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Puhh! Ein paar Worte zur medialen Rezeption und der Pressearbeit der @PolizeiSachsen zu den Ereignissen in #Connewitz an #le0101.

Warnung: Es könnte ein längerer #Thread werden…
Vorab: Es geht mir nicht um Relativierung, Bewertung oder Rekonstruktion dessen, was in #Connewitz passiert ist. Menschen angreifen & verletzen ist scheiße. Punkt. In anderer Weise beängstigend empfinde ich aber, was & wie seitdem darüber seitens der Polizei kommuniziert wurde.
Für mich zeichnet sich ab, dass die Pressestelle der Polizei #Leipzig und das Social-Media Team @polizeisachsen im besten Fall unprofessionell agiert, im schlimmsten Fall gezielt das öffentliche Bild der Ereignisse und die mediale Rezeption beeinflusst haben.
Das ist umso trauriger, weil das Social-Media-Team im letzten Jahr oft einen sehr professionellen Job gemacht hat. Als Journalist habe ich einen Teil des Teams ja auch bereits persönlich kennenlernen können.
Der Reihe nach: An #le3112 beschweren sich ab den Mittagsstunden zahlreiche User über einen Polizeihubschrauber, der ohne ersichtlichen Grund über #Connewitz kreiste.
Ab dem frühen Abend mehrten sich Meldungen über verdachtsunabhängige Personenkontrollen: „Dystopische Atmosphäre, alle paar Meter wird jemand von der Executive angehalten.“
Die @polizeisachsen reagiert auf zahlreiche Meldungen – auch auf Posts in denen sie nicht markiert war. Anscheinend scannt man zentrale Hashtags #le3112 & #connewitz. Die copy-paste-Antwort suggeriert entspannte Situation, die mit Schilderungen vor Ort wenig im Einklang steht.
Um 00:26 schreibt ein anonymer Account: „Nachdem ein brennender Einkaufswagen aufs Kreuz geschoben wurde eskaliert die Lage.“ Von dem als Polizeiauto dekorierten Einkaufswagen gibt es Bilder. Laut Augenzeugen soll er auf der Kreuzung durch eine Straßenbahnschiene umgekippt sein.
Fünf Minuten später postet Marco Bras Dos Santos eine Meldung über einen bewusstlosen Polizisten und wirft dem Leipziger Polizeipräsidenten vor, seine Beamten zu „verheizen“. In der Vergangenheit hatte sich Bras Dos Santos mehrfach kritisch über den Polizeipräsidenten geäußert.
Die @PolizeiSachsen antwortet um 00:45 auf diesen Tweet. Mit diesen 260 Zeichen verlässt sie die professionelle Kommunikation und gibt den ersten Rahmen für die öffentliche Rezeption. Und zwar in drei Schritten:
1. Zeigt man sich vollkommen überrascht, über eine Eskalation. Obwohl das SM-Team höchstwahrscheinlich in den Stunden zuvor etliche Kommentare gescannt hat, in denen der Polizei eine Eskalationsstrategie vorgeworfen wurde.
2. Wird als absolut dargestellt, Angreifer würden sich als „vermeintlich friedlich feiernde Personen“ verstehen bzw ausgeben. Kritik am Einsatzkonzept der Polizei oder Polizeigewalt gegen Unbeteiligte kann fortan damit abgetan werden, dass „Feiernde“ nur Deckmantel sei.
3. Man sei fassungslos darüber, dass zeitnah von anderer Instanz über verletzte Beamte berichtet wird. Dies wirkt auch absurd, weil die Polizei regelmäßig kritisiert, das verletzte Polizisten von Beobachtern vor Ort unerwähnt blieben, während Polizeigewalt skandalisiert würde.
Nachdem vorher auf Kritik distanziert & mit Allgemeinplätzen geantwortet wurde – das SM-Team ist in der Regel nicht direkt am Ort des Geschehens, sondern moderiert nun einmal – reagiert man fortan aggressiv und suggeriert zumindest, die Autorin habe Eindrücke aus erster Hand.
Um 04:42 veröffentlicht die Pressestelle der Polizei Leipzig eine umfangreiche Pressemeldung zu den Geschehnissen. Dass diese PM von entscheidender Bedeutung sein und bundesweit rezipiert werden wird, muss den Pressesprechen nach Erfahrungen in Vorjahren bekannt gewesen sein.
Deswegen sind Form und Veröffentlichungszeit von besonderer Bedeutung: Die Meldung ist früh genug da, um mit dem Beginn der Frühschicht von Redaktionen aufgegriffen zu werden, obwohl die Ereignisse zu dem Zeitpunkt nur gut 2,5h zurückliegen. (Letztes geschilderte Ereignis 02:20)
Zudem enthält sie ein ausführliches (mutm. gescriptetes) Zitat des Leipziger Polizeipräsidenten, in dem er seinen Kritiker Bras Dos Santos namentlich nennt und ihm vorwirft, er rechtfertige den Angriff – ohne den besagten Tweet zu zitieren.
Schulzes Schlusssatz „Es gibt keine rechtsfreien Räume“ suggeriert zudem, Bras Dos Santos hätte ebendiese gefordert und nicht kritisiert, dass Polizisten verheizt werden. (Aktuell erhält Bras Dos Santos wohl zahlreiche Beleidigungen auf seinem Twitterprofil...)
Auch findet sich in der PM der bereits erwähnte brennende Einkaufswagen, der auf die Kreuzung geschoben wurde. Gewalttäter hätten versucht, ihn mitten in eine Polizeieinheit zu schieben. Ob dies tatsächlich versucht wurde, ist unklar.
Tatsächlich inmitten der Polizisten gelandet ist der Wagen selbst der PM zufolge nicht, auch wenn gegenteiliges hängenbleibt. Später wird dies vom Social-Media-Team noch einmal dramatischer dargestellt werden.
Diese PM der Polizei wird von zahlreichen Medien aufgegriffen. Auch wenn @DJVde warnt, Polizeimeldungen ungeprüft zu übernehmen, ist eine solche PM für unterbesetzte Redaktionen vor allem durch die zusätzlichen Zitate eine oft dankbar angenommene Zuarbeit.
Die Bild veröffentlicht kurzerhand sogar einen Artikel, der zu rund 90% aus größtenteils wörtlichen Kopien der Polizeimeldung besteht. Durch die wörtlichen Zitate ganzer Absätze wird nicht einmal wie üblich bei ungesicherten Schilderungen im Konjunktiv berichtet.
Auf Twitter greift zudem Punkt 2 des oben erklärten Framings: Wer von Polizeigewalt gegen „Feiernde“ spricht, relativiere Gewalttäter. Dieser Twist wird auch von zahlreichen rechten Twitterern aufgegriffen, macht vor allem @luna_le & @michaelneuhaus zum Ziel von Beleidigungen.
Aktuell trendet #Connewitz, alle relevanten Medien haben die Inhalte der ersten Polizeimitteilung aufgegriffen und nun vermeldet die Polizei Leipzig, dass aufgrund laufender Ermittlungen heute keine weiteren Infos erteilt werden. Ja, Aufarbeitung braucht Zeit... Puh!
Und jetzt wiederhole ich mich zum Abschluss: Es geht hier nicht um Relativierung, Bewertung oder Rekonstruktion dessen, was in #Connewitz passiert ist. Menschen angreifen & verletzen ist scheiße. Punkt. Hier geht es um was anderes, das auf andere Weise problematisch ist.
Hier noch eine Ergänzung/Korrektur: Dieser Absatz bezieht sich vorrangig auf folgenden Tweet. Deswegen auch "Autorin"... Bevor *fs sich wundert.
Hier fehlten die Bilder. Sorry.
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