Eine Frage der Gerechtigkeit: Dürfen in der aktuellen #COVID19-Pandemie Minderheiten geschädigt werden? 1/17
Vorbemerkung 1. Dieser Thread beruht sehr grob auf Gedanken die John Rawls in seiner "Theorie der Gerechtigkeit" dargelegt hat. 2/17
Vorbemerkung 2. Ich habe Philosophie im Nebenfach bis zum Vordiplom studiert und würde mich als interessierten Laien bezeichnen. 3/17
Im Folgenden soll untersucht werden, ob es in der Pandemie prinzipiell erlaubt sein sollte, Minderheiten (oder Einzelne) für das größere Gemeinwohl zu schädigen, etwa in dem fast alle Pandemiemaßnahmen in Kürze aufgehoben werden. 4/17
Utilitarismus. Dahinter steht die Idee, dass der Nutzen für eine Gesellschaft maximiert werden könnte. Diesen sogenannten „Utilitarismus“ hat John Rawls kritisiert. 5/17
Fernfolgen. Für eine gesellschaftliche Nutzenmaximierung müssten ALLE möglichen Pandemiefolgen bekannt sein. Dies ist etwa für #Longcovid nicht bekannt. Es ist z.B. (noch) unbekannt, wie reversibel Schädigungen des Gehirns sind, die auch bei leichten Erkrankungen auftreten. 6/17
Vergangenheitsorientierung. Eine algorithmische Nutzenmaximierung muss weitestgehend auf den Prinzipien der Vergangenheit erfolgen. Etwa Kipppunkte von dynamischen (Pandemie)Systemen können so nicht berücksichtigt werde. 7/17 Möglicher Kipppunkt:
Verzerrte Entscheidungsperspektive. Demokratische Entscheidungsträger orientieren sich an den Stimmen „aus dem Volk“. Obwohl Maßnahmengegner in der Minderheit sind, sind sie protestbereiter und lautstarker. 8/17
Siehe etwa die Cosmo-Studie:
Verrechnungsprinzip 1. Oft lese ich: „Gruppe X hat nun 2 Jahre lang im Rahmen der Pandemie verzichtet und sollte jetzt wieder alle Möglichkeiten (wie vor der Pandemie) bekommen. Der Schutz von Minderheit Y sollte deshalb aufgehoben werden. 9/17
Verrechnungsprinzip 2. Dabei sind die Bedürfnisse von Gruppe X in der Regel nicht mit den Bedürfnissen von Minderheit Y vergleichbar. 10/17
ostprog.de/infektionsschu…
Verrechnungsprinzip 3. Während es in Gruppe x vielleicht um das Maskentragen geht, geht es #Schattenfamilien mit immunsupprimierten Mitgliedern um minimale gesellschaftliche Teilhabe (z.B. Besuch des Supermarktes) oder schlicht um das Überleben einzelner Familienmitglieder. 11/17
Verrechnungsprinzip 4. Selbst der inzwischen etablierte Maßstab einer "gesellschaftlichen Teilhabe" greift hier zu kurz, wenn es um Tod oder #Longcovid mit vernarbten Lungen oder Herzen sowie dauerhaft geschädigten Gehirnen geht. 12/17
Auch Nutzen als subjektives Glück oder subjektive Interessen zu definieren, bringt kaum weiter: der eine empfindet Befriedigung bei der Hilfe von Flüchtlingen, der Nächste empfindet Glück, wem er 200 auf der Autobahn fährt. 13/17
Selbst wenn der Nutzen auf Individualebene erfasst werden könnte, wäre dies nur qualitativ aber kaum quantitativ möglich. (Was die Voraussetzung für eine Nutzenmaximierung wäre.) 14/17
Individuelle Schicksalsschläge werden von einer Nutzenmaximierung nicht berücksichtigt. Es sollte überlegt werden, wie besonders Gefährdete in systematisch geschützt werden können, etwa durch den gesicherten Zugang zu antiviralen Medikamenten oder monoklonalen Antikörpern. 15/17
Fazit 1. Gerechtigkeit kam nur erreicht werde, wenn ALLE Menschen die Chance haben, mit einer Reduktion der Schutzmaßnahmen gut klar zu kommen. 16/17
Fazit 2. Diese Chancengleichheit muss systematisch vorbereitet und hergestellt werden. VOR einer Aufhebung von Schutzmaßnahmen. 17/17

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