Eigentlich hatte ich nicht vor, in die ganze #lableak-Diskussion einzusteigen– ist auch gar nicht mein Forschungsfeld, aber das ist es von fast keinem der aktivsten Diskutanten 😉

Ich möchte v.a. ein paar Dinge gerade rücken, die häufig durcheinander gewürfelt werden.

🧵1/n
Zunächst: #SARSCoV2 ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein neues Virus, d.h. eines, das vor ein paar Jahren in der Form noch nicht existierte, auch nicht in Tieren. Ähnlich sicher ist: es stammt von einem #Coronavirus aus Fledermäusen ab. Es ist ebenfalls…
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…klar, dass diese #SARS-ähnlichen Viren aus Fledermäusen erschreckend wenig genetische Veränderungen benötigen, um Menschen zu infizieren (siehe „SARS1“ aus 2003, oder auch– wenngleich kein engster SARS-Verwandter– MERS aus 2012).

Die offene und mitunter unqualifiziert…
3/n
…und laut diskutierte Frage ist nun: wie, wann und wo hat dieses Fledermausvirus die notwendigen Veränderungen erhalten? Bei SARS1 und MERS und etlichen anderen (Corona)viren ist ziemlich klar, wie die Reiseroute war, nämlich über ein weiteres Säugetier (=Zwischenwirt).

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Diese Zwischenwirte sind in molekularen Details dem Menschen ähnlicher als die Fledermaus. Das Virus vermehrt sich in ihnen zunächst leidlich, aber es vermehrt sich. Hierdurch entsteht ein hoher Selektionsdruck: Mutationen, die die Vermehrung erleichtern, haben einen…
5/n
…enormen Vorteil gegenüber dem nicht-mutierten Ursprungsvirus und setzen sich schnell durch (vergleichbares Prinzip: die erfolgreichen Alpha-, Delta- oder jetzt Omikron-Varianten ⬇️).

Nun hat man also ein Virus, dass an ein menschen-ähnlicheres Tier gut angepasst ist.

6/n
Von hier aus ist es dann also nur noch einen Schritt entfernt, das selbe Spiel im Menschen zu wiederholen. Hierzu ist es nötig, dass Mensch und Tier eng zusammen sind, so dass das Virus munter hin und her springen kann. In diesem Stadium ist z.B. MERS noch: es infiziert…
7/n
…Menschen und macht sie extrem krank, aber verbreitet sich (noch) sehr schlecht von Mensch zu Mensch, sondern nach wie vor meist von Kamel zu Mensch ⬇️. SARS1 gelang die Anpassung aber bereits sehr gut, ebenso den anderen „Erkältungs-Coronas“. Und #SARSCoV2 nun eben auch.
8/n
Nun ist die extrem wichtige Frage in der #Pandemie-Forschung: wie wahrscheinlich sind solche Übertragungen auf neue Wirte und letztlich die Anpassung des Virus an den Menschen?? Um das fundiert beantworten zu können, muss man solche Prozesse kontrolliert im Labor nachstellen.
9/n
Hierzu hat man zwei Möglichkeiten: die sinnvollste ist, ein (zB Fledermaus-) Virus in der Petrischale auf Zellen eines anderen Wirtes zu geben. Auch hier wird sich das Virus zunächst schwertun, aber wenn man ihm lange genug Zeit gibt, passiert hier das gleiche, wie in…

10/n
…der Natur: durch die exorbitant hohe Vielzahl an Mutationen, die ein RNA-Virus ständig produziert kommt es zwangsläufig auch zu solchen, die dem Virus das Vermehren in den fremden Zellen erlauben; es passt sich also an. Die angepassten Viren können nun sequenziert…

11/n
…werden. Dadurch erfährt man, an welchen Stellen im Genom wieviele Veränderungen notwendig sind, um fremde (zB menschliche) Zellen effizient zu infizieren. Je weniger das sind, desto häufiger werden solche Veränderungen auch in der Natur vorkommen, und umso höher ist...

12/n
…also die Gefahr, dass das untersuchte Tiervirus, früher oder später, auf den Menschen überspringt und einen Ausbruch bis hin zur Pandemie auslösen kann. Es braucht also solche Versuche, um das Risiko bestimmter Virenklassen besser einschätzen zu können.

Alternativ kann…

13/n
…man Veränderungen auch gezielt einführen (mittels Gentechnik), um zB zu testen, ob alleine die Bindung von Spike-Proteinen an menschliche Zellen ausreichen würde, damit das Virus sich im Menschen vermehrt (übrigens seltenst der Fall!). Solche Experimente können auch…

14/n
…aufschlussreich sein, aber sie lassen weniger Schlussfolgerungen bzgl. der Wahrscheinlichkeit für eine natürliche Entstehung solcher Veränderungen zu.

All diese Experimente (Anpassung auf fremden Zellen; gezielte Veränderung) fasst man unter der Begriff #GainOfFunction

15/n
…zusammen. „Gain of function“ ist also an sich definitiv nichts Verdammungswürdiges und hat im o.g. Kontext keinerlei sinistren Hintergrund. Im Gegenteil: wenn man künftige Pandemien vermeiden möchte, ist das Wissen aus solchen Forschungen extrem wichtig.

16/n
Wenn nun also auch hocherfahrene und seriöse Forscher angeführt werden, die es für möglich (manche mittlerweile sogar: wahrscheinlich) halten, dass #SARSCoV2 „aus dem Labor stammt“, dann meinen sie das versehentliche Entkommen eines Virus aus *solchen*, an sich sehr…

17/n
…sinnvollen, Experimenten. Das Schwierige hierbei: die Anpassungen, die das Virus aufweist, können also gleichermaßen in der Natur entstanden sein, wie auch im Labor (s.o.). Für sich genommen sind sie kein Beweis für die eine oder andere Entstehung ⬇️. Das herauszufinden…
18/n
…ist eher eine forensische/kriminalistische Ermittlung. Das hat auch @c_drosten im Interview kürzlich– das kann nur in und mit China aufgeklärt werden.

Eine letzte Möglichkeit, die vor allem in fachfernen Kreisen gerne auch mal in die Diskussion geworfen wird, ist die…

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…gezielte und willentliche Konstruktion und Herstellung von SARS-CoV2 im Labor, z.B. als Biowaffe, und dann die versehentliche oder gar absichtliche Freisetzung. Selbstverständlich ist selbst das nicht 100%ig ausgeschlossen, aber dermaßen abwegig und unwahrscheinlich,…

20/n
…dass es (mW) von wirklich keinem/r fachnahen und seriösen Experten/in überhaupt diskutiert würde. Ein designtes Virus würde nach wirklich allem Dafürhalten einfach ganz anders aussehen und klare Spuren in der Genomsequenz aufweisen. Zudem wäre es sicherlich von Anfang an…
21/n
…bereits deutlich besser an den Menschen angepasst gewesen, als es das ursprüngliche SARS2 war. Diese Theorie ist also wirklich so abwegig, dass man sie getrost vergessen kann.

Ich hoffe, dass diese laange Ausführung dem ein oder der anderen ein wenig Licht ins…

22/n
…Gain-of-Function-Lab-Leak-Dunkel bringen konnte, so dass man die vielen öffentlichen Äußerungen und Diskussionen ein wenig besser für sich selbst einordnen kann.

Und ein letzter Punkt mit auf den Weg: egal, wie das Virus entstand– am Verlauf der Pandemie und den nötigen…

23/
…Eindämmungsmaßnahmen ändert das alles nichts! Wir müssen jetzt mit dem Virus umgehen und einen Weg raus aus der Pandemie finden. Nur für die Vermeidung künftiger Pandemien ist die Aufklärung der Herkunft von #SARSCoV2 wichtig– u.U. sogar mittels gain-of-function-Studien!
24/24
PS: Kurzer Disclaimer– ich selbst habe keine Projekte in die Richtung Zoonosen und gain-of-function.
PPS: Hier noch ein sehr gelungenes Interview mit Silke Sterz @UZH_Virology zum Thema „gain of function“-Forschung und vieler Missverständnisse, die es darum gibt:
PPPS: Ich hänge hier noch den Link auf einen ganz frischen langen und wirklich guten Artikel im Scientific American @sciam an, den ich wirklich nur empfehlen kann (allerdings 🇬🇧): scientificamerican.com/article/the-la…
4PS: gerade erschienener, ausführlicher Bericht über mehrere engstens mit #SARSCoV2 Verwandten Fledermaus-#Coronaviren aus Laos. Laos liegt süd(west)lich von China, nahe Guangdong, wo der bisher nächste Verwandte, RaTG13, gefunden wurde.

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Nov 3, 2022
Und hier nochmal zum selben Thema wie gestern vom anonymen Mäuschen (das übrigens im echten Leben auch gestandener Wissenschaftler ist!) heute von Emanuel ⬇️

Um das klar zu sagen: wieviel es epidemiologisch brachte, #Kitas und Grundschulen zu schließen, und ob es…

1/n
… unter Abwägung aller Faktoren (inkl. entwicklungspsychologischer, sozialer, ökonomischer [arbeitende Eltern!], …) sinnvoll war– das ist eine ganz andere Frage.

Aber die aktuell häufig zu lesende Darstellung „Ich und die Kinderärzte haben es ja schon 2020 gesagt:…

2/n
…Kinder spielen keine nennenswerte Rolle im Pandemiegeschehen!“, das ist einfach (häufig: selbstgefälliger) Quark. Auch die akt. Studie sagt genau das *nicht*– wo viele Kontakte stattfinden, wird das Virus selbstverständlich effizient verteilt!

Ob das Kita-*Schließungen*…

3/n
Read 5 tweets
Oct 11, 2022
Große Metastudie zu #LongCOVID (54 Einzelstudien, 1,2 Mio Patienten):

- ca. 5% (Männer) bis 10% (Frauen) leiden 3 Mon. nach #COVID19 noch an Symptomen, also an longCOVID (bzw #PostCovid)

- Mittlere Dauer der Symptome 4 (bei nicht hospitalisierten) - 9 (bei hosp.) Monate

🧵1/4
- ca 15% der longCOVID-Patienten litten auch nach 12 Mon. noch an mind. einem Symptomkomplex (also <1% aller betrachteten COVID-Patienten); manche hiervon dürften chronisch bleiben.

2/4 Image
Anmerkungen:

- betrachtet wurden „Symptomkomplexe“, die verschiedene Einzelsymptome vereinen

- andere Symptome wurden nicht betrachtet (geplant für künftige Updates der Studie): Kopfweh, Schlaflosigkeit, Geruchs-/Geschmackverlust, Schlaganfall, …

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Read 4 tweets
Sep 27, 2022
Hier eine Studie aus Dänemark, die sich Ansteckungen im Haushalt (mutmaßlich häufigster Ansteckungsort) anschaut. Steckte ein Infizierter mit #Delta noch 21% der Mitbewohner an, waren es mit #Omikron 31%!

Spannend auch: Geimpfte steckten sich nur ~halb so oft an!

🧵1/2
Nicht nur das– Geimpfte waren auch weniger infektiös und stecken ihrerseits weniger Haushaltskontakte an, wenn sie infiziert waren (Durchbruchsinfektion)!

Zeigt schön & in real life: #Impfung verhindert nicht „nur“ schwere Verläufe, sondern ist sehr wohl auch Fremdschutz!
PS: der ganze Thread ist lesenswert, am Ende gibt es auch eine schöne Diskussion zu möglichen Schwächen. Ich streiche noch heraus: Genesen galt hier als Geimpft; Zeit zwischen letzter Impfung und Ansteckung ging nicht in Analyse ein (Dauer des Ansteckungs-Schutzes).
Read 6 tweets
Sep 22, 2022
Spannende Daten zur Immunität nach #Omikron Infektion in Geimpften! Außerdem Tests des BA.4/5-angepassten #Booster in 2x „Wildtyp“ geimpften Mäusen. Vor allem bzgl. der Frage der „Immunprägung“ erhellende Studie mit vielversprechenden Ergebnissen!

doi.org/10.1101/2022.0…

🧵1/7
In aller Kürze die für mich wichtigsten Erkenntnisse:

1) Durchbruchsinfektion mit #BA4/#BA5 führt zu hohen Antikörpern-Titern gegen #Omikron (auch BA.1 und 2)! Das heisst die Befürchtung, eine Omikroninfektion würde keinen Immunschutz auslösen trifft nicht zu!

2/
Die Befürchtung der „Immunprägung“: durch die 3x-Impfung mit Wildtyp würden bei Omikron-Infekt ausschließlich Gedächtniszellen gegen WT reaktiviert. Die Studie schaut aber erst 1-2 Monate nach Infektion und siehe da: das Immunsystem entwickelte Omikron-spezifische B-Zellen!

3/
Read 10 tweets
Sep 20, 2022
Wow, ich kam erst jetzt dazu, Ihren Thread zu lesen und kann nur sagen: Danke! Top!

Das ist im Prinzip genau das, was ich mit meinem „Gedanken“ (in ihrem ersten Tweet zitiert) gemeint habe aber nicht ins Detail ging: möglicherweise nähert sich Omikron dem Gipfel.

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Das Modell der „Fitness-Landscape“ / „Sequence-Space“ ist eine tolle Erfindung– ich hätte allerdings das Optimum in ein Tal gezeichnet, da es „einfach“ erreicht wird, über einen Berg muss man sich quälen (zB in immunschwachen Langzeitinfzierten)– aber das ist nebensächllich.

2/5
Und es ist genau, wie Sie sagen– ob es noch mehr (realistisch erreichbare) Optima gibt ist offen. Only time will tell. Der Punkt von Björn in den Drukos ist aber wichtig: die Landschaft ist nicht statisch: durch Bevölkerungsimmunität verändert sie sich ständig,…

3/5
Read 5 tweets
Sep 20, 2022
Ich werfe mal so einen Gedanken in die Runde– „konvergente Evolution“ bedeutet, dass das Virus nicht mehr viele Freiheitsgrade hat, um ohne allzu große Fitnesskosten den Antikörpern zu entkommen. Das ist, was man erwarten würde und eigtl. eine gute Nachricht.

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Übrigens etwas, das man auch schon mit dem ursprünglichen „Serotypen“ gesehen hat– immer wieder überall auf der Welt ähnliche Spike-Mutationen. #Delta war da das (vorläufige) Optimum und konnte nur durch einen ganz neuen Serotypen (#Omikron) verdrängt werden.

2/3
Kann also heissen, dass sich #Omikron auch so langsam auf das Ende der Fahnenstange zubewegt. Ob dann abermals eine ganz neue Linie (Serotyp) auftaucht, muss man abwarten– unendlich kann das Spike nicht so einfach weitermutieren ⬇️ (ganzer Thread lesenswert!).

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