Ich bin müde.

Wir gehen allen unseren Berufen nach.
Wir auf der Intensivstation. Auf den Normalstationen, dem OP, der Anästhesie, der Psychiatrie, in den Kinderkliniken, dem Labor und den vielen anderen Bereichen eines Klinikums.
Wir sind, wenn man es mit etwas Pathos sagen möchte, die letzte Instanz vor der Ewigkeit.
Und das stimmt wirklich.

Covid-Patienten sind einsam.
Sie sehen wochenlang kein bekanntes Gesicht.
Sie sehen eigentlich gar kein Gesicht.
Sie sehen nur vermummte Menschen.
Sie sehen nur Augen.
Augen die durch Schutzbrillen gucken.

Covid-Patienten sind einsam.
Und sie sterben einsam.
Das Letzte was sie in ihrem Leben sehen sind vermummte Menschen.
Und Augen die durch Schutzbrillen gucken.
Keine vertraute Stimme ist bei ihnen, kein vertrautes Gesicht, keine vertrauten Augen und Hände.
Kein Lächeln. Nur vermummte Gesichter. Fremde Augen.

Covid-Patienten leiden.
Wir leiden mit ihnen.
Sie kämpfen.
Wir kämpfen mit ihnen.
Wir kämpfen um sie.
Um jedes einzelne Leben.
Wir kämpfen einen Kampf, der keinen Sieger kennt.
Wir alle verlieren.
Unseren Verstand, unseren Beruf, unsere Gesundheit, vielleicht unser Leben.

Ich bin müde.
Müde vom Anblick der Coronaleugner.
Müde vom Anhören irgendwelcher kruden Ideologien.
Müde vom ganzen Hass und der Häme.
Müde von einer Gesellschaft, in der einige wenige so laut sind, dass sie die große Masse der Vernünftigen, der Leisen, völlig übertönt.

Ich bin müde.
Von Fake-News, verdrehten Fakten, Populismus und Verschwörungsphantasien.
Menschen wie bei den Querdenker-Demos in Berlin, in Leipzig und anderswo machen mich müde. So müde.

Wir kämpfen hier um jedes Leben. Nicht nur um das von Covid-19-Erkrankten.
Doch diese werden in den nächsten Wochen die Krankenhäuser dominieren.
Wir kämpfen, andere leugnen, relativieren, lügen.
Es ist ihre Welt. Ich lebe in meiner.
Und in meiner Welt möchte ich bald nicht mehr kämpfen.
Nicht für diese Menschen.
Nicht für diesen Teil der Gesellschaft.
Ich merke, wie ich mich so langsam innerlich von meinem Beruf verabschiede.
Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich Dinge ändern.
Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass mein Beruf noch etwas wert ist.
Er ist ramponiert. Absichtlich. Für Jahrzehnte. Vielleicht für immer.
Ich bin müde.
Wir sind müde.
Müde von den Demütigungen der Menschen. Ihren Vorurteilen. Ihrer Gehässigkeit.
Müde von der Politik.
Einer Politik der Phrasen, der Phantasien, der Schuldzuweisungen, der Verantwortungslosigkeiten.
Mein Beruf, die Pflege, stirbt.
Sie stirbt vor unseren Augen.
Wir schauen zu und machen nichts.
Die Politik schaut zu und macht #Ehrenpflegas.

Ich bin einfach nur so müde.
Ich werde mich bald umdrehen.
Und ich werde gehen.
Gehen aus meinem Beruf.
Und es wird sich niemand dafür interessieren.
So wie es niemanden interessierte, dass viele tausend Menschen in den letzten Jahren diesen Beruf verlassen haben. Aus Frust. Aus Müdigkeit.
Man hat es nickend hingenommen.
Schweigend mit den Schultern gezuckt.
Ich bin seit 18 Jahren Intensivpflegefachkraft.
18 Jahre und 1 Monat.
6612 Tage. Unzählige Minuten.

Noch nie war ich so müde wie heute.

#pflegenotstand
#Pflege
#coronavirus
#pflexit

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28 Sep
Wenn ich von #Selbstverständlichkeitsberuf rede, dann meine ich das nicht positiv. Ich meine damit die unsäglich gleichgültige und verachtende Haltung der Menschen. Zu erwarten, das IMMER jemand da ist und nach ihren Vorstellungen funktioniert.

Ein Gedanken-Thread.
Die Care-Berufe sind so Selbstverständlichkeitsberufe. Es interessieren niemanden die Arbeitsbedingungen einer Pflegefachkraft, deren Bezahlung und deren Leben. Es interessiert sich auch niemand dafür wie sie ausgebildet wird. Ob studiert oder mindestens 3-jährig ausgebildet.
Pflege soll nicht klagen oder gar fordern. Andere hätten es auch schwer. Und überhaupt, man hats ja vorher gewusst. Und es sich selbst ausgesucht. Wenn man mal positiv reden würde, würden auch viel mehr Leute den Beruf ergreifen - und sich ausbeuten lassen. #twitternwierueddel
Read 14 tweets
21 Jun
Sehr geehrter Herr Maskenbeschaffungsminister @jensspahn . Die Berufskranken- und altenpflege, die Rettungsdienste, Physiotherapeuten und Hebammen, die Ärzte haben den Eindruck, dass Sie sehr wenig Einsatz zeigen beim Kampf gegen das Ausbluten dieser Berufe.

Ein Thread.
Ist das nun eigentlich dieses "danach", was man bis heute als Synonym für angebliche Gesprächsbereitschaft eingesetzt hat? Ist das dieses "systemrelevant" welches man klatschend im Plenarsaal des Bundestags feierte? Ist das diese "Anerkennung", die politisch ausgeschlachtet [...]
[...] und bis zur Peinlichkeit gefleddert wurde? Oder ist es einfach ein: "Wir sind Politiker. Wir müssen so reden, damit ihr glaubt wir würden euch ernst nehmen, denn sonst hättet ihr ja keinen Bock gehabt, die ganzen Demütigungen zu ertragen, die wir vorbereitet hatten, [...]
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19 Jun
Hey @ndr
Ihr kommt in mein Nachtgebet - nicht. Pflege braucht keine Spenden.
Pflege braucht keine Almosen.
Pflege braucht keine Gönner.

Pflege braucht Aufmerksamkeit.
Pflege braucht Debatte.
Pflege braucht Sichtbarkeit.

Ein Thread.
Ich komme mir gerade vor wie ein Bettelmann. Arm und ohne einen Job, der mein täglich Brot sichert. Ihr müsst vor lauter Dankbarkeit, oder sei es Mitleid, für uns sammeln. Ist das nicht peinlich? Die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen wird nun offiziell zum Spendenfall.
Es bescheinigt uns eins. Wir waren nie systemrelevant. Wir werden es nur sein, wenn Ihr uns bitternötig braucht.
Wären wir es, müsstet Ihr nicht sammeln. Wären wir es, könnten viele von dem Gehalt leben, das sie in einer Vollzeitstelle verdienen.
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