#COVID_19 & #Schule – ein Thread
Die Diskussion um #Schulöffnung droht gerade das „Siehste-Nievau“ zu erreichen. Wenn wir mal alle tief Luft holen, könnten wir feststellen, dass die Situation komplex genug ist, kommt jetzt Rechthaberei ist Spiel, wird’s endgültig unmöglich. 1/25
Wir können natürlich fortsetzen und medizinische #Evidenzen mit dem Hinweis, sie seien „wahrer“ als Einzelfälle und jeden einzeln bekanntwerdenden Fall von #Schulschließungen und #Infektionen in der #Schule gegeneinander und aufeinander hauen, können schimpfen, klagen 2/25
…ich aber würde hier gerne mal versuchen, eine kleine Diskursanalyse vorzunehmen (jeder mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen...). Sollte sich irgendjemand in diesem Thread unsachgemäß beschrieben fühlen, bitte ich um Meldung, ich werde sofort revidieren. 3/25
Beginnen wir mit den Positionen. Abstrahiert sehe ich aktuell 5 Positionen, die im Diskurs um Schulöffnung aufeinanderprallen. In der verkürzten und emotional aufgeladenen Diskussion (es geht ja um Kinder) werden diese selten sauber voneinander getrennt, sondern polarisiert: 4/25
1) Für Kinder besteht keine Gefahr, macht die Schulen auf
Diese Position wird im aktuellen Diskurs von wenigen Politikern und Wirtschaftlern vertreten, mir ist aber kein wissenschaftl. Vertreter bekannt, der dies ernsthaft vertritt, es wird aber leider einigen vorgeworfen 5/25
2) Kinder sind weniger gefährdet, das Risiko ist genauso berechenbar wie andere reale Risiken auch. Schulöffnung ist beherrschbar!
Diese Position, die ich bei @ChanasitJonas oder @apsmunro zu sehen glaube, beruft sich klar auf die medizinischen Fakten und Evidenzen. 6/25
Geringere #Sterblichkeit, mildere #Verläufe, bisher kaum #Spreading-Ereignisse in Schulen weltweit stützen diese Position zweifelsfrei und lassen sich auch nicht durch Einzelfälle widerlegt, da diese ja mit keiner Silbe geleugnet werden. Niemand zweifelt in dieser… 7/25
…Position an, dass es Infektionen, Ansteckung und auch einzelne schwere Verläufe bei Kindern grundsätzlich gibt. Angezweifelt wird, dass die sozialen und psychischen Folgen in einem Verhältnis zum Risiko stehen, da andere Risiken auch zu unserem Leben gehören. 8/25
Die Position wird oft scharf angegriffen, da offenes Aussprechen, dass man ein (eher geringes) Risiko für Kinder in Kauf zu nehmen bereit ist, sofort auf die moralische Ebene gezogen wird – die nüchterne Betrachtungsweise ist erschreckend, aber inhaltlich kaum zu widerlegen. 9/25
3) Unter klaren Strukturbedingungen könnte die Schulöffnung verantwortungsvoll durchgeführt werden!
Dieser Position ist das Papier der #GfV zuzuordnen, als Vertreterin im Diskurs sicherlich @CiesekSandra und wenn ich ihn richtig verstehe auch @c_drosten. 10/25
…und auch wenn es anmaßend ist, sich selbst in einen Atemzug mit diesen Namen zu stellen, so ist auch meine Position hier zu verorten.
socialnet.de/materialien/at…
Innerhalb dieser Position wird die #Schulöffnung grundlegend als notwendig betrachtet und befürwortet, 11/25
…allerdings werden doch erhöhte Herausforderungen als unabdingbar beschrieben, u.a. Abstand, Lüftungsmöglichkeiten, Kleingruppen-Kohortierung, gesicherte und geplante Teststrategie, Kontaktverfolgung – in Details unterscheiden sich die Konzepte, aber das Mindestmaß gilt. 12/25
Inhaltlich ist diese Position nicht so weit weg von der 2), wird aber im Diskurs immer gerne weit von ihr weggetrieben, da in der Realität eben alle diese Forderungen nicht umgesetzt sind, und daher ihre Vertreter*innen zur Vorsicht mahnen bzw. warnen. Das wird gerne mal… 13/25
…interpretiert, als sei man gegen Schulöffnung. Dies ist natürlich nicht richtig, grundlegend wird diese befürwortet, aber es werden klare Bedingungen formuliert, da die Vertreter*innen das Risiko als unberechenbarer einschätzen als die Vertreter*innen der 2. Position. 14/25
Und schließlich:4) Es gibt Risikogruppen, die besonderen Schutz brauchen, die dürfen nicht gezwungen werden
Diese Position ist grundsätzlich nicht im Widerspruch zur dritten, sondern fordert schlicht Partizipation und Selbstbestimmung für Eltern, deren Kinder oder andere… 15/25
…Angehörige sowieso schon gesundheitliche Probleme haben und die das Risiko durch #Corona für IHRE Familie für unkalkulierbar halten. Diskursanalytisch müsste man hier die Frage stellen: Was ist so schwer daran, zu akzeptieren, dass Menschen, die sowieso schon in größeren…16/25
…Ängsten um ihre Lieben leben als der Durchschnitt, starke Angst vor #SARS_CoV_2 haben? Warum ist es so wichtig, diese Ängste zu brechen und sie den Betroffenen vorzuwerfen? Dass diese Gruppe die aktuelle Situation nicht erträgt, ließe sich doch verstehen und ist auch… 17/25
nicht durch den Verweis aus Influenza zu beschwichtigen. Es ist im fachlichen Diskurs kaum zu erklären, warum diese Gruppe derart stigmatisiert wird.
Von dieser Gruppe abzugrenzen wäre die fünfte Position, mit der sich aus der Not heraus aber leider oft solidarisiert wird: 18/25
5) Schulöffnung ist gefährlich und unverantwortbar! Abschaffung der Präsenzpflicht (der Schulpflicht?) ist unabdingbar!
Diese Position wird weniger in der Fachwelt vertreten – jedenfalls ist mir kein Fachvertreter bekannt. Hier mischen sich Menschen mit ernsthaften… 19/25
…Ängsten mit Menschen, die seit langem die Schulpflicht und das Schulsystem ins Visier genommen haben. Der Diskurs mit dieser Position zeigt sich aus fachwissenschaftlicher Sicht als schwierig, da die Bereitschaft, Fakten zu ignorieren, doch deutlich ausgeprägt scheint… 20/25
Sollte es auch nur einen COVID19 Todesfall im Zusammenhang mit Schule geben, wird diese Position sich bestätigt fühlen – unabhängig von der Frage, wie viele Opfer andere Dinge (wie die Kinder mit dem Auto zur Schule zu bringen) gefordert haben. Positionen 1) & 5) scheinen… 21/25
…schwer in den Diskurs integrierbar, vor allem, weil die Bereitschaft zur Beschimpfung („Sie opfern die ganze Gesellschaft…“ „Sie haben Menschenleben auf dem Gewissen…“) sehr ausgeprägt ist. Dennoch sehe ich eine zentrale Herausforderung: 22/25
Wir werden uns auf die Suche nach dem „Missing Link“ machen müssen zwischen dem individuellen Risiko (ich möchte keinen Corona-„Fall“ in meiner Familie!) und dem statistischen Risiko (Schulen sind eher keine Super-Spreader/ der gesell. Preis für geschl. Schulen ist zu hoch) 23/25
Ich persönlich glaube, dieser „Missing Link“ wird nicht in Zahlen oder Ereignissen selbst zu finden sein, so viele wir auch noch produzieren werden, sondern in Modellen, in denen medizinisches Wissen mit pädagogischem und psychologischem Wissen interagieren muss 24/25
Insofern brauchen wir neue Formen eines systematic Reviews des aktuellen Wissenstandes (Experimente halte ich für riskant; s. Pos. 3) mit der Frage nach dieser Schnittstelle – Bitte kein Ping-Pong von Statistiken und Einzelereignissen, bei dem es keine Gewinner geben kann - ENDE

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