Gerüchte, Falschmeldungen und Desinformation im Einsatz im #Bevölkerungsschutz.
Ob #Loveparade, #Hochwasser, #Bombenfund oder #Corona: Wo Informationslicht ist, ist auch Informationsschatten. Ein längerer Thread, der mit einem Bildnis startet:
Die blinden Männer und der Elefant zeigt deutlich, wie in einem Einsatz unterschiedliche Perspektiven nicht zu einem kohärenten Ganzen zusammengesetzt werden.
de.wikipedia.org/wiki/Die_blind…
Jede Einsatzkraft verfügt nur über einen Ausschnitt an eigenem Erlebten, Hörensagen und validen Informationen aus einem Einsatz. #Stress, dynamische Situationen und Trainingszustand beeinflussen die Wahrnehmung.
Gerüchte im Einsatz entstehen, wenn der Informationsfluss zu einem Informationsrinnsaal abgeflaut ist und die Gesamtlage durch Einsatzkräfte nicht überblickt werden kann. Zu bekannten, validen Informationen werden mehr oder weniger plausible Informationen addiert.
Gerüchte im Einsatz sind also unvermeidlich, wenn nicht jede Einsatzkraft sauber trennt in gesicherten und vermuteten Informationen. Unser aktuelles Führungssystem aus Meldungen ↑ und Befehlen ↓ mit entsprechenden Filter- und Zeitverzögerungselementen auf jeder Führungsebene
begünstigen dies. Ein Gesamtlagebild entsteht nur an der obersten Stelle und kommt oftmals nicht auf jeder unteren Ebene wieder an. Ein adäquater Informationspool, aus dem jeder die für den eigenen Auftrag relevanten Daten entnehmen kann, besteht in DE nicht. Da sind wir veraltet
Gerüchten im Einsatz kann man nur mit einer guten Informationspolitik entgegentreten, die alle Ebenen umfasst und die gesicherte und valide Informationen bietet. Da haben wir gravierende Nachholbedarfe, v.a. was Zugänglichkeit, Schnelligkeit und Digitalisierung angeht.
Falschmeldungen im Einsatz sind ein Problem, da auf diesen weitreichende Entscheidungen getroffen werden. Falschmeldungen kann man unterscheiden in keine Meldungen, wohlmeinenden und böswilligen Meldungen.
Keine Meldungen oder Informationsvakuum werden oft als "falsch-positive" Meldungen interpretiert. "Wenn mein Sohn auf der Pfadfinderfahrt sich nicht meldet, geht's ihm gut" ist vielleicht verständlich, aber man sollte hellhörig werden, wenn ganze Stadtteile ohne Rückmeldung auf
ein Katastrophenereignis bleiben.

Wohlmeinende Falschmeldungen sind oftmals Übertreibungen durch Betroffene oder Einsatzkräfte. So wird der Hilfsbedarf zu hoch geschätzt. Die Korrektur dieser Meldungen ist mittels guter Lagemeldungen möglich, wenn auch nicht immer einfach.
Ein gutes Beispiel hierfür sind die zivilen Polizeikräfte bei der Einsatzlage im Münchner OEZ, welche von Bürgern mittels Notrufen gemeldet wurden. Diese erschwerten massiv das Lagebild.
Womit wir bei böswilligen Falschmeldungen und Desinformation wären. In der Chaosphase jeder Großeinsatzlage ist es verhältnismäßig einfach, Chaos zu finden und dies zu befeuern. In einer Kakophonie an Informationen, Vermutungen und Lagedynamik ist es einfach
analoge und digitale Desinformation zu betreiben. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Friedensfahrzeuge im #Ahrtal
t-online.de/nachrichten/de…
Hier muss man sich schon Mühe geben und Vor-Ort sein. Auch Hilfsangebote kann man anbieten, um eigene Organisationsstrukturen ins Spiel zu bringen: zeit.de/politik/2021-0…
Dazu zählt auch eine massive Social-Media-Präsenz, um im Netz ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Je emotionaler, desto mehr Clicks. Je größer das angebliche Versagen von Einsatzkräfte, desto mehr Clicks.
Clicks und digitale Reichweite sind in der Aufmerksamkeitsökonomie valide Werte, grade für Vorfeldorganisationen oder staatliche Akteure. Es geht darum, Vertrauen zu beschädigen: background.tagesspiegel.de/digitalisierun…
Und das geht in Katastrophenlagen besonders gut, da das Urvertrauen in die staatliche Daseinsfürsorge vom Ereignis bereits angegriffen ist. Kommen dann Defizite in der Einsatzorganisation dazu, ist der Handlungsraum für Desinformierende größer.
Als Einsatzorganisation ist festzustellen, dass viele bekannte Defizite in dieser Einsatzlage sich deutlich bemerkbar gemacht haben. Liest man die von Kirchbach Berichte aus 2002 und 2013, so haben diese erschreckende Aktualität.
Wenn im Jahr 2021 mittels Facebookgruppen und Telegramchanals eine bessere Koordinierung von Hilfsbedarfen zu Hilfsangeboten erfolgt als mit regulären Stabsstrukturen, so braucht das System Bevölkerungsschutz ein Update.
Daraus folgt:
1) unser Lagebild im Bevölkerungsschutz muss besser, digitaler, transparenter und in Echtzeit einsehbar werden.
2) unsere Response muss besser, koordinierter und schneller werden.
3) unser Informationsfluss innerhalb der Einsatzorganisationen muss besser werden
4) unser Informationsfluss zur Bevölkerung muss besser, schneller und zugeschnittener werden.
5) wir müssen uns als Einsatzorganisationen und Behörden dahin begeben, wo Informationsvakuum und Desinformation vorherrschen. Hier ist viel von den Polizeien zu lernen, die diese
Schritte bereits gegangen sind.
6) VOSTs zur Social Media Lageerkundung, Aufklärung, Response zielgerichtet einsetzen.
7) Die Informationen von BOS müssen besser, schneller, valider und ja! auch spannender sein, als irgendwelche blumig formulierten Falschmeldungen.
8) hatte ich erwähnt, dass unser Bevölkerungsschutz besser ausgestattet, deutlich besser trainiert und digitalisiert werden muss? Zur Digitalisierung im BevS sei folgende erschreckende Studie verlinkt: blaulicht.digital/ergebnisse/
9) das Szenario einer bewussten Desinformationskampagne im Rahmen von Katastrophen muss viel weiter in unser Mindset aufgenommen werden.

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