"Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe": #Bevölkerungsschutz und eigene Resilienz.
Einsatzkräfte rücken aus, um anderen zu helfen. Doch wie gut sind wir selbst aufgestellt? Ein Thread über brennende Feuerwehrwachen, weggeschwemmte Fahrzeuge und eigene Resilienz:
Es liegt in der Natur unseres Auftrages "Bevölkerungsschutz", dass Einsatzkräfte eher dann gefordert sind, wenn es ungemütlich wird: Brände, Überschwemmungen, Pandemien oder Ausfall von kritischer Infrastruktur wie Strom & Wasser.
Daher sollte man annehmen, dass die Einrichtungen des Bevölkerungsschutz besonders gegen solche Ereignisse abgesichert sind. Spoiler:
Theoretisch ja, praktisch nein.
Für Feuerwehrwachen besteht mit der DIN 14092 seit 1979 eine explizite Norm zur Planung von Feuerwehrgerätehäusern. Diese wurde in der Zeit mehrfach neu aufgelegt, zuletzt 2001 und 2012. Dort heißt es: "Feuerwehrhäuser sind Bestandteil kritischer Infrastrukturen, bei deren
Ausfall oder Beeinträchtigung erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit eintreten würden, und bedürfen deshalb eines inneren und äußeren Schutzes. Die Beibehaltung der Funktionsfähigkeit muss auch bei extremen Umweltbedingungen wie Hochwasser, Sturm, Erdbeben,
extremen Schnee- und Regenfällen gewährleistet sein. [...] Feuerwehrhäuser sind nach den Vorgaben der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) zu planen."
Diese DIN gilt natürlich nur für Neu- und Umbauten, d.h. historisch gewachsene Strukturen genießen Bestandsschutz.
In den letzten Jahren ist eine deutliche Häufung von Bränden in Feuerwachen zu bemerken, z.B. stern.de/news/braende-f…
Grund dafür ist eine Zunahme an Ladegeräten in und Ladeerhaltungen an Fahrzeugen. Eine Pflicht, dass Feuerwachen über #Rauchmelder oder #BMA verfügen müssen,
besteht nicht. Und so wird aus einem defekten 2 € Ladegerät, das im Geräteraum eines Fahrzeuges vor sich hin kokelt, ein fulminanter Brand einer Feuerwache mit dem Verlust von Einsatzfahrzeugen. Einige Feuerwehren installieren mittlerweile Rauchmelder auch in den Fahrzeugen.
Bei Rettungswachen gilt analoges. Dort besteht die DIN 13049:2017 als Bemessungs- und Planungsgrundlage. Aber auch hier keine BMA-Pflicht und natürlich Bestandsschutz, aber auch hier der Verweis auf kritische Infrastrukturen. Rauchmelder mindestens auf Fluren und Ruheräumen
DIN 13049: "Rettungswachen sind nach den Vorgaben des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG), der Verordnung über Arbeitsstätten (ArbStättV) und der Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR) zu planen."
Sowohl Feuerwehrwachen als auch Rettungswachen referenzieren hier auf die gesetzlichen Mindestanforderungen. Zusätzlich besteht mit der DGUV-Information "Sicherheit im Stützpunkt einer Hilfeleistungsorganisation" ein maßgeschneidertes Paket an Anforderungen durch die DGUV.
Hier kommt dem Betrieb, der Fachkraft für Arbeitssicherheit, Betrieb, Mitarbeitervertretung etc eine große Mitverantwortung zu. Im Kontext von ehrenamtlichen Einsatzkräften bestehen aber solche Institutionen ggf. nicht oder nur rudimentär.
Im Spannungsfeld zwischen finanziellen Nöten, öffentlicher Verwaltung, Träger Rettungsdienst, Leistungserbringer werden notwendige Investitionen in Infrastrukturen gerne aufgeschoben. Bestehen Defizite, so gibt es keine Kontrollinstitution und oft keine Hebel, diese abzustellen
Einzig über Ausschüsse oder Rettungsdienst- oder Brandschutzbedarfsplan gibt es Möglichkeiten, solche Defizite dann strukturell abzubauen: nrz.de/staedte/essen/…
Eine Übersicht, ob eine Feuer- oder Rettungswache in einem Erdbeben- Hochwasser oder sonstigem gefährdetem Gebiet gebaut ist, besteht mWn nicht. Und so gab es während des #Hochwasser auch Fahrzeuge, die in den Wachen vom Wasser zerstört wurden.
#Strom und #Stromausfall. Einsatzkräfte müssen ausrücken können - und nicht vor geschlossenen Türen stehend auf Fahrzeuge hinter geschlossenen Toren warten. Daher müssen für Feuer- oder Rettungswache "Einspeisemöglichkeiten" für mobile Stromerzeuger vorhanden sein.
In Rettungswachen muss auch ein mobiles Aggregat oder stationäre NEA vorhanden sein. In Feuerwachen muss die Notwendigkeit einer NEA nachgewiesen werden, zusätzlich ist eine USV vorzusehen. Hinweise zum Notstrom in folgender Publikation: kritis.bund.de/SharedDocs/Dow…
#Trinkwasser und #Trinkwasserausfall sehen sowohl Rettungs- als auch Feuerwehrwachen nicht als Szenario vor. Es sollte zum Standard werden, dass im Sinne der Leuchtturmkonzepte (Wachen werden im Falle des Falles zu lokalen Anlaufstellen) alle Wachen über #Notbrunnen @BBK_Bund
verfügen. Das wäre auch für z.B. die #AKNZ auch sinnvoll: rhein-zeitung.de/region/rheinla…
Gleiches gilt auch für die Vorhaltung von Toiletten. Aber dazu hier mehr:
Die Normen sind eigentlich gut. Wird nur leider nicht flächendeckend kontrolliert und umgesetzt. Grade im Rettungsdienst wäre durch z.B. Ausschreiberegularien ein Hebel da, um eine Vergabe von RD-Leistungen nur an Betreiber zu vergeben, deren Rettungswache der DIN 13049 entsprich
Das war es auch schon. Haaaaaaaaaaaaaaalt - was ist mit Katastrophenschutzwachen?!?
Dazu heißt es lapidar in der 13049: "Diese Norm gilt nicht für [...] ehrenamtliche Katastrophenschutzstützpunkte."
Für alles, was also Sanitätsdienst, Betreuungsdienst, Bergwacht, Wasserrettung oder ähnliches im ehrenamtlichen Bereich ist, gilt erstmal keine DIN-Norm für Planungen - einzig die DGUV Information uv-bund-bahn.de/fileadmin/Doku… oder interne Regularien
Dabei besteht mit "Basisschutz für Katastrophenschutz- und Hilfsorganisationen" bildungsinstitut-rlp.drk.de/fileadmin/Down… seit 2005 eine sehr gute und kurze Checkliste für Resilienz am eigenen Standort.
Es wäre ja für die unteren Katastrophenschutzbehörden ein leichtes, eine solche ausgefüllte Checkliste zur Resilienz von Katastrophenschutzwachen aktiv einzufordern und zu prüfen. Da in solchen Wachen auch Fahrzeuge stehen, die mit Steuergeldern finanziert werden,
besteht mit den "Bewirtschaftungsrundschreiben" von Bund und Ländern auch die Möglichkeit, Resilienz und Arbeitsschutz zu fordern und zu fördern. Das wird aber nicht mehr mit einer Fallpauschale von Bund/Land/Kommune pro Fahrzeug gehen, sondern wird gemeinsame Anstrengungen
auch von den KatS Wachen Inhabern (z.B. Hilfsorganisationen) erfordern. Infrastrukturelle Resilienz ist ein dickeres Brett, das wird nicht mal eben so im Vorbeigehen lösbar sein - und es wird Geld kosten. Dieses Geld ist aber in Resilienz gut angelegt. Danke für's lesen.
Auf besonderen Wunsch von @Kaspar0815: hier der gewünschte Thread über eigene infrastrukturelle Resilienz von Einsatzkräften
Diese Checkliste "Basisschutz für Hilfsorganisationen" wurde vom @BBK_Bund in Zusammenarbeit mit allen Hilfsorganisationen erarbeitet - und sollte daher Akzeptanz auf allen Ebenen finden.

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More from @JvondenBerken

13 Sep
#PSNV #Belastung #Einsatzkräfte zu 'moralischer Verletzung'. Ein extrem lesenswerter Artikel von @samelou
Dieser bietet auch eine gute Erklärung, warum es Einsatzkräften missfällt, wegen mangelhafter Koordinierung und Kommunikation nicht oder nicht geeignet eingesetzt zu werden
Grade im Kontext #Hochwasser und #Ahrtal gab es diverse Berichte über Einheiten, die ihren Einsatzauftrag erweitert oder selbst definiert haben und sich so in den Einsatz gebracht haben.
Insbesondere Zuständigkeitsbefindlichkeiten (z.B von Gebietskörperschaften) oder politische (Nicht-)Entscheidungen sind prädestiniert dafür, diese moralische Verletzung bei Einsatzkräften und engagierten Spontanhelfern hervorzurufen.
Read 9 tweets
13 Sep
Ausstattung im #Bevölkerungsschutz fehlt: 25 % des angestrebten Bestandes fehlen. Klingt beunruhigend? Ist es auch. Ein Thread zu Fahrzeugbeschaffung im Bevölkerungsschutz:
Ich beginne mal mit dem offensichtlichem: Öffentliche Beschaffungen in dieser Größenordnung bedingen Ausschreibungen. Ausschreibungen erfordern ein sehr detailliertes Lastenheft und gute Vorbereitung. Der Gewinner der Ausschreibung wird v.A. über den Preis (oft >50%) ermittelt
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26 Aug
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17 Aug
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Das lebenswichtige Element. Bei Verschmutzung oder Ausfall treten sofort Probleme bei der Bevölkerung und bei Krankenhäusern auf. Doch was gibt es an Fähigkeiten im Bevölkerungsschutz? Ein Thread: 1/
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15 Aug
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Ein sehr langer Thread: 1/24
Seit jeher sind in den Katastrophenschutzeinheiten modulare Küchen zu finden, die die Einheiten dazu befähigen abseits von Infrastrukturen eine Verpflegungsherstellung und -ausgabe zu organisieren. Diese sogenannten "Feldküchen" sind oftmals unverwüstliche Anhänger aus den 2/n
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