Nach meinem gestrigen Tweet hier muss ich wohl doch mal einen kleinen Erklaer🧵 ergaenzen, sonst denkt ihr, ich sei verrueckt und gar zum Trumpista geworden. Das Gegenteil ist der Fall. Nur: die Dems verspielen gerade die letzte Chance, fuerchte ich.
Beginnen wir mit diesem Tweet, dessen Likezahlen ueber 400 mich wieder mal an der oekonomischen Bildung der Massen verzweifeln lassen. Der Twitterer hier dachte, er setzt einen besonders cleveren Gotya-Tweet ab, offenbart hier aber lediglich seinen
eigenen oekonomischen Analphabetismus. Im linken Tweet ging es mir (und Krugman) darum, dass Preiskontrollen zur Inflationsbekaempfung kein gutes Mittel darstellen (das mag man in dem Tweet direkt nicht sehen, ist aber klar aus dem Kontext der damaligen Debatte).
Was ist Inflation? Der durchschnittliche Anstieg des Preisniveaus, nicht einzelner Preise. Dagegen setzt man am besten Geld- und Fiskalpolitik ein (dazu mehr von mir in einem Interview mit @SveaJunge (glaube ich) morgen in der FAZ).
Preisniveau versus Einzelpreise: das ist der erste Grunde, warum der linke Tweet nichts mit dem rechten Tweet gemein hat. Der zweite Grund ist der, dass der Grund fuer die hohen Testpreise in den USA nichts, aber auch gar nichts mit wildgewordenem Kapitalismus zu tun hat.
Im Gegenteil: der Vergleich mit Deutschland zeigt ja, dass eine Marktwirtschaft in Konzert mit guter Regulierung (nach anfaenglichem Ruckeln) eine hervorragende und billige Testinfrastruktur und -versorgung aufbauen kann.
In den USA ist die Situation ein Versagen der inkompetenten oeffentlichen Gesundheitsbuerokratie, hier der FDA, die es bisher auslaendischen Testherstellern verweigert hat, auf den US Markt zu kommen.
Es ist ausserdem ein Versagen der lokalen Buerokratie, die es nicht geschafft hat, auch staatliche Testzentren hoher Qualitaet aufzubauen. Ihr Deutsche koennt euch das vielleicht nicht vorstellen: wir machen seit Monaten Schulunterricht ohne Schuelertestung.
Wer ist fuer diese Buerokratie zustaendig? Auf der Bundesebene Joe Biden und bei mir im Staat Michigan Gouverneuerin Whitmer, beides Demokraten.
Also: eindeutig hier Staatsversagen, kein Marktversagen. Sollte allen klar sein, die den vermeintlichen Gotya-Tweet geliked haben.
Und wer mich noch nicht kennt: nein, ich bin keiner der Oekonomen, die den Markt anbeteen und ueberall nur Staatsversagen sehen, es gibt viel Marktversagen in der Welt, aber hier in diesem Falle ist das nicht die Ursache.
Aber kommen wir nun mal weg vom Gotya-Tweet und entwickeln die Sache etwas weiter:
Zunaechst einmal sollte ich klar stellen, dass es mir mit meinem Tweet nicht um mich ging. Ich kann mir die $129 locker leisten. Whateva. Von daher trifft der Wutbuergervorwuf schon mal gar nicht zu. Es geht hier vielmehr um Folgendes: Die Dems traten mit dem Versprechen an,
besser regieren zu wollen und zu koennen. Das tun sie aber nicht, nicht mal in Bereichen, wo sie es rechtlich könnten. Dass es mit Wahlen und Voting Rights nicht vorangeht in den USA, kann man ihnen nur bedingt vorwerfen (da hat die GOP die Hauptschuld).
Aber hier: Testinfrastruktur ist 100% Exekutive und liegt wie gesagt an unserer unfaehigen öffentlichen Gesundheitsverwaltung. Biden muesste da aufräumen. Tut er aber nicht. In Michigan ist unsere Gouverneurin völlig von der Bühne verschwunden. Sie tut nichts mehr.
Die Krankenhäuser laufen voll, die Covid Medikamente werden knapp. Sie ist verschwunden von der Bühne (ganz im Gegensatz zum Fruehjahr 2020, wo sie eine hervorragende Politik machte). Die Dems müssen zeigen, dass sie regieren können. Sonst wird es ganz bitter für sie.
Nochmal: wir testen nicht in den Schulen, alles ist komplett offen, nur die Schulen werden nach Bedarf einfach fuer ein paar Tage wieder zu gemacht. Das ist die Situation hier lokal vor Ort. Politikversagen. Und Schule ist eben etwas, was auch traditionell demokratische Waehler
auf die Palme bringt. Man hat das schon im Herbst letzen Jahres an den Gouverneurswahlen in Virginia gesehen, die die Demokraten nie haetten verlieren duerfen, so blau wie der Staat VA geworden ist. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass VA als Warnschuss verstanden wurde.
In Washingtoner Demokratenkreisen erzaehlt man sich die Legende, dass die Republikaner die Wahl nur gewonnen haetten, weil sie es erfolgreich geschafft haetten, die sogenannte Critical Race Theory, die angeblich in den Schulen gelehrt werden soll, auf die Agenda zu setzen.
Ich halte diese Theorie fuer hoechst unwahrscheinlich in einem +10% Biden Staat? Die wahrscheinlichere Erklaerung ist die, dass bildungsnahe (und nicht rassistische) Eltern das Management der öffentlichen Schulen während der Pandemie kritisiert haben. Und dieses Thema wird auch
bei den Gouverneurswahlen in Michigan im Herbst eine Rolle spielen und koennte der demokratischen Gouverneurin das Amt kosten. Das wiederum koennte allerdings bedeuten, dass ein wichtiger Battleground Staat um die Praesidentschaft 2024 von einem Gouverneur regiert wird, der
Wahlen zugunsten von Trump manipulieren wird. Und hierum geht es doch eigentlich.
Nochmal: die Demokraten und Biden traten damit an, dass sie nicht nur besser als Trump/GOP, sondern gut regieren koennen und werden.
Das spuert man aber in den USA vor Ort nicht. Dass mit dem Testen war fuer mich nur ein Anlass (weil es dort am offensichtlichsten ist), ist aber nicht der eigentliche Grund. Die Demokraten haben ihr Programm genau falsch herum getimed.
Statt grosse Gesetzesvorhaben, zum Beispiel zu den Voting Rights und BBB (fuer die ich grosse Sympathie habe), mit prekaeren und eigentlich nicht vorhandenen Mehrheiten im Kongress durchdruecken zu wollen, haette man auf eine Politik der kleinen Schritte der schnellen
Verbesserungen fuer viele Waehler setzen sollen. Maximal durchsetzen, was politisch erreichbar war. Darauf aufbauend haette man dann staerkere Mehrheiten im Kongress erzielen sollen, die einem grundlegendere Gesetzesvorhaben ermoeglichen.
Das scheint aber 2022 nicht mehr zu gelingen, und dann kann es durchaus passieren, dass die Republikaner die Demokratie und den liberalen Rechtsstaat endgueltig abschaffen.
Der schlechte Zustand der amerikanischen Demokratie zeigt sich eben unter anderem auch darin, dass die noch einigermassen vernuenftige Partei glaubt, dass sie Waehlerstimmen wie meine (also von Waehlern wie mir) noch sicher hat, weil wir uns um die Demokratie Sorgen machen.
Und deshalb irgendwie glaubt, sie muesse nicht gut regieren. Ich halte das jedenfalls fuer ein riskantes Spiel, und wenn es schief geht, dann wird man in der Geschichte dereinst auch die Demokraten als Mittotengraeber des demokratischen Amerikas ausmachen.
Und noch eine Bemerkung zum Schluss an alle, die glaubten, Sie muessten meine Wahl"entscheidung" kommentieren oder gar moralisch beurteilen auf Twitter: 1) Ich habe nie gesagt, fuer wen ich stimme werde, oder ob ich ueberhaupt waehlen gehe das naechste Mal.
2) Ich habe nie gesagt, dass ich fuer Trump stimmen wuerde (wuerde ich in der Tat nie; aber selbst wenn: none of your effing business).
3) In den USA sind Praesidenten und Gouverneurinnen Buerger wie ich auch. Also darf ich denen auch meine Meinung auf Twitter sagen. Das ist kein Populismus, sondern gelebte Buergerdemokratie.
4) Kann man verlorene Stimmen ja auch wieder gewinnen durch bessere Politik.
5) Bohrt euch ein Loch ins Knie.
End Thread.
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Wir haben pro Jahr 2 bis 3 Mio. Fr. zur Verfügung für umgerechnet nicht ganz 15 Vollzeitstellen."
Es bleibt weiterhin unklar, ob es weitere unabhaengige Professorenstellen gibt wie in Zuerich die UBS Professoren.
"Müssen Forschungsschwerpunkte von der Stiftung gutgeheissen werden?
Die Stiftung ist gesetzlich dazu verpflichtet, zu überprüfen, ob wir den Stiftungszweck einhalten. Deshalb legen wir ihr das Arbeits- und Forschungsprogramm zur Genehmigung vor. "
Ich möchte heute in einem kurzen Erklaer🧵noch mal einen Aspekt aus der gestrigen Diskussion “Kapitalismus = Wachstumszwang” aufgreifen und zwar das Argument: an der Tatsache, dass Politiker (und auch Ökonomen) gleich Panik schöben, wenn mal das Wachstum ausbliebe, und
gleich entsprechende Gegenmaßnahmen implementierten (forderten), könne man doch sehen wie absolut wichtig Wachstum sei für die Existenz des Kapitalismus.
In diesem Argument geht vieles durcheinander: 1) gibt es natürlich für Politiker durchaus andere Beweggründe für ihr Handeln als den Erhalt des Kapitalismus (nämlich zB Wiederwahl).
Ernsthafte Frage zu der Tierethikdebatte, die hier gerade laeuft: einerseits wird argumentiert, Homo Sapiens sei nicht kategorial verschieden von anderen Spezies (und wenn man das behauptet, sei man ein Spezieist), aber wenn das stimmt, muessten wir nicht den Wolf wegen
Mordes anklagen und vor Gericht stellen, wenn er einen Hirsch toetet? Mindestens waere es ihm moralisch verboten und es waere Menschen moralisch geboten, diese Toetung zu verhindern. Nun kann man sagen, der Wolf muesste ohne Fleisch biologisch verhungern.
OK, ersetzen wir den Wolf (carnivore) mit einem Allesfresser. Gaelte das Toetungsverbot fuer den? Und waere es beim Wolf dem Menschen nicht moralisch geboten, kuenstliche Alternativen fuer dessen Ernaehrung zu liefern?
Ich verstehe das auch nicht ganz und hoffe, dass das nur eine Kommunikationspanne ist von @cem_oezdemir : hoehere Lebensmittelpreise sollten nie das ZIEL einer Landwirtschaftspolitik sein. Ziele können sein: besseres Tierwohl, gesündere Lebensmittel, Klimaschutz, Umweltschutz,
Landschaftspflege, etc. Ob das alles mit Regulierung oder anderen Maßnahmen besser zu erreichen ist, ist keine Grundsatzfrage, sondern letztlich Frage der ökonomischen Empirie. Politisch kann man streiten wie sehr man den Staat eingreifen lassen will (etwa bei Fragen der
individuellen Gesundheit) - hier gilt es aber Wahlergebnisse zu respektieren. Höhere Preise können auch manchmal MITTEL der Steuerung sein (think CO2 Preis, Zentralbankzinsen), aber hauptsaechlich sind sie als ERGEBNIS von Politikmassnahmen anzusehen.
Ich hab ihn gerne gehoert, finde ihn auch hoerenswert, aber ich gebe auch zu, dass ich diese Podcaststimmen von Lars und Ijoma und deren Interaktion liebe. Von daher...
Aber zur Sache.
Ich bin ja politisch vermutlich @IjomaMangold deutlich naeher, aber in diesem Podcast hat er den meisten Mist erzaehlt. Leider begegnet das einem oft bei Fellowliberalen, eine gewisse Wissenschaftsferne, hier zur Oekonomik. Wuerde das gerne aendern.
Interesting video (and I realize this is not a representative poll). According to these four moms: it was not the CRT debate or the DC Congress mess. It was two things that made them vote for Biden in 2020 and for Youngkin in the VA election now: cnn.com/videos/politic…
1) the Dems being in league with the teachers unions and school boards - which were and still are indeed tone-deaf towards the concerns of parents and the needs of students. I can
confirm that for Ann Arbor as well.
2) The arrogance and dismissive tone by Democratic politicians towards their concerns.