In der US-Amerikanischen Klimabubble wird verstärkt die enorme Relevanz von kritischer Sozialwissenschaft im Klimadiskurs besprochen.

Ich frage mich & euch: Wo steht eigentlich die deutschsprachige #Soziologie in der #Klimakrise?

Ein frustrierter aber überfälliger Thread.
Dass sichtbare Soziologen in der dt. Klimadebatte teilweise groteske Positionen vertreten, schmerzt mich schon seit langem. Dieser Thread ist eine Kritik in der Hoffnung, dass die Soziologie als kritische Disziplin bald mehr Substanz zum Klimadiskrus beitragen kann.
Sei es weiche Leugnung, bräsige Verschleppung oder Fatalismus - hier mal drei subjektive Momentaufnahmen aus dem heißen Klimajahr 2019, in dem FFF 1,4 Mio Leute auf die Straße mobilisiert haben und ich meinen Master in Soziologie abgeschlossen hab.
1.) Mein Masterarbeitsbetreuer Ulrich Bröckling (Prof, Uni Freiburg) fand, dass meine Arbeit dem Weberschen Gebot der Werturteilsfreiheit nicht gerecht werde, weil sie die Klimakrise als Ausgangspunkt nimmt. Ich sagte ihm, dass die Anerkennung der Klimakrise kein Werturteil ist.
Weil, no matter the discourse, die Pole schmelzen. Er entgegnete allen Ernstes: Das könne ich als Soziologin nicht beurteilen. Das nennt man weiche Klimawandelleugnung.
Damit reproduzierte Bröckling, den ich ansonsten total für seinen kritischen Ansatz schätze und von dem ich viel gelernt habe (wahrscheinlich unabsichtlich) die hegemoniale Diskursposition der Ölkonzerne, "dass man es ja letztlich alles nicht so sicher sagen kann".
Die haben in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts viel Geld in Fake-Forschung gesteckt, um Zweifel an der Realität der Klimakrise oder den anthropogenen Ursachen zu säen, wie @NaomiOreskes & Erik Conway in
merchantsofdoubt.org gezeigt haben.
2.) Gleichzeitig schreibt Nassehi (Prof, LMU München) in Gastbeiträgen in SZ & Zeit, dass FFF denkfaul seien. Dass das Klima zwar wichtig sei, aber Demokratie eben auch kompliziert und dass die Jungen das einsehen müssten.
sueddeutsche.de/kultur/klimawa…
Diesen Kommentar sehe ich immer nur von sehr erhaben-privilegierter Position vorgebracht. Es schwingt ne gewisse Herablassung & Uninvolviertheit mit. Die Klimakrise als maximal abstraktes Phänomen, das man endlos diskutieren aber niemals anfassen möchte.
Ganz anders als die oft von existenzieller Bedrohung her artikulierte Forderung nach radikaler Klimapolitik vonseiten FFF & Co.
Das ewige Pochen auf einen "gesellschaftlichen Kompromiss" verkennt natürlich genauso wie Bröcklings "Unentschlossenheit" total
die lange Historie von verschleppter Klimapolitik, während spätestens seit der Ratifizierung des Pariser Abkommens durch die schwarz-rote Regierung 2016 längst eine demokratische Grundlage für entsprechende Politiken in der BRD gegeben ist.
Was Nassehi da außerdem mit erschreckender Mühelosigkeit hinbekommt: Die geforderte wirksame Klimapolitik per se als sozial ungerecht zu framen und klimapolitische Untätigkeit im Namen sozialer Gerechtigkeit zu legitimieren. Faktisch ist das natürlich komplett falsch.
Nassehis Position lässt sich dem "Policy Perfectionism" in den Discourses of Climate Delay zuordnen.
cambridge.org/core/journals/… Infografik zu den Discourse...
3.) Paar Monate später: Neckel (Prof, Uni Hamburg) auf einem Vortrag in der Katholischen Akademie Freiburg: Er gehe ja in Hamburg immer mit Klimaforschern Mittagessen. Die sagen ihm: der Drops ist gelutscht, Kipppunkte erreicht. Protest/Wandel würde keinen Unterschied mehr machen
Damit bedient er von ebenso gleichgültiger Warte wie seine Kollegen auf einer öffentlichen Bühne bei einem Vortrag, für den er wahrscheinlich auch ein schönes Honorar bekommen hat, mit anekdotischer Leichtigkeit die Doomism-Position der Discourses of Delay Palette.
Für mich als junge und recht unsichtbare Soziologin, die sich ihrer existenziellen Betroffenheit der Krise bewust ist, sind das alles sehr frustrierende Erfahrungen: Drei lehrbestuhlte Herren, die aus ihrer Theoriearbeit heraus nichts substanzielles zur Klimakrise sagen können
und dennoch eine riesige Plattform haben - in den Akademien und in den Medien. Die sich der "Gesellschaftskritik" rühmen und ohne Not hegemoniale Positionen unreflektiert reproduzieren.
Dabei wäre eine soziologische Auseinandersetzung mit dem Thema so wichtig. Die Soziologie ist jetzt eigentlich gefragt, JETZT in Zeiten von Klimaungerechtigkeit und Kollaps, kritische und emanzipatorische Perspektiven aufzuzeigen.
Der erste Schritt ist dabei natürlich: Die Hegemonie in ihrer machterhaltenden Funktion dekonstruieren und dabei auch vor der eigenen Verstrickung nicht halt zu machen.
Was die deutschsprachige Soziologie heute aber zur Klimadebatte beiträgt, ist viel zu oft banal & schädlich.
Das Gebot scheint zu sein: Maximale Dekontextualisierung, zwei zugedrückte Augen für die eigene Positioniertheit und eine zwanghafte Begeisterung für Nebensächliches.

Sicher sind meine Eindrücke unvollständig: Habt ihr Empfehlungen zu guten deutschsprachigen Arbeiten Personen?

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Sep 21, 2021
Vor knapp drei Jahren kam der IPCC Spezialbericht zum 1,5°C Ziel raus. Der hat mich in ne dreiwöchige komplett lähmende Depression geworfen. Oder eher: die ausbleibenden Reaktionen darauf in Politik und Medien.

🧵zum Umgang mit Frust und Demobilisierung in der Klimabewegung
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