Wie wirkte die temporaere MWST Senkung im zweiten Halbjahr 2020, als Teil des WUMMS Pakets der damaligen Grossen Koalition? Antwort: sie stimulierte den Konsum in Deutschland um etwa 34 Milliarden Euro. Ein Thread:
Der Thread basiert auf dem heute veroeffentlichten NBER working paper "A Temporary VAT Cut as Unconventional Fiscal Policy":
Koautoren auf dem Papier sind @bornecon@RalphLuet Olga Goldfayn-Frank, Georgi Kocharov (beide @bundesbank ) und Michael Weber.
Man erinnere sich: am 3. Juni 2020 wurde von der damaligen Bundesregierung eine temporaere MWST Senkung angekuendigt, die vom 1. Juli bis 31. Dezember 2020 gelten sollte. Der normale MWST Satz wurde von 19% auf 16% gekuerzt, der reduzierte Satz von 7% auf 5%.
Das entsprechende Gesetz wurde am 29. Juni 2020 verabschiedet. Es gab ein starkes politisches Commitment, u.a. von @OlafScholz , dass diese Senkung auf keinen Fall verlaengert wuerde. Was enorm wichtig war fuer den stimulierenden Effekt.
Warum hat es so lange mit der Evaluation gedauert? Nun, Wissenschaft will es eben genauer wissen, und deshalb braucht sie Zeit. Die Frage ist naemlich gar nicht so einfach zu beantworten: es gab damals die zweite Welle der Corona Pandemie, eine durch die Pandemie induzierte
Rezession, noch andere Massnahmen im Wumms-Paket, ein zweites Halbjahr hat immer spezielle saesonale Effekte, und wie soll man etwa Phaenomene wie "ein Haushalt reduzierte seine Ausgaben um weniger als ohne MWST Senkung" erfassen, etc.
Deshalb sind auch die damals relativ schnell veroeffentlichten Studien, die auf direkten qualitativen Fragen wie "Wie werden Sie ihr Ausgabeverhalten aufgrund der MWST Senkung veraendern?" basierten und die oftmals einen eher geringen Effekt fanden, nur bedingt brauchbar fuer
eine quantitative Evaluation. Und deshalb dauern Ergebnisse eben laenger. Nebenbemerkung: wir untersuchen in dieser Arbeit NICHT, ob die MWST Senkung auf die Preise weitergegeben wurde. Zu dieser Frage besteht ein weitgehender wissenschaftlicher Konsens, dass ja.
Das wissen wir aus Arbeiten ua von @FuestClemens@MonikaSchnitzer@APeichl und @Sigginho . Wir konzentrieren uns hier ausschliesslich auf die zweite Frage in der Transmissionskette, der Konsumstimulierung, und zwar quantitativ.
Wir verwenden dazu vier verschiedene Datensaetze: zwei @bundesbank Umfragen, eine aus dem Juli 2020, in der wir Ausgabenplaene nach grossen, langlebigen Konsumguetern fuer das zweite Halbjahr 2020 abfragen, und eine aus dem Januar 2021, in der wir retrospektiv Ausgaben fuer
grosse langlebige Konsumguetern im zweiten Halbjahr 2020 abfragen. Das letztere wiederholen wir mit einer Sonderumfrage der Gesellschaft fuer Konsumforschung (GfK). Der vierte Datensatz sind die tatsaechlichen Konsumausgaben (ermittelt durch Scanner von der GfK) fuer kurzlebige
und Verbrauchsgueter. Wie erreichen wir Identifikation, also die Abgrenzung, wie sich die MWST Senkung ausgewirkt hat bei all den oben genannten Schwierigkeiten? Wir gehen in zwei Schritten vor:
1) Fuer die ex-ante Analyse aus dem Juli 2020 vergleichen wir die Konsumplaene von Haushalten, die ueber den gesamten Pfad der MWST Bescheid wissen, also insbesondere auch ueber die Wiederanhebung Ende Dezember 2020, mit den Konsumplaenen derjenigen, denen nur die Senkung
bekannt war (letztere war nahezu allen Haushalten bekannt). 2) Fuer die ex-post Analysen aus dem Januar 2021 vergleichen wir retrospektiv das Konsumverhalten der Haushalte, die eine nahezu komplette Durchreichung der MWST Senkung auf die Preise
wahrgenommen haben mit denen, die von keiner oder nur einer geringen Durchreichung ausgehen. In allen Faellen ergibt sich, dass diejenigen, die Bescheid wussten ueber den MWST Pfad, deutlich mehr Konsumausgaben hatten.
Das ist ueber vier Umfragen hinweg das eindeutige Ergebnis. Wenn man die Mikroschaetzungen dann grob hochrechnet, kommt man auf einen makrooekonomischen Gesamteffekt von 34 Milliarden Euro, der aber hauptsaechlich von den Mehrausgaben fuer grosse, langlebige
Konsumgueter getrieben wird. Man kann dann auch ausrechnen, was dies den Fiskus netto gekostet hat (Steuermindereinnahmen wegen niedrigerem Satz und Steuermehreinnahmen durch die Konsumstimulierung): 7 Milliarden Euro Luecke.
Welche Ergebnisse gibt es dabei noch? 1) Die Ergebnisse scheinen hauptsaechlich vom intertemporalen Effekt herzuruehren, und wir sehen, dass der Effekt in der Durability der Konsumgueter zunimmt (wie einfache Eulergleichungslogik vorhersagt).
2) Der Effekt nimmt zum Dezember, also zum Ende der MWST Senkung, hin zu. 3) Die Effekte sind konsistent mit der MWST als einer regressiven Steuer, was heisst, dass ihre Senkung eher jungen, finanziell noch nicht so abgesicherten Haushalten half.
4) Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Pandemie selbst, gemessen an der regionalen Covid-19 Inzidenz, wichtig ist fuer die Ergebnisse. 5) Ganz wichtig: die positiven Wirkungen sehen wir gerade bei Haushalten, die sich selbst eher nicht als finanziell clever ansehen.
Das heisst: durch intertemporale Substitution wirkende temporaere MWST Senkungen sind einfache Massnahmen, die ziemlich direkt den Konsum stimulieren (man muss eben etwas ausgeben, um von Ihnen zu profitieren).
Zur Einordnung: wir zeigen mithin in diesem Papier, dass temporaere MWST Senkungen gut als sogenannte unkonventionelle Fiskalpolitik funktionieren koennen, indem sie Konsum stimulieren. Diese unkonventionelle Fiskalpolitik funktioniert damit aehnlich wie konventionelle
Geldpolitik: durch Verschiebung intertemporaler Trade-offs zugunsten der Gegenwart. Sie funktioniert einfacher als unkonventionelle Geldpolitik, die oftmals auf die Sophistication der Marktteilnehmer bauen muss.
Wir sagen mit dem Papier ausdruecklich nicht, dass man unbedingt im zweiten Halbjahr 2020 den Konsum haette stimulieren sollen. Auch nicht, dass eine temporaere MWST Senkung das beste Mittel zur Konsumstimulierung war (diese Fragen lassen sich mit unserer Studie einfach nicht
beantworten). Wir zeigen aber, dass die temporaere MWST - im Einklang mit moderner makrooekonomischer Theorie und vermutlich mit positiven Verteilungswirkungen - das getan hat, was die Politik damals tun wollte: Konsumstimulierung.
Also: einen WUMMS machen. Und das ist @OlafScholz@W_Schmidt_ und @jakob_eu und dem Team im @BMF_Bund sowie der gesamten Groko damals gelungen, zu relativ geringen fiskalischen Kosten.
End Thread.
Georgi can be found on Twitter under this handle: @GeorgiKocharkov
(which was news to me 🙈)
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Reinhoeren. Es geht dieses Mal um Einiges. Wir reden ueber Inflation und wo wir uns in den Teams persistent versus transitorisch positionieren. Wir reden auch ueber den Zusammenhang von Staatsverschuldung und Inflation, ...
@miriam_vollmer Naja, zunächst müsste man mal wirklich empirisch nachweisen, dass es da echte zumindest korrelationale Zusammenhänge gibt. Dazu kenne ich keine saubere Studie. Dennoch wäre meine Arbeitshypothese: red scare. Die traditionelle ordoliberale VWL wurde in der alten BRD
@miriam_vollmer von der Politik als Systemstabilisierer und als Propagandist mit Professorentitel als Verteidiger der Sozialen Marktwirtschaft eingesetzt. Der Ordoliberalismus ist was ich apologetische VWL nenne, hier geht es explizit darum, ein bestimmtes Wirtschaftssystem zu rechtfertigen.
@miriam_vollmer Unter Bedingungen des Kalten Krieges war das enorm wichtig für die BRD und damit kam das mit enormen Prestige für die damaligen VWL Professoren. Man sah das an den ganzen Vereinigungen wie Ludwig Erhard Stiftung, Kronberger Kreis, eigentlich auch Sachverständigenrat.
Habe mir doch tatsächlich - spät am Sonntag Abend - diesen @Achgut_com Podcast reingezogen, weil ich mal wissen wollte, ob der Ökonom Homburg noch existiert.
Die Journalisten dort, allen voran @RolandTichy mit dieser Mischung aus Weinerlichkeit ob der eigenen Bedeutungslosigkeit, unbegründeter Überheblichkeit (alle haben einen geringeren IQ als er), Substanzlosigkeit, Boshaftigkeit, und gesellschaftlichem Geisterfahrertum (wir haben
Recht, alle anderen fahren falsch) - geschenkt. Aber wie gesagt, ich wollte mal wissen, ob der Ökonom Homburg noch existiert. Aber was soll man sagen: Fehlanzeige. Er erklärt nichts von Externalitaeten und deren Internalisierung durch Preise, als die Journos über zu hohe
Ein paar Reaktionen zum #NobelPrize in Economics 2021: 1) Ein erwarteter, vielleicht gar überfälliger Preis. Das ganze Team wurde schon jahrelang gehandelt. Also keine Ueberraschung oder gar ein Schritt an die Seiten des Mainstreams aus Stockholm.
2) Ein verdienter Nobelpreis? Absolut, ja. Die drei haben mit dem zu früh verstorbenen Alan Krüger die empirische Mikrooekonomik revolutioniert, von der Arbeitsmarktoekonomik, zur Finanzwissenschaft, etc. Selbst Einflüsse in die Makroökonomik gibt es. Credibility revolution.
3) Was ist schwierig bei empirischen Nobelpreisen? Zunächst mal gab es den Preis mindestens zur Hälfte für neue Methoden, die werden bleiben. Für die substantiellen Ergebnisse ist es immer schwierig. Das Higgs-Boson gibt es, wird sich nicht mehr ändern.
A thread - in English - about the German federal elections and what we know so far. #btw21
1) The Social Democrats will be the strongest party in the parliament.
2) The Christian Democrats have experienced an unprecedented loss.
3) The distance in seats, however, between the two largest parties is not large enough, so as to make either of them being the party of the future chancellor implausible.
4) For the first time, a three-party coalition is likely.
5) The king makers are now the parties #3 and #4. The Greens and the Liberals (the Liberals are liberal in the European sense). They announced today to talk between the two of them first, an unprecedented move in coalition negotiating etiquette in German federal elections.