktuelle, sehr taubenhafte Forward Guidance der @ecb kritisch sehe.
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Interesting video (and I realize this is not a representative poll). According to these four moms: it was not the CRT debate or the DC Congress mess. It was two things that made them vote for Biden in 2020 and for Youngkin in the VA election now: cnn.com/videos/politic…
1) the Dems being in league with the teachers unions and school boards - which were and still are indeed tone-deaf towards the concerns of parents and the needs of students. I can
confirm that for Ann Arbor as well.
2) The arrogance and dismissive tone by Democratic politicians towards their concerns.
Die Reaktionen vieler deutscher Twitterer (vor allem von Links) auf die US Diskussion um Bidens Infrastruktur- und Sozialpaket zeigen eine mangelnde Unterscheidung von Politics und Policy.
Man hört da immer wieder Argumente wie “Das ist doch gar nicht so extrem links”; “Das ist doch eine sinnvolle Politik”. Wie können die moderaten Dems nur dagegen sein, die müssen doch korrupt sein?
“Das” bezieht sich hier auf das Sozialpaket, Build Back Better. Das ist Argumentation auf der Policy Ebene, die ich zT teile.
Erstaunliches ist passiert in den USA letzte Nacht. Es wurde - endlich - ein billionenschweres Infrastrukturpaket (1,2 Billionen Dollar) verabschiedet im Repräsentantenhaus (der Senat war schon lange fertig damit), was aber nur möglich war, weil 13 Republikaner dafür stimmten,
denn sechs sogenannte progressive Abgeordnete der Demokraten (darunter die scheinbar so populäre AOC) verweigerten ihre Stimmen. Ich hoffe deren WählerInnen werden es sich das nächste Mal genauer überlegen. Es war eine beispiellose politische Geiselnahme in Tateinheit mit
politischer Brandstiftung, die hier von den Linken erfolgte. Gott sei Dank hat die Mitte (und Bipartisanship, selten genug) am Ende gewonnen, denn in der Substanz sind diese Infrastrukturinvestitionen historisch und dringend nötig, und sie werden einen Unterschied machen.
dynamics of forecast errors. We use high-quality German firm survey data from @ifo_Institut to do this. Results: (1) firms in turbulent environments and on non-zero trends tend to be more uncertain, as are smaller firms. (2) Firms on positive growth trends and large firms are
less uncertain than they should be, given the forecast errors they make. (3) There is substantial subjective both cross-sectional and time-series heteroskedasticity in the data. (4) Firms with bad AND good experiences in the recent past are more uncertain, more so with bad
When it rains, it pours... am Montag hatte ich zunaechst ueber mein neues VAT Working Paper geschrieben, weil es Politikrelevanz hatte. Wie es aber die Zufaelligkeiten des wissenschaftlichen Arbeitsprozesses so wollen, produziert man manchmal ueber lange Zeit gar kein Paper, und
dann kommen in einer Woche gleich zwei heraus. Hier ist uebrigens eine frei zugaengliche Version. Die Koautoren sind dieses Mal @CarstensenKai , Stefan Lautenbacher und Martin Schneider.
Wie wirkte die temporaere MWST Senkung im zweiten Halbjahr 2020, als Teil des WUMMS Pakets der damaligen Grossen Koalition? Antwort: sie stimulierte den Konsum in Deutschland um etwa 34 Milliarden Euro. Ein Thread:
Der Thread basiert auf dem heute veroeffentlichten NBER working paper "A Temporary VAT Cut as Unconventional Fiscal Policy":