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13 Sep, 34 tweets, 10 min read
Ich schaue mir jetzt mal diesen Beitrag vom @ZDF an.

Vorab: Meine Erwartungen waren niedrig. Nach dem Beitrag kann ich nur sagen: WOW.

Ein kleiner Fact-Check.
@Elektro_Robin @Stefan_Hajek @VQuaschning @HolzheuStefan @sepp_reitberger
#emobility
zdf.de/dokumentation/…
Es fängt schonmal gut an:
"Sind E-Autos wirklich so sauber wie alle denken?"

Diese Frage baut das komplette Framing dieses Beitrags auf. Man beginnt schonmal skeptisch, denn da kommt ja etwas Neues. Bei Neuem muss man vorsichtig sein. Könnte ja auch der falsche Weg sein.
Diese Frage nach der CO2 Bilanz wurde mittlerweile eigentlich dermaßen oft mit JA beantwortet, dass ich mich frage, warum wir noch darüber reden.

@Elektro_Robin sagt es im Beitrag treffend: EVs sind ein wichtiger Baustein hin zur CO2 Neutralität.
"Doch nicht alle Forscher teilen diese Meinung"

Es folgt ein False-Balance-Gewitter, in dem die Studie von @AukeHoekstra mit der Studie vom KIT/VDI gleichgesetzt wird, die man getrost als ziemlichen Unfug bezeichnen kann.
@Stefan_Hajek hatte dazu einen Beitrag geschrieben.
Als Nächstes behauptet man, die erste Studie des IVL von 2017 (Schwedenstudie) käme zum Ergebnis, dass Verbrenner umweltfreundl. seien als E-Autos.
Das ist so schonmal komplett falsch, da diese Studie lediglich die Emissionen aus der Batterieproduktion herausfinden wollte.
Auf der Basis dieser Zahlen kamen manche auf aberwitzige Zahlen wie "180.000km CO2 Rucksack".

Das bedeutet aber LITERALLY, dass das E-Auto umweltfreundlicher ist, weil es definitiv länger als 180.000km halten wird.

Wen das interessiert, hier mehr dazu:
Es wird prinzipiell richtig gesagt, dass das Update 2019 die Bilanz des BEV durchaus verbessert.
Man behauptet aber, dass da ein Rechentrick angewandt worden sei und die Bilanz seit 2017 real nicht merklich besser geworden sei.
Die 2019er Studie sei "reines Wunschdenken"
Das liegt aber daran, dass die 2017er Studie sich auf wesentlich ältere Paper zum Thema bezieht, NICHT auf den Stand von 2017.
@ZDF wieso sagt ihr das nicht?

Auch die Aussage der einen Autorin ändert das prinzipiell nicht, da sie sich auf den best-case bezieht.
Man erwähnt nun, dass die Annahmen zu Produktion, Strommix und Laufleistung für die Betrachtung der Gesamtbilanz wichtig sind, das ist erstmal korrekt und wichtig zu verstehen.

Siehe mein oben verlinkter Thread.
Nun bezieht man sich aber auf VW-eigene Berechnungen zur Gesamtbilanz ID.3 vs. Golf und behauptet VW habe beim ID.3 getrickst, indem sie den EU Strommix als Basis genommen haben. Mit dem dt. Strommix wäre der ID.3 insgesamt umweltschädl. als der Golf Diesel.

Ich möchte schreien.
Das ist zieml. entlarvend für diesen Beitrag, weil diese Berechnung weder die Produktion von Kraftstoff, noch einen realen Verbrauch als Annahme nutzt, sondern Lokalemissionen und Fahrzyklen, die für Verbrenner optimiert sind.

Wie war das nochmal mit den falschen Annahmen @ZDF ?
Auf den Teil mit den Mooren geh ich nicht ein. Kann man alles machen, hat aber mit Verkehr nichts zu tun.
Auch lustig, dass man hier Zahlen einfach übernimmt, statt sie infrage zu stellen, wie auch bei der VW Berechnung.
Nach dem Motto: WENN etwas nicht stimmt, dann beim BEV.
Jetzt wirds richtig wild:
Die Tesla Fabrik im Grünheide holzt viel "Wald" (kein Wald) ab, damit dann die E-Autos das Klima schützen.

@markusdd5 hatte hierzu glaube ich mal etwas im Detail geschrieben.

Das bereitet die Bühne für den nächsten Einspieler:
Jetzt kommt Wolfgang "kleine Verbrenner sind besser als eAutos" Lohbeck um die Ecke und behauptet Teslas wiegen 3t, Batterien verursachen zu viel CO2 und man könne am schnellsten mit kleinen Verbrennern CO2 einsparen ("halbieren oder noch viel weniger"). Er schwafelt vom 3l Auto.
Dass die Behauptung einfach falsch ist, weiß er wohl nicht. Der Kerl ist das Umweltschützer-Äquivalent von Legacy-Auto im Jahr 2015: Hat absolut nichts verstanden und erzählt seit 25 Jahren denselben Unsinn.

Eigentlich hab ich gar keine Lust mehr auf den Beitrag.
Naja.
Es geht weiter.
Lohbeck: "EVs führen zu MEHR CO2. Man muss das gesamte Energiesystem sehen. Durch den Mehrverbrauch an Strom durch E-Autos verzögert sich der Kohleausstieg".

Das ist so unfassbar falsch, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Mit das größte Argument pro E-Auto IST das Energiesystem, weil E-Autos mit dem Energiesystem (Energiewende) CO2 neutral werden.

Was Lohbeck wohl vergessen hat: Verbrenner laufen auf 100% fossiler Energie. E-Autos in DE bereits heute auf etwa 50% Erneuerbaren.
Es wird immer besser:
Jetzt zitieren die auch noch ernsthaft eine Berechnung von "Stahl Automotive Consulting", die dafür bekannt sind, genau das zu tun, was das @ZDF kritisiert: Mit Rechentricks arbeiten.

Hinterfragt wird natürlich nichts.
SAC (nebenbei gesagt ziemlich irrelevant) rechnet hier vor, dass E-Autos zu einem großen CO2 Anstieg führen und Verbrenner mit importierten eFuels viel mehr CO2 einsparen würden.
Nur blöd, dass alle geplanten eFuel Kapazitäten bis 2030 nicht ansatzweise dafür ausreichen.
Als nächstes kommt Thomas Willner von der HAW Hamburg zur Sprache.
Willner sagt, es seien nur 5% unserer Primärenergie erneuerbar und wir müssen Strom sparen und nicht noch weitere Stromverbraucher ins Netz bringen.

Das halte ich für einen Denkfehler und falsch.
Warum?
Primärenergie gerade in Form von fossiler Energie hat zwar einen hohen Energiegehalt an sich, hat aber in der Nutzung einen schlechten Wirkungsgrad.

Bestes Beispiel hierfür ist der Verbrennungsmotor mit nur ca. 25% Effizienz.
Bei erneuerbarer Technologie ist das anders. Aus dem Windrad kommt eben raus,was rauskommt.

Aus 10kWh Benzin werden nur ca. 2,5kWh "Bewegungsenergie" am Rad d. Verbrenners.

Aus 10kWh Strom werden ca. 9kWh am Rad d. E-Autos.

Seiner Aussage widerspricht auch das @Umweltbundesamt
Er ignoriert auch völlig, dass E-Autos mal eben ca. 770TWh Primärenergie (fossil) ersetzen und nur ca. 35% davon in Form von Strom benötigen.
Sie senken den Primärenergiebedarf im Verkehr um >60%.

(Cc @MaxFichtner)
Es wird nun nochmals klargemacht, dass wir eigentlich vorallem weniger Autos und eine Verkehrswende brauchen - was prinzipiell richtig ist, aber das ist erstmal ein anderes Thema, denn darum ging es in dem Beitrag eigentlich nicht, ist aber gut fürs Framing.
Als Fazit geht man hin und behaupet das E-Auto sei ein reines Politikum und solle nun das Klima retten.

Aber eigentlich sei es ja der totale Holzweg, zudem hätten wir absehbar sowieso nicht genug grünen Strom. Saubere E-Autos seien also ein Mythos.

WOW.
Der Beitrag arbeitet nach dem bekannten Schema:
Am Anfang erstmal alles 5Min lang übertrieben positiv darstellen, dann die restlichen 23Min dann das komplette Feuerwerk an FUD abfeuern.

Wirklich entlarvend fand ich auch die Art, wie man ALLES pro E-Auto hinterfragt, aber dann
Studien/Paper, die längst widerlegt oder fehlerhaft sind, offenbar ohne einen Check einfach übernimmt, oder einen Fehler in einer Berechnung hervorhebt, andere Fehler (siehe Beispiel VW) einfach ignoriert oder nicht bemerkt.

Machen die das absichtlich?
Auch die Art, wie sie @Elektro_Robin als praktisch einzigen "Gegenspieler" zu allen anderen mit ganz vielen Jumpcuts und kurzen Einspielern hinstellen, fand ich unfassbar unsachlich und unangemessen.
Das Fazit ist typisch für solche Beiträge:

Entweder man relativiert alles, indem man sagt "wir brauchen ja sowieso weniger Autos" - was natürlich stimmt, aber irgendwo auch verkürzt ist - oder man stellt H2 Autos als magischen Heilsbringer hin. Das wurde uns diesmal erspart.
Hängen bleibt: E-Autos sind ja gar nicht so toll, da kann ich mir ja lieber einen Verbrenner kaufen.

Wenn man solche Beiträge auf eine wenig informierte Gesellschaft loslässt, ist das wirklich destruktiv.
@_mtiemann wie ist eigentlich eure Position zu Lohbecks Verbrenner-Geschwurbel? Er wird ja immer noch in Verbindung mit euch gebracht.
Auch nochmal wichtig zu erwähnen, was @Stefan_Hajek hier sagt.

Wie auch @Elektro_Robin in dem Beitrag sagte, retten BEV natürlich nicht das Klima. Das ist ein komplettes Scheinargument.

Verkehr hat mit ca. 20% zwar einen hohen Anteil an unseren CO2-Emissionen, jedoch kann ein Sektor mit 20% Anteil nicht 100% der Emissionen einsparen, sondern eben nur 20%. Das ist mit EVs möglich.

Wenn ihr so ein "Argument" hört, wisst ihr idR schon, in welche Richtung es geht.
Hier noch ein etwas detaillierterer Fact-Check zu Lohbecks Aussagen bzgl. 3l Autos und den Denkfehler, den er da macht.

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14 Sep
Da mich Wolfgang Lohbecks Aussage zu 3l-Autos und deren angeblich besserer Eignung zur schnellen CO2-Einsparung vs. E-Auto dermaßen nervt, hier nochmal einige Fakten dazu.
@_mtiemann @Stefan_Hajek @sepp_reitberger
@Elektro_Robin @ZDF @emptysignifier
#emobility
[Thread]
Lohbeck behauptet im @ZDF, dass sparsame Verbrenner ("halbierter Verbrauch") besser geeignet seien um CO2 zu sparen als E-Autos.

Diese Aussage ist auf so vielen Ebenen falsch.
Sie geht erstmal davon aus, dass es einfach so möglich sei, ein heutiges Fahrzeug mit 3l Verbrauch zu bauen. Lohbeck macht das an einem Prototyp fest, der vor 25 Jahren gebaut wurde.
Dieser ist ein Leichtbau Kleinstwagen mit einem 0,36l Motor und 55PS. Verbrauch wohl 3,2l.
Read 14 tweets
21 Jun
Kolben-Koch und co. gehen davon aus, dass ein ID.3 mit 224.000km Laufleistung 2030 doppelt so viel CO2 verursacht haben könnte als angenommen (exkl. Produktion, ich nehme aber an inkl. Batterie), nämlich bis zu 30t CO2.

Ich versuche das mal grob zu überschlagen:

- MiniThread -
Wenn der ID.3 mit dem worst case bei der Batterieproduktion gebaut wurde, verursacht die Batterie ~6150kg CO2 in Produktion (theoret. Annahme, afaik kompensiert VW das).

Um bei 224.000km und 16,1kWh Verbrauch auf 30t zu kommen, müsste der Strommix bei ~660g CO2/kWh liegen.
Der Strommix 2020 lag bei ~365g CO2/kWh.

Koch und co. gehen also, wenn ich das richtig lese, davon aus, dass der ID.3 im SCHNITT (!!) über 10 Jahre mit einem Strommix fährt, der 81% höher ist als heute.

Das ist ja mal so ein unglaublicher Unfug, wie kommt der auf sowas?
Read 11 tweets
17 Jun
Der Tweet von @Karl_Lauterbach hat mich inspiriert mal etwas über die CO2-Bilanz von E-Autos zu schreiben.

Warum E-Autos nicht umweltschädlicher sind als Verbrenner, wie die Bilanz heute aussieht und wie man Aussagen zum CO2 Rucksack interpretieren muss.

Ein Thread.
Hartnäckig halt sich in der Gesellschaft das Gerücht, dass E-Autos eine schlechte CO2 Bilanz hätten.
Es wird von CO2 Rucksäcken >150.000km (Fahrleistungs-Äquivalent) geredet oder gar in Frage gestellt, ob das E-Auto (im Folgenden EV = electric vehicle) überhaupt CO2 einspart.
Angeführt werden dann häufig irgendwelche Kalkulationen, Studien oder Meinungspapiere, die das beweisen sollen.

Und genau hier liegt das Problem. Man muss diese Kalkulationen verstehen können, um ihre Aussagekraft und Korrektheit zu interpretieren.
Read 34 tweets
2 Jun
In meinem Umfeld wird gerade wieder die Kobalt-Story rumgereicht.

Ich kanns langsam nicht mehr hören. Diese Diskussion wird so unglaublich einseitig geführt...

Darauf angesprochen reagieren die meisten pampig und meinen alles besser zu wissen.
#emobility
Etwas Kontext für Leute, die nicht so im Thema drin sind:

In den meisten Akkus (allgemein, auch EVs) wird heute Kobalt verwendet, der Trend geht jedoch in den nächsten Jahren zu kobaltfreien Batterien, die teilweise auch schon erhältlich sind (Tesla Model 3 SR aus China bspw.)
Ebenfalls wird Kobalt für die Herstellung hochfester Stähle und anderer Bauteile verwendet, die in Verbrennungsmotoren und deren Abgassträngen genutzt werden, sowie für die Entschwefelung von Kraftstoff für diese Motoren.

Es gibt also viele Anwendungsbereiche.
Read 8 tweets
22 Feb
Just gonna make a thread out of this.

It´s about this video here:


@AukeHoekstra @bobbyllew
(1/x) The first mistake he makes is putting that "are EVs gonna solve climate change" claim out there.
While maybe ironical, there might be people that actually think EV advocates think that way.

Of course they won´t. Road traffic makes up approx. 20% of the EU emissions.
(2/x)
While this is significant, it obviously won´t solve climate change if all cars are just replaced with EVs.

His first point is also correct. You won´t be able to reach the fleet avg with ICE cars in the future. But that´s the whole point. In order to reach the
Read 19 tweets
4 Jul 20
Jetzt fängt @SWagenknecht auch schon damit an...
Immer das selbe Lied:
"wir brauchen erstmal 100% erneuerbaren Strom",
"Mehr als die Hälfte des Stroms kommt aus fossilen Brennstoffen" (was eine dreiste Lüge ist)
@Elektro_Robin
@Stefan_Hajek
@AukeHoekstra
"nur EVs mit kleinem Akku sind umweltfreundlich"
(Das ist nicht falsch, aber vernachlässigt einfach den Markt und was gekauft wird. Zudem sind auch EVs mit größeren Reichweiten umweltfreundlicher als die Verbrenner Pendants, wie man u.a. dank @AukeHoekstra und @transenv weiß)
"durch E Autos wird Kohlestrom-Anteil hochgefahren"
Quelle? Die Kiel-"Studie"?!

"Produktion von E Auto weniger umweltfreundlich als vom Verbrenner"
- das stimmt, aber können wir diese Produktions-Diskussion bitte endlich mal sein lassen? Life Cycle zählt, NICHT Produktion!
Read 17 tweets

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