Ich möchte heute in einem kurzen Erklaer🧵noch mal einen Aspekt aus der gestrigen Diskussion “Kapitalismus = Wachstumszwang” aufgreifen und zwar das Argument: an der Tatsache, dass Politiker (und auch Ökonomen) gleich Panik schöben, wenn mal das Wachstum ausbliebe, und
gleich entsprechende Gegenmaßnahmen implementierten (forderten), könne man doch sehen wie absolut wichtig Wachstum sei für die Existenz des Kapitalismus.
In diesem Argument geht vieles durcheinander: 1) gibt es natürlich für Politiker durchaus andere Beweggründe für ihr Handeln als den Erhalt des Kapitalismus (nämlich zB Wiederwahl).
2) Hier wird - wie so oft - Konjunktur (kurzfristige Schwankungen im BIP) mit Wachstum (langfristige, trendmäßige Veränderungen im BIP) verwechselt.
Das sind aber letztlich kleine Fehler mit diesem Argument. Der große Fehler ist der, dass nicht zwischen ineffizienten und effizienten Schwankungen unterschieden wird. Für Keynes waren Konjunkturschwankungen (insbesondere Rezessionen) ineffizient. Ich bin kein
Dogmenhistoriker und entsprechend weiß ich nicht genau (noch interessiert es mich arg), ob Keynes selbst in diesen Kategorien gedacht hat; aus heutiger Perspektive kann man aber festhalten, dass in allen Konjunkturtheorien, die sich auf Keynes berufen, Konjunkturschwankungen
ineffizient sind. Und - wie könnte man das auch anders sehen im Angesicht der Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise? Es war aber das Genie Edward Prescotts, uns im RBC Modell gezeigt zu haben, dass Konjunkturschwankungen AUCH effizient sein KÖNNEN, also optimale und
gleichgewichtige Reaktionen einer Ökonomie auf externe Schocks. Nebenbemerkung: Prescott hat diese Einsicht sein Leben lang etwas übertrieben und Konjunktur als nahezu ausschließlich effizient angesehen. Das tut aber der Einsicht selbst keinen Abbruch.
Nun ist es aber so, dass das RBC (real business cycle) Modell empirisch durchaus Schwächen hat. Heute benutzen wir empirisch überlegene hybride Modelle, die auch wieder viele Keynesianische und andere Elemente enthalten, die Konjunkturschwankungen ineffizient machen, zur
Konjunkturmodellierung. Ineffizienzen bedeuten, dass der Staat eine Rolle zu spielen hat in der Konjunkturstabilisierung und insbesondere bei Rezessionen. Jedenfalls im Prinzip. Ob er das immer sollte, wie genau, und wer (Zentralbank vs Fiskalpolitik) sind wichtige
Fragen, die aber hier erst einmal nicht zu interessieren brauchen. Um es konkret zu machen: wenn sich nominale Größen nicht schnell genug (vor allem nach unten) anpasssen, um die Nachfrage zu stabilisieren, dann kann das durchaus die Zentralbank mit allgemeinen Zinssenkungen tun.
Wenn aufgrund unvollständiger Märkte Menschen nicht genug bzgl ihres individuellen Einkommensrisikos versichert sind, dann kann der Staat das mit Transferzahlungen in der Rezession ausgleichen. Wenn auf dem Arbeitsmarkt der Such- und Matchingprozess ineffizient ist, kann
der Staat mit zB Einstellungssubventionen (oder auch mit Kurzarbeitergeld) eingreifen, etc.
Mit anderen Worten: wenn Politiker und Ökonomen (bei letzteren ganz sicher) rezessionsbekaempfende Maßnahmen fordern, dann tun sie das nicht unbedingt aus einem Wachstumsimperativ heraus oder gar aus einem Wachstumsfetisch heraus. Sondern schlicht, um ineffizientes (letztlich
unnötiges) Leid zu verhindern, weil eben die Schwankungen selbst ineffizient sein können. Das ist uebrigens unabhängig vom durchschnittlichen langfristigen Wachstumspfad so. Das Argument gaelte auch dann, wenn dieser Null oder sogar negativ wäre.
Noch zwei Punkte: 1) das Gleiche Argument gilt durchaus auch für ineffzientes langfristiges Wachstum. Wenn Ökonomen das niedrige Wachstum zB eines Landes kritisieren, dann eben nicht, weil sie per se gegen niedriges Wachstum, sondern weil sie gegen ineffizient niedriges
Wachstum sind. Wer würde zB fuer Italien etwas anderes behaupten? Es gibt auch ineffizient zu hohes Wachstum, wenn zB externe Effekte nicht eingepreist sind, aber das bekämpft eben gerade nicht sinnvoll mit ineffizient zu niedrigem Wachstum.
2) Es scheint mir hier eine dogmen- und ideengeschichtlich pikante Überlappung zwischen linken Degrowthern und (laissez-faire) RBC-Theoretikern oder auch Public Choice Leuten zu geben: lieber nicht in einer Rezession eingreifen.
Für die einen, weil das nur einem Wachstumsfetisch Frönen wäre, für die anderen: Angst vor dem Leviathan.
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Wir haben pro Jahr 2 bis 3 Mio. Fr. zur Verfügung für umgerechnet nicht ganz 15 Vollzeitstellen."
Es bleibt weiterhin unklar, ob es weitere unabhaengige Professorenstellen gibt wie in Zuerich die UBS Professoren.
"Müssen Forschungsschwerpunkte von der Stiftung gutgeheissen werden?
Die Stiftung ist gesetzlich dazu verpflichtet, zu überprüfen, ob wir den Stiftungszweck einhalten. Deshalb legen wir ihr das Arbeits- und Forschungsprogramm zur Genehmigung vor. "
Ernsthafte Frage zu der Tierethikdebatte, die hier gerade laeuft: einerseits wird argumentiert, Homo Sapiens sei nicht kategorial verschieden von anderen Spezies (und wenn man das behauptet, sei man ein Spezieist), aber wenn das stimmt, muessten wir nicht den Wolf wegen
Mordes anklagen und vor Gericht stellen, wenn er einen Hirsch toetet? Mindestens waere es ihm moralisch verboten und es waere Menschen moralisch geboten, diese Toetung zu verhindern. Nun kann man sagen, der Wolf muesste ohne Fleisch biologisch verhungern.
OK, ersetzen wir den Wolf (carnivore) mit einem Allesfresser. Gaelte das Toetungsverbot fuer den? Und waere es beim Wolf dem Menschen nicht moralisch geboten, kuenstliche Alternativen fuer dessen Ernaehrung zu liefern?
Ich verstehe das auch nicht ganz und hoffe, dass das nur eine Kommunikationspanne ist von @cem_oezdemir : hoehere Lebensmittelpreise sollten nie das ZIEL einer Landwirtschaftspolitik sein. Ziele können sein: besseres Tierwohl, gesündere Lebensmittel, Klimaschutz, Umweltschutz,
Landschaftspflege, etc. Ob das alles mit Regulierung oder anderen Maßnahmen besser zu erreichen ist, ist keine Grundsatzfrage, sondern letztlich Frage der ökonomischen Empirie. Politisch kann man streiten wie sehr man den Staat eingreifen lassen will (etwa bei Fragen der
individuellen Gesundheit) - hier gilt es aber Wahlergebnisse zu respektieren. Höhere Preise können auch manchmal MITTEL der Steuerung sein (think CO2 Preis, Zentralbankzinsen), aber hauptsaechlich sind sie als ERGEBNIS von Politikmassnahmen anzusehen.
Ich hab ihn gerne gehoert, finde ihn auch hoerenswert, aber ich gebe auch zu, dass ich diese Podcaststimmen von Lars und Ijoma und deren Interaktion liebe. Von daher...
Aber zur Sache.
Ich bin ja politisch vermutlich @IjomaMangold deutlich naeher, aber in diesem Podcast hat er den meisten Mist erzaehlt. Leider begegnet das einem oft bei Fellowliberalen, eine gewisse Wissenschaftsferne, hier zur Oekonomik. Wuerde das gerne aendern.
Interesting video (and I realize this is not a representative poll). According to these four moms: it was not the CRT debate or the DC Congress mess. It was two things that made them vote for Biden in 2020 and for Youngkin in the VA election now: cnn.com/videos/politic…
1) the Dems being in league with the teachers unions and school boards - which were and still are indeed tone-deaf towards the concerns of parents and the needs of students. I can
confirm that for Ann Arbor as well.
2) The arrogance and dismissive tone by Democratic politicians towards their concerns.
Die Reaktionen vieler deutscher Twitterer (vor allem von Links) auf die US Diskussion um Bidens Infrastruktur- und Sozialpaket zeigen eine mangelnde Unterscheidung von Politics und Policy.
Man hört da immer wieder Argumente wie “Das ist doch gar nicht so extrem links”; “Das ist doch eine sinnvolle Politik”. Wie können die moderaten Dems nur dagegen sein, die müssen doch korrupt sein?
“Das” bezieht sich hier auf das Sozialpaket, Build Back Better. Das ist Argumentation auf der Policy Ebene, die ich zT teile.