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Aktuell gibt es unter Gehörlosen Protest gegen „das Musikdolmetschen“. Ein Thema, das in den vergangenen Jahren immer mal wieder für Aufregung gesorgt hat. Ich möchte gern mal versuchen, das zusammenzufassen, dass man sich ein etwas differenzierteres Bild machen kann:
Ich lasse das Taggen der Beteiligten bewusst aus, es kann sich jeder in die Diskussion einschalten und sagen „hi, das bin ich“ oder so. Quotetweet, Drunterkommentar usw., wie ihr wollt. Nun zum eigentlichen Hintergrund der Sache:
Eine hörende Dolmetscherin bietet seit einigen Jahren das Verdolmetschen von Musik in Deutsche Gebärdensprache (DGS) an. Das stößt bei manchen Gehörlosen sauer auf, weil sie hier eine „kulturelle Aneignung“ ihrer Sprache sehen. Nun, warum „hörende“ Dolmetscherin?
Es gibt nämlich auch taube Dolmetscher*innen (GSD), ein relativ junges Berufsfeld. Gemeinhin ist es üblich, dass Dolmetscher*innen *in* ihre Erstsprache (die sog. „Muttersprache“) dolmetschen. Bei Gebärdensprache ist das etwas komplizierter.
Gehörlose können nicht ohne Weiteres aus einer Laut- in eine Gebärdensprache dolmetschen. Dazu braucht es Leute, die spiegeln. Also Lautsprache hören, diese in Gebärden verdolmetschen, die tauben GSD verdolmetschen diese wiederum noch mal in DGS,...
...aber eben auf muttersprachlichem Niveau. Der Konsens ist, dass das für Gehörlose besser verständlich sein soll. Beim Eurovision Song Contest wurden nun - ich glaube in Wien oder Stockholm 2008? - taube GSD eingesetzt. Parallel bot der NDR in D hörende GSD an...
...es gab also quasi einen direkten Vergleich. Allerdings mit einem Unterschied: Die hörende Verdolmetschung war live, die taube „Verdolmetschung“ eigentlich eine Übersetzung, nämlich nicht live. Der ESC ist nämlich Playback. Das war eine super Gelegenheit,...
...mal einen Fuß in die Tür zu kriegen, also für die tauben GSD. Leider sind die Länder, die den ESC übernehmen, in Sachen Inklusion unterschiedlich motiviert. Nur der NDR ist da recht konstant als deutscher Sender. Ich kann mir gut vorstellen, dass vor allem dadurch...
...der Eindruck enstanden sein muss, dass hörende GSD den tauben GSD die Arbeit wegnehmen, wenn es plötzlich nur noch hörende GSD gibt beim ESC. So. Jetzt stehen also hörende GSD in der Kritik, warum man denn keine tauben GSD nehme. Man solle doch...
...den tauben GSD mal die Bühne überlassen. Beim ESC habe das live dolmetschen ja auch funktioniert, wird behauptet. Es war aber eben nicht live! Der ESC war Playback, das war da hilfreich. Für eine live-Verdolmetschung ist ein wesentlich größerer Aufwand nötig:...
... wie geht man mit Improvisationen und Bühnenanweisungen um? Wenn di*er Sänger*in jetzt „Es wurde Nacht!“ schreit und die gesamte Bühne sich schlagartig verdunkelt? Taube GSD kommen da durch die Verzögerung beim Spiegeln über die hörenden GSD nicht mit. Das muss alles geklärt..
...werden. Das bedeutet mehr Aufwand, mehr Kosten, ist schwerer zu vermitteln. Und wir stehen da vom Konzept her auch ganz am Anfang, ist mein Eindruck. Und es braucht taube GSD, die das auch machen wollen. Das sind natürlich nur Teilaspekte. Man muss auch bedenken:...
...die hörenden GSD finden viel leichter Anschluss zu hörenden Veranstalter*innen und können sich so locker Folgeaufträge sichern, sind sichtbarer. Ergeht daraus eine Verpflichtung, taube GSD oder Performer „mit hochzunehmen“? Rein moralisch-ethisch kann man schon sagen, ja...
Aber rein professionell nicht. Wenn jetzt eine bekannte Band eine unbekannte Band als Vor-Band engagiert, geschieht das aus professioneller Wertschätzung und nicht aus moralischer Verpflichtung. Allerdings haben hörende Menschen gleiche Startvoraussetzungen. Taube Menschen...
...haben gegenüber hörenden Menschen in dieser Gesellschaft immer einen großen Nachteil. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass daraus sehr viel Frust und auch Neid entsteht. Genauso bin ich mir sicher, dass viele Verletzungen stattgefunden haben...
...von hörenden Menschen gegenüber Gehörlosen, ob bewusst oder unbewusst, ob unter den aktuellen Akteuren oder in anderen Kontexten. Und ich glaube mit diesen Privilegien, die daraus entstehen, dass jemand hörend ist oder nicht, muss man sich mal auseinandersetzen...
...und es müsste mal experimentiert werden, wie eine Verdolmetschung durch taube GSD aussehen kann. Aber eine konkrete Person zu bashen, finde ich ziemlich hart. Das System muss geändert werden, und hier sind alle gefragt. Nach außen wird nämlich keiner...
...Interesse daran haben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Unbeteiligte werden von dem Protest nichts merken, nichts wissen (wollen?) und es auch nicht nachvollziehen können, was überhaupt das Problem ist: hier wird doch inkludiert? ...
Die Tauben wollen doch immer Dolmetscher*innen, nun ist es auch nicht recht? Ich kann auch mit diesem Thread nicht die ganze Dimension aufzeigen. Wenn etwas unklar ist, oder Fragen aufkommen, einfach fragen, ich versuche dann zu antworten. Korrekturen sind auch willkommen!
Der Artikel auf Taubenschlag, der zur Zeit in der Szene wie wild geteilt wird, ist übrigens rein aus Aktivistenperspektive geschrieben. Das sollte man im Hinterkopf behalten. Auch versuchen die hörenden GSD, jetzt noch einmal taube GSD ins Boot zu holen.
Ein Angebot, das schon seit einiger Zeit besteht. Mich würde mal interessieren, wer und ob sich da jemand beworben hat. Denn so vergiftet, wie die Diskussion bisher ist, kann ich mir das nur schwer vorstellen, dass da jemand über seinen Schatten springt.
Umgekehrt können die Tauben natürlich auch den Eindruck haben, dass der Aufruf zur Zusammenarbeit nur reine PR und Schadensbegrenzung ist? Tja.
Ach ja, hier der Link zu dem Artikel auf Taubenschlag: taubenschlag.de/2019/09/taube-…
Update 28. September: Es geht weiter. Erstmal Namen nennen, weil @leidmedien das im Artikel eh benennt: die hörenden Dolmetscher sind "Die mit den Händen Tanzen", hier DMDHT abgekürzt, gegründet von Laura M. Schwengber (LMS, @LMSchwengber),...
...die Protestgruppe ist "Deaf Performance Now" (DPN) (auf Twitter nicht aktiv, auf Instagram und Facebook aber zu finden) - soweit so gut? Also DMDHT, LMS und DPN. Wer es bis hier her durchgehalten hat, sollte kein Problem haben zu folgen ;)
Gut. DMDHT veröffentlicht ein Video, in dem sie den gehörlosen Performern/Dolmetscher*innen u.a. anbieten, sich in ihrem Team zu bewerben. Voraussetzung: Dolmetscherabschluss (wie eigentlich jeder Kostenträger von GSD verlangt, einen Abschluss zu haben). Gleichzeitig...
...kündigt LMS eine Facebook-Live-Session für Freitag Abend an, für alle offen, explizit dazu gedacht, auch Fragen zu der ganzen Geschichte zu stellen. DMDHT äußert Verständnis für das generelle Anliegen der Aktivisten von DPN. Nun reagiert eine Stunde vor der Live-Session...
...DPN mit einer Videobotschaft, in der kritisiert wird, dass DMDHT einen Abschluss voraussetzt, weil Gehörlose ja unterprivilegiert seien und deshalb die Hürde hoch angesetzt sei. Sie fordern taube Performer auf der Bühne. LMS macht ihre Live-Session und antwortet hinterher...
...mit einem Video an DPN gerichtet. LMS erklärt die Hintergründe: Der Dolmetschabschluss sei einfach die Minimalvoraussetzung für die Dolmetscharbeit. Sie ärgert sich darüber, dass DPN nicht auf ihr Angebot eingehen und stattdessen wenig konstruktiv kritisieren..
Am Ende steht bei LMS ein Gesprächsangebot und die Ankündigung, dass das das letzte Video sei. Bei der Live-Session, merkt sie an, hätte DPN zugeschaut, aber nichts gesagt. Schade, findet LMS.
So in etwa die Zusammenfassung. Jetzt noch ein bisschen Einordnung von mir: DPN, Deaf Performance Now, ist eine Anspielung auf die Bewegung "Deaf President Now", die in den USA Geschichte schrieb. An der Universität Gallaudet, wo der Unterricht in Gebärdensprache stattfindet...
...waren lange nur Hörende an der Spitze. Das änderte Deaf President Now, nachzulesen hier und ein wichtiges Kapitel der Gehörlosengeschichte: en.wikipedia.org/wiki/Deaf_Pres…
Und noch was: Die Diskussion zum Musikdolmetschen kommt alle paar Jahre wieder. Es ist gerade wohl mal wieder Zeit. Das geht schon etwa 3 Jahre so und spitzt sich grade zu. Dazu möchte ich aber sagen, dass die Diskussion auf einem sehr inklusivem Niveau abläuft:
Sowohl LMS, DMDHT als auch DPN machen alle ihre Videos in Gebärdensprache und in Textform zugänglich. Das ist nicht selbstverständlich, und auf jeden Fall eine erfreuliche Entwicklung an der Sache. Umgekehrt kann ich nur sagen, dass die Textthreads von mir hier...
...für Gehörlose ggf. nicht zugänglich sind. Das tut mir leid, aber weil sich das hier an Außenstehende richtet, die mit Gehörlosigkeit in aller Regel nichts zu tun haben, halte ich das für verschmerzbar.
Ach ja, Ergänzung: DPN fordert offenbar eher so "Deaf Performer" auf der Bühne. Ein bisschen habe ich den Eindruck, es geht vielleicht gar nicht so sehr ums Dolmetschen, sondern mehr darum, mehr taube Performances auf der Bühne zu haben?
Berechtigte Forderung - hat aber nichts mit Dolmetschen oder mit LMS/DMDHT zu tun dann. Ist sowieso schon typisch an der ganzen Sache: Es werden sehr viele Ebenen miteinander vermischt... das macht die ganze Sache nicht eben leicht.
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