Freunde der Sonne, lehnt euch zurück, holt euch nen Tee & entspannt euch, denn es wird länger. Mein Senf zum Bericht von Rödl & Partner zur Prüfung von #Wirecard durch #EY im Auftrag des #PUA. Es ist so umfangreich, dass es in mehrere Threads unterteilt werden muss.

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Vorab mein üblicher Disclaimer: bin weder WP noch habe ich finanzielle / persönliche Verbindungen zu Wirecard. Ich habe einfach nur Spaß daran, solche Berichte zu lesen & auszuwerten. Allerdings bin ich auch kein Jurist, daher sind alle Darstellungen als persönliche

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Meinung zu verstehen, sofern sie nicht als Zitate kenntlich gemacht werden. Seitenangaben beziehen sich auf den Prüfungsbericht.

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Gleich zu Beginn ist auffällig, dass die Prüfung unter einem extremen Zeitdruck entstand, die Prüfer personell knapp ausgestattet waren. In die Prüfung wurden 4 genannte Prüfer sowie 2 anonyme Prüfer eingesetzt, die den Prüfungsbericht innerhalb 1 Monat erstellt haben.

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Dabei wurden die prüfungsrelevanten Unterlagen der #Wirecard & Wirecard Bank für die Jahre 2014-2019 geprüft. Wenn man berücksichtigt, dass allein eine JAP einer Bank üblicherweise für ein Team dieser Größe mehrere Monate bedeutet, war das für diesen Prüfauftrag zur Verfügung

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stehende Budget ein Witz. Deutlich wird es aus Tz. 29, die den Prüfungsauftrag erheblich einschränkt. Die von Rödl & Partner genannten Disclaimer finde ich noch ziemlich knapp. Ich hätte deutlich mehr in den Disclaimer gepackt.

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Bemerkenswert ist die Fokussierung des Berichts auf 2015 & 2016. Dadurch geht m.E. die Zielrichtung primär gegen EY. Mit weiterem Prüfungsauftrag für die Folgejahre könnte dieser Prüfungsbericht besser als juristische Munition gegen die BaFin, APAS und DPR genutzt werden.

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Spannend finde ich die versteckte Erklärung des Geschäftsmodells von Wirecard in Tz. 60: solange TPA-Geschäft im Bericht long term risk schnell wächst, behalten die TPA immer größere Sicherheitsbehalte ein, d,h, es fließt keine oder nur geringe Entlohnung zu Wirecard.

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Bei sehr geringen Zahlungen kann buchhalterisch exorbitanter Gewinn gebucht werden. Genial, wie einfach Betrug sein kann. Im Zusammenhang mit Tz. 65 wird deutlich, wie fahrlässig #EY Chancen verpasst hat, den Betrug zu entdecken.

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An Stelle der vertraglich vereinbarten Bezahlung gab es eine von #EY schon 2015 dokumentierte Praxis, dass Rechnungen der #Wirecard nicht bezahlt, sondern mit Forderungen aus Acquiring-Dienstleistungen verrechnet würden. Dies stellt einen klaren Verstoß gegen den SLA dar.

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Schon 2015 hat #EY in einem internen Prüfungsdokument implizit beschrieben, dass #Wirecard ein Schneeballsystem ist, jedoch darauf keine risikoorientierten Prüfungshandlungen definiert. Das kann man m.E. nur noch mit viel Optimismus als eklatantes Prüfungsversagen bezeichnen.
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Tz. 63 zeigt, dass #EY wesentliche Risiken verstanden hatte: „Weder für den PSP noch für die (Dritt-) Acquiring –Bank besteht jedoch eine vertragliche Verpflichtung, die […] Gelder auf speziellen, verwendungsgesperrten Konten oder bei einem Treuhänder zu halten.“

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Dass die Gelder nicht anderweitig verbraucht werden, werde angeblich in laufenden Meetings durch den Vorstand sichergestellt, eine Dokumentation wird nicht erstellt. Eine zentrale Sicherheitsmaßnahme von Wirecard ist also vertraglich nicht geregelt,

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stattdessen finden informelle mündliche Bestätigungen ohne Dokumentation statt. Die in Tz. 64 beschriebene Wertung von R&P ist m.E. zu vorsichtig (Angemessenheit der von #EY beschriebenen Vermögensschutzmaßnahmen ist zu hinterfragen).

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Ab Tz. 69 wird beschrieben, wie #Wirecard die Bilanz künstlich aufgeblasen hat. Für Leute, für die Accounting eine Qual ist (u.a. mich), ist der Part ein wenig zäh aber wichtig. Die Kosten für Drittacquirer werden als Materialaufwand betrachtet.

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In der Bilanz erfolgt die Buchung wie in den SLA vorgesehen, d.h. als ob jede Forderung zwischen #Wirecard und TPA jeweils separat gebucht würde. In der gelebten Praxis wurden Forderungen allerdings genettet. Im Ergebnis beträgt der Anteil von Buchungen,

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die durch das Netting nicht stattgefunden haben, 27% des Umsatzes & 51% der gebuchten Materialaufwände. Das ist materiell. Tz. 77 wird deutlich.

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„in den Abeitspapieren des Abschlussprüfers haben wir keine Dokumente finden können, die die tatsächliche Durchführung der durch das Management bestätigten Vorgehensweise stützen“.

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Bemerkenswert ist das Fazit in Tz. 81. „Tatsächlich treten aus dem Geschäft mit den Dritt-Acquirern keine Inanspruchnahmen aus den Sicehrheitenstellungen auf, die diese hohen von Wirecard gestellten Sicherheiten auch im Zeitverlauf fortwährend rechtfertigen.“

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Und „Die von Wirecard getroffenen Abreden zur Sicherung der Vermögenswerte aus dem TPA-Geschäft sind gerade mit Blick auf deren wirtschaftlichen Gehalt zu hinterfragen.“ Genau diese Sicherheiten haben sich später als nicht existent erwiesen.

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Das Kapitel 2.2 ab Tz. 82 liest sich wie ein Krimi. Ein spannender Krimi. 1 Partner von #EY Indien haben als Whistle Blower massive Vorwürfe gegen das Senior Management von #Wirecard erhoben. Es geht darum, dass durch das Konstrukt „Emerging Fund1A“ das Senior Management

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mit fingierten Umsätzen der Preis nach oben getrieben werde, wodurch das Management durch direkte Beteiligung am Fonds profitieren würde. Der EY-Partner aus Indien sei vom CFO #Wirecard Indien gefragt worden, wie hoch sein Preis sei, damit er die Umsätze prüferisch bestätige.
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Bekräftigt wurden die Vorwürfe durch einen weiteren #EY-Partner aus Indien. Im ersten Schritt tut #EY das, was geboten wäre. Sie lassen die Vorwürfe forensisch untersuchen. Die Untersuchung wird jedoch systematisch vom Vorstand #Wirecard D hintertrieben,

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der Aufsichtsrat unterstützt #EY nicht. Es gibt eine solche Masse an Red Flags, die beim Prüfer hätten hochkommen MÜSSEN, dass es für eine Aufzählung hier zu viel wird. Zentral ist jedoch, dass elementare Unterlagen immer erst auf den allerletzten Drücker zur Verfügung

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gestellt werden, sodass eine detaillierte Prüfung kaum möglich ist. Kein Kassenwart eines Kaninchenzüchtervereins hätte sich ohne jeglichen Verdacht mit dieser dünnen Nachweislage zufriedengegeben. Und dann macht #EY das aus meiner Sicht unfassbare.

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Die qualifizierten Prüfungstätigkeiten werden durch persönliche Bestätigungen der Beschuldigten ersetzt. Weil die einer schweren Wirtschaftsstraftat die Tat leugnen, wird die Tat vom Prüfer als nicht geschehen bewertet. Als juristischem Laien stellt sich mir an dieser Stelle

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die Frage, ob die verantw. WPs von #EY zum Sachverhalt wegen Beihilfe strafrechtlich belangt werden können. Gegen die ausdrücklichen Empfehlungen der forensischen Analysten haben die Prüfungspartner wenigstens die im Verkehr erforderliche Sorgfalt in besonders schwerem Maße

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verletzt wird, schon einfachste, ganz naheliegende Überlegungen nicht angestellt werden und das nicht beachtet wird, was im gegebenen Fall jedem hätte einleuchten müssen. Rechtlich spannend wird die Frage, ob es sogar noch schlimmer zu bewerten ist. Mit Glück würde sich

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das Gericht „nur“ der obigen Wertung anschließen, wonach es gem. Grüneberg, 80. Auflage zu § 277 BGB Rn. 5 „nur“ grobe Fahrlässigkeit wäre. Ich persönlich gehe mit meiner Wertung darüber hinaus. Mit seinem Fazit ist R&P ab Tz. 166 in meinen Augen noch viel zu vorsichtig.

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Lest es euch selbst durch. Sowas gehört in ein Lehrbuch, wie Prüfung auf keinen Fall stattfinden darf. Das ist drehbuchreif.
Fortsetzung folgt, ich bin gerade mal auf S. 36 von 168.

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Spoiler für die Fortsetzung: es bleibt wirklich spannend. Montag wird es weitergehen.

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5 Aug
Aktuell überbieten sich einige Wahlkämpfer mit Versprechen, hochwasserbetroffene Regionen aufbauen zu lassen. Ich hoffe, die Medien stellen das als das dar, was es ist: Wahlkampf auf Kosten von Hochwasseropfern. Warum wir mehr Ehrlichkeit brauchen.

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Wie üblich werde ich meine Argumentation weitgehend an den Anforderungen an die Kreditwirtschaft begründen, dies ohne jedoch Jurist zu sein. Wie üblich daher nur mit „gesundem Halbwissen“.

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Damit Kreditinstitute nur in „gesundem Umfang“ Kredite vergeben, müssen diese mit Eigenkapital unterlegt werden. Je riskanter, desto mehr Eigenkapital. Sicherheiten dürfen u.U. risikobegrenzend berücksichtigt werden. Wohnimmobilien als Sicherheiten wirken

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Read 23 tweets
2 Aug
Am 27.04.21 verkündete der #BGH ein Urteil gegen die #Postbank, dass in der Bankenbranche für erhebliche Aufruhr sorgte. In meinen Augen ist der Jubel auf Seiten von Verbraucherschützern verfrüht.

Thread
Worum geht es in diesem Urteil?

juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechts…

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Hauptleistungen sind Leistungen, die im Rahmen des Vertragsverhältnisses typischerweise dauerhaft nachgefragt werden, beispielsweise Kontogebühren für die Kontoführung.

In diesem Vorgehen sieht der BGH (stark verkürzt) u.a. eine unangemessene Benachteiligung der Kunden,

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Read 24 tweets
11 Feb
Der Bericht von @RolandBergerDE zur #BaFin ist da. Natürlich schaue ich ihn an, ob er meine Erfahrungen mit der BaFin widerspiegelt & ob er aus meiner persönlichen Sicht geeignet ist, die Schwächen in der Banken- & Kapitalmarktaufsicht zu adressieren.

Thread
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erwartet, dass der Bericht in sehr kurzer Zeit erstellt wurde, methodisch hervorragend & logisch bestechend ist, basierend auf der beschriebenen Ausgangslage. Die Rahmendaten (3 Monate Erstellungszeitraum, laut @ChrisPruessing 800 k€ Kosten) sprechen m.E. dafür, dass

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29 Jan
Ihr liebt ja meine Threads zu #Wirecard, da möchte ich Euch natürlich nicht enttäuschen. Am 28.01. wurde der ehemalige Polizeipräsident Bayerns, Waldemar #Kindler, im #PUA verhört. Das muss ich mir natürlich mal genauer anschauen…

Thread
Wie immer Disclaimer vorab: ich bin kein Jurist, dies ist meine persönliche Meinung. Ich bin nicht weiter in den Fall involviert und mache dies rein aus Spaß, weil mir Compliance-Analysen tatsächlich Spaß machen und in Corona der Spaß eh zu kurz kommt.

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Kindler wurde am 29.06.2013 in den Ruhestand verabschiedet.

ovb-online.de/weltspiegel/ba…

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n-tv.de/wirtschaft/Sta…

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Read 22 tweets
28 Jan
Hey @BoseDE , komisches Verständnis von Kundendienst bei Euch. Bestellung am 18.01., Ware auf Lager (heute nochmals bestätigt), Lieferdauer in Bestellbestätigung 1-2 Werktage + Versand. Heute angerufen und erfahren, dass erst morgen verschickt werden soll, 11 Tage nach Bestellung
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Da scheint meine deutlich gemachte Unzufriedenheit ja Wirkung gehabt zu haben. Gestern zur Mittagspause waren die Ersatzteile noch nicht verschickt, eben sind sie angekommen. Da hat sich die Beschwerde ja gelohnt.
Read 4 tweets
28 Jan
Lieber @hendrikstreeck, auch ich bin kein Experte für Intensivmedizin. Aber bevor "Stresstests" gefordert werden, sollten Experten lieber folgende Punkte berücksichtigen:

1. Je höher die ITS-Auslastung, desto höher die Mortalitätsquote cidrap.umn.edu/news-perspecti…
2. Wegen Corona wurden bestehende Mindestpersonalschlüssel aufgeweicht. Durchschnittlich 2,5 Pfleger pro ITS Patient im Normalfall aerzteblatt.de/nachrichten/98…

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3. Bundesweit fehlen schon jetzt ca. 3.500-4.000 Pflegekräfte, um alle Betten gemäß altem Personalschlüssel (2,5 Pfleger pro Patient) versorgen zu können.

dw.com/de/dramatische…
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