Warum tut man sich in der Schweiz mit der Pandemiebekämpfung so schwer?

Die Gründe sind vielfältig. Ein Grund ist die vorherrschend gewordene rechtspopulistische Mentalität.

Thread:
1/
Dazu gehört 1) Anti-Elitismus. Zu den sog Eliten werden auch Expertinnen & Wissenschaftler gezählt. Sie stehen in der populistischen Mentalität unter Verdacht, korrupt zu sein & den Willen des „Volkes“ zu hintergehen. Wissenschaftl. Erkenntnissen wird grundlegend misstraut

2/
(die SVP verbreitete, Wissenschaft wäre "links-grüne Ideologie", bis 2015 wurde Klimawandel im Parteiprogramm geleugnet, man zitierte Bücher des verschwörungsorientierten Kopp-Verlag, etwa "Rote Lügen in grünem Gewand: Der kommunistische Hintergrund der Öko-Bewegung")

3/
Jahrzehnte polarisierende rechte Rhetorik, Initiativen & Politik in der Schweiz haben 2) dazu geführt, dass man sich daran gewöhnt hat, dass es ok & normal ist, Ressentiment getrieben, affektbetont, auf Basis falscher Fakten und nicht auf der Basis von Argumenten zu handeln.

4/
Forscher haben untersucht, wie eine affektbetonte Identifikation mit politischen Lagern die Informationsverarbeitung im Gehirn beeinflusst & Wahrnehmungen verändert. Loyalität mit bestimmten Parteien, Interessen oder Weltanschauungen gewinnt dann Vorrang vor Wahrheitsgehalt.

5/
Menschen mit populistischer, affektiver Mentalität sind auch anfälliger, die Pandemie als Komplott oder als Ursprung äusserer Mächte zu sehen oder zu verharmlosen. Und sie sind erwiesenermassen weniger bereit, sich kollektiv solidarisch zu verhalten.

6/
Ferner gehört zur populistischen CH Mentalität 3) der Anti-Etatismus: Der Staat gilt als schlecht, Institutionen der repräsentativen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit oder Minderheitenschutz werden lächerlich gemacht und als Feindbilder gesehen.

7/
Verabsolutiert und idealisiert wird ein autoritärer, mehrheitsdezisionistischer Volkswillen.
Ensprechend weigert man sich, Expert_innen und Institutionen zuzuhören & Handlungskompetenz zuzugestehen.

8/
Und zum Schluss: Vorausschauendes Krisenmanagement erfordert 4) die Fähigkeit, sich ihre eigene Verwundbarkeit eingestehen zu können. Für Schweizer Blocher-Polit-Mentalität kratzt eine Pandemie an Starke-Mann-Sehnsucht/Selbstverständnis

9/
Führertum funktioniert in der Pandemie nicht, weil Entscheidungen auch infrage gestellt werden müssen, rückgängig, angepasst werden müssen. Es ist eine vulnerable Situation & es braucht Fähigkeit, Fehler einzugestehen. Auch das ist mit populistischer Mentalität nicht möglich

10/
ps: übrigens sind Parameter für erfolgreiches Krisenmanagement gemäss Forschung z.B. 1. Vorkehrungen für schlimmste anzunehmende Szenarien treffen 2. auf frühe Warnungen hören 3. polit Verantwortung übernehmen & klare Richtlinien vorgeben 4. Empathie f Opfer 5. aus Fehlern lernen
Siehe zum Bsp. Forschung zu Krisenmanagement: Public Leadership in Times of Crisis: Mission Impossible? onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/15…

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More from @f_schutzbach

14 Dec 20
40 Prozent der Frauen geben an, Sexismus in ihrem Alltag nicht so schlimm zu finden. Wie kommt es dazu?

Thread:

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Gemäss Studie „Sexismus im Alltag“ (2020) gibt es einen Schutzmechanismus, sich von Übergriffen und Angriffen auf die sexuelle Selbstbestimmtheit und Würde nicht betreffen zu lassen. Der Mechanismus besteht darin, sexistischen Übergriffen Harmlosigkeit zuzuschreiben
2/
Frauen beschreiben, dass sie in übergriffigen Situationen zwar besser offensiv auf Kommentare oder Angriffe reagieren sollten, aber oft darauf verzichten, weil sie zu überrascht sind, sich dem Angreifer oder der Männergruppe körperlich unterlegen und ohnmächtig fühlen
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Read 11 tweets
13 Dec 20
Gemäss Milieuforschung lehnen Männer in höheren Führungspositionen die #MeToo-Bewegung am meisten ab. Ferner haben sie im Vgl zu anderen die grösste Abwehr gegenüber der gesellschaftlichen Relevanz des Themas Sexismus.

Thread zur Studie „Sexismus im Alltag“ (2020): 1/
Die befragten Männer sind in Führungspositionen, haben 1 akademische Ausbildung in Betriebswirtschaft,Medizin,Jura, Chemie, Ingenieurswissenschaft usw. & verstehen sich als Leistungselite. Ausgeprägt sind Erfolgsethik, Machbarkeitsdenken, Exklusivitätsansprüche & Distinktion 2/
Männer aus diesem Milieu glauben, aufgrund ihrer hohen Bildung den eigentlichen Kern d Sexismusdebatte zu kennen & entlarvt zu haben. Die Befragten betonen, dass sie selbst progressiv, liberal und modern sind und gerade daher Sexismusdebatten ablehnen. 3/
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25 Nov 20
#TagGegenGewaltanFrauen

Warum geht Gewalt gegen Frauen nicht zurück? Warum nimmt Frauenhass teilweise sogar zu?

Ein Aspekt ist:

Im traditionellen Rollenverständnis schulden Frauen der Gesellschaft, der Familie, den Männern Aufmerksamkeit, Liebe, Fürsorge und Sex. 1/
nun entsprechen Frauen diesen Rollen immer weniger, besonders Fürsorge ist ein Gut, das im Zuge neoliberaler Verhältnisse knapp geworden ist: Wenn auch Frauen ihre Kräfte der Erwerbswelt zur Verfügung stellen (müssen), 2/
wenn Frauen ihre traditionellen Plätze verlassen und nicht mehr selbstverständlich als Sozialpuffer fungieren, wenn sie nicht mehr selbstverständlich dafür sorgen, dass Männer und Kinder sich von der anstrengenden Welt erholen können. 3/
Read 5 tweets
27 Oct 20
Laut Studie sehen Frauen Covid-19 eher als ernstes Gesundheitsrisiko als Männer. Ferner ist d Bereitschaft von Männern, Gesundheitsregeln einzuhalten geringer. Ich habe darüber gesprochen, was das mit Männlichkeitsvorstellungen zu tun haben könnte:
ze.tt/darum-nehmen-m…
Verletzlichkeit u Schwäche werden v Männern stark ausgeblendet,das könnte einer d Gründe sein,warum sie das Risiko niedriger einschätzen.Für viele Männer ist Krankheit ein Problem,weil sie Krankheit mit Schwäche gleichsetzen – das passt nicht in ihr Selbstbild d Unverwundbarkeit
Männer neigen zudem eher dazu,sich selbst als die besseren Experten zu fühlen.Besserwissen ist eine verbreitete männliche Strategie gegen Ohnmacht. In D haben wir momentan gefühlt eine Million selbst ernannte Virologen, die etwa C. Drosten als vollkommen unfähig betrachten
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27 Oct 20
1 "Die acht reichsten Männer d Welt haben gleich viel Vermögen wie die 3,9 Milliarden Ärmsten.2,1 % d Schweizer*innen besitzen so viel wie d übrigen 97,9 %.Riesige Anteile d Reichtums fliessen in spekulative Finanzmärkte statt für drängende gesellsch. Aufgaben verfügbar zu sein
2 Wir brauchen deshalb eine massive Rückverteilung des Reichtums von oben nach unten, vom globalen Norden in den globalen Süden und zugunsten der Frauen, zum Beispiel mit Reichtums- und Finanztransaktions-Steuern, aber auch mit guter Arbeit und fairen Löhnen für alle.
3 Als unmittelbare Reaktion auf die aktuellen Corona-Krisen braucht es in der Schweiz eine Solidaritätssteuer von mindestens drei Prozent auf hohen Finanzvermögen während mindestens zehn Jahren, was jährlich geschätzte Einnahmen von dreissig Milliarden Franken ergibt.
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26 Aug 20
Catcalling, heute gerade wieder erlebt, Thread:

1) Männer glauben, dass es für Frauen ein Kompliment ist, wenn sie ihnen hinterher pfeifen, oder schlimmer: auf den Hintern klapsen, denn hey: 'ICH habe diesen Hintern, diese Frau für toll befunden, das MUSS Frauen schmeicheln'
2) (das sind Aussagen von Männern, die befragt wurden, warum sie wo etwas tun). Ferner sagen diese Männer: „Die Frauen lächeln und freuen sich, wenn ich das mache!“
3) Die Überzeugung ist: 'MEINE Bewertung ist so wichtig und gefragt, dass ich sie nicht nur kundtun muss, sondern die Frau mir dafür auch ein Lächeln schuldet, Aufmerksamkeit. Tatsächlich wird oft aggressiv reagiert, wenn frau NICHT reagiert. Dann wird sie als Bitch beschimpft.
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