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#Studierende vs. Studenten. Jetzt habe ich aus Neugier doch mal Google Books bemüht, und nein: "Studierende" ist keine neuartige Erfindung. Es war spätestens seit dem späten 18. Jahrhundert ein einigermaßen übliches Wort. 1/2
Hier z.B. ist ein Bericht über die Entwicklung der Zahlen der, ja, Studierenden an der Universität Jena, für die 1780er Jahre. archive.org/details/bub_gb… 2/3
Im "Zedler", dem anspruchsvollen (und von Plagiatsvorwürfen geplanten) "Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste" heißt der entsprechende Eintrag ganz selbstverständlich "Student, Studenten, Studirende". zedler-lexikon.de/index.html?c=b… - wir sind da im Jahre 1744. 3/4
Dem Adelung nach (als einem der ersten deutschen Wörterbücher) war "Studierende" eine feinere Formulierung als das alltäglichere "Studenten". archive.org/details/Adelun… - das war 1801. 4/5
Gemeint waren beim Adelung (siehe Zitat) "Jünglinge", die studieren - klar, um studierende junge Frauen brauchte man sich damals noch keine Gedanken zu machen. Dass ist ja (habe ich glaube ich von @astefanowitsch ) auch das Absurde am angeblichen generischen Maskulinum. 5/6
Dass es unterstellt, die Menschen hätten sich großartig Gedanken darüber gemacht, dass Frauen mitgemeint seien, zu einer Zeit, zu der Frauen auf alle Fälle *nicht* mitgemeint waren. 6/7
Deutlich später kommt als Klassiker das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm. Hier ist der Ausschnitt aus der schönen digitalisierten Version der Universität Trier, gefördert von der @dfg_public woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz… 7/8
Da es hier um Band 20 geht, waren die Brüder Grimm zum Zeitpunkt der Veröffentlichung allerdings schon knapp 80 Jahre tot. Der Band erschien in gedruckter Version 1942, dürfte sich von den Belegen her aber wohl noch auf die Zettelsammlung der Grimms stützen. 8/9
Interessant das letzte Beispiel: "heute setzt es sich als bequemes commune in der amtssprache zur gattungsbezeichnung durch: an die studierenden der universität Breslau statt an die studenten und studentinnen." 9/10
Interessant daran zweierlei: Erstens dass niemand das generische Maskulin bemüht, sondern die Breslauer Uni Studenten und Studentinnen ganz selbstverständlich getrennt anspricht, bzw. eben bequemer als "Studierende". 10/11
Wobei wir 1942 ja nun wirklich nicht in einer soooo progressiven Zeit sind. Aber das Wort Studierende wurde ja auch sonst benutzt. Und dass es Studentinnen mit einschloss, war bequem. 11/12
Wenn man bei Google mal Jahrzehnteweise sucht, kommt man auf eine ganze Reihe von Büchern für Studierende. Hier ist mal eine Auswahl für die 1950er Jahre. google.com/search?q=studi… 12/13
Sprich: Das Wort "Studierende" gibt es offenbar ähnlich lange wie "Studenten". Zeitweise galt es als feiner. Spätestens ab den 1940er Jahren war es eine bequeme Art und Weise, gleichzeitig Studentinnen und Studenten anzusprechen. 13/14
Lasst euch nichts vormachen von Leuten, die das Wort jetzt madig machen wollen und dazu seine Geschichte vernachlässigen. "Studierende" ist keine Neubildung. Und auch als Sammelbezeichnung für Studentinnen und Studenten ist es mehr als 75 Jahre alt. 14/15
Seit rund 275 Jahren haben eine Reihe gebildeter Menschen kein Problem damit gehabt, das Wort zu verwenden. Im Gegenteil, s. Adelung. Wer jetzt wahrheitswidrig so tut, als sei das Neuerfindung / neuere Entwicklung, will euch für dumm verkaufen. Oder hat selbst keine Ahnung. 15/15
Nachtrag: Da öfter der Einwand kam, "Studierende" sei der Grammatik nach falsch, das sei Partizip Präsens, bezeichnete also nur diejenigen, die jetzt gerade in diesem Moment am Studieren seien. 16/15
Abgesehen davon, dass "Student" sich auch aus dem (lateinischen) Partizip ableitet, in dieser Hinsicht also nicht richtiger ist: Dem Alltagsgebrauch von "studieren" nach ist es sogar richtig! Wenn ich jemanden frage, was er oder sie denn gerade so mache, bekomme ich 17/15
in dem entsprechenden Falle ja durchaus zu hören "Ich studiere Jura/Medizin/Physik". Da sagt auch niemand "Nee, tust du ja gar nicht, du stehst hier auf einer Party 'rum und redest mit mir!" 18/15
Sondern da wird studieren auch in diesem Teil des Alltagsgebrauchs allgemeiner verstanden. Studieren heißt nicht, jetzt in diesem Moment in ein Fachbuch vertieft dazusitzen. Sprich: in dem Kontext passt das Partizip zur Alltagsbedeutung des Verbs. 19/15
...und wer danach immer noch auf Sprachlogik abheben will, möge sich doch bitte erstmal an der abstrusen Konstruktion "zur Schule gehen" abarbeiten. "Ich gehe noch zur Schule" ist ja nun sowas von unlogisch! 20/15
Vorhin hat @WMKstudium noch den schönen Begriff des/der Vorsitzenden ins Spiel gebracht. Ein Beispiel, an dem man ebenfalls sieht: auch so ein Partizip kann etwas ausdrücken, das über momentane Handlungen hinausgeht. Sobald das entsprechende Verb ("vorsitzen", oder eben 21/15
"studieren") den Sprung von momentaner Tätigkeit (jetzt gerade vorsitzen, jetzt gerade Studientätigkeiten durchführen) zu allgemeinerer Bedeutung (abstrakt den Vorsitz eines Gremiums innehaben, derzeit einen Studiengang absolvieren) geschafft hat. 22/15
Hier ein interessanter Link von @jocoko1 dazu, dass das generische Maskulinum in der Tat in den Grammatiken eher neueren Datums ist. Offenbar nix von wegen "waren schon immer mitgemeint". 23/15
Hier noch ein Link auf ein Buch, in dem Alexander von Humboldt den Begriff "Studierende" verwendet: books.google.de/books?id=EHEfx… - via @m_pfaffenzeller (danke!) 24/15
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